Schlaganfälle, Jüngeren

Schlaganfälle bei Jüngeren: Rate steigt um mehr als 80 Prozent

Veröffentlicht am: 01.10.2026 um 20:13 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Eine US-Langzeitstudie zeigt mehr Schlaganfälle bei jüngeren Erwachsenen, während die Häufigkeit bei über 55-Jährigen sank.

Schlaganfälle bei Jüngeren nehmen zu, bei Älteren gehen Fälle zurück
Ein minimalistischer, klinischer Untersuchungsraum mit einem leeren medizinischen Tablett in ruhiger, steriler Atmosphäre. Illustration mit AI erstellt.

Schlaganfälle galten lange Zeit vor allem als Erkrankung des höheren Lebensalters. Neuere epidemiologische Auswertungen zeichnen jedoch ein gegenläufiges Bild: Während die Fallzahlen bei älteren Menschen rückläufig sind, verzeichnen jüngere Altersgruppen einen deutlichen Zuwachs an Erkrankungen.

Eine im Fachjournal Neurology veröffentlichte Untersuchung der University of Cincinnati vom 23. September 2026 analysiert diese Verschiebung und liefert detaillierte Einblicke in veränderte Risikoprofile.

Langzeittrends und Risikofaktoren im Fokus

Die Datenbasis der Untersuchung bildet die Greater Cincinnati Northern Kentucky Stroke Study, geleitet von Erstautorin Dr. Emily R. Fisher und Seniorautor Dr. David Robinson. Über sechs Erhebungszeiträume zwischen Juli 1993 und 2020 hinweg erfasste das Team in fünf Countys insgesamt 2.076 Erst-Schlaganfälle.

Bei den 20- bis 54-Jährigen stieg die Rate von 33,9 Fällen je 100.000 Personenjahre im Zeitraum 1993 bis 1994 auf 62,2 Fälle im Jahr 2020, was einem Anstieg von über 80 Prozent entspricht. Über die gesamte Gruppe der unter 54-Jährigen hinweg kletterte die Rate von rund 34 Fällen je 100.000 Menschen im Jahr 1994 auf rund 62 im Jahr 2020 – mithin fast eine Verdopplung.

Bei den über 55-Jährigen sank die Häufigkeit im selben Zeitraum hingegen von 618,8 auf 453,0 Fälle je 100.000 Personenjahre. Getrieben wurde der Anstieg bei jüngeren Erwachsenen vor allem durch ischämische Schlaganfälle, deren Rate von 23,8 auf 47,3 Fälle stieg.

Bei intrazerebralen und subarachnoidischen Hirnblutungen gab es keine vergleichbare Zunahme. Zugleich sank die bereinigte 30-Tage-Sterblichkeit bei Jüngeren von 11,7 Prozent auf 9,4 Prozent.

Parallel dazu veränderten sich die dokumentierten Risikofaktoren unter den jungen Betroffenen:
- Hypertonie stieg von 47 Prozent auf 60 Prozent.
- Diabetes legte von 19 Prozent auf 26 Prozent zu.
- Vorhofflimmern kletterte von 1 Prozent auf 6 Prozent.
- Der nachgewiesene Substanzkonsum erhöhte sich von 4,6 Prozent auf 40,2 Prozent, wobei überwiegend Marihuana konsumiert wurde.

Ebenfalls nahmen Adipositas, erhöhte Cholesterinwerte und Bewegungsmangel zu. Seniorautor Dr. David Robinson hob hervor, dass ein Schlaganfall für jüngere Menschen besonders verheerend sei und eine frühe kardiovaskuläre Vorsorge eine zentrale Rolle spiele. Der Neurochirurg Walavan Sivakumar beschrieb die Ursachen als multifaktoriell und verwies neben Cannabis auch auf Substanzen wie Kokain und Methamphetamin.

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Internationale Daten und offene Fragen

Die Entwicklung beschränkt sich nicht auf die Vereinigten Staaten. Ahmad Nehme und Linxin Li von der University of Oxford stellten in einer Übersichtsarbeit im International Journal of Stroke fest, dass die Raten bei unter 55-Jährigen in 24 von 36 ausgewerteten Studien mit Daten nach dem Jahr 2000 gestiegen sind.

Linxin Li verwies auf einen bedrohlichen Trend in Hocheinkommensländern und betonte, dass die Zunahme in der Region Oxfordshire auch jüngere Personen betreffe, die weder unter Bluthochdruck noch Diabetes litten und nicht rauchten. In Italien beziffert die Organisation A.L.I.Ce. die Zahl der jährlichen Diagnosen bei unter 45-Jährigen auf etwa 4.600 Fälle.

Fachleute weisen darauf hin, dass klassische vaskuläre Faktoren das Phänomen nicht vollständig erklären. Dr. Michelle Leppert, Gefäßneurologin am Tufts Medical Center, erklärte, dass Herzinfarkte bei jüngeren Erwachsenen nicht im gleichen Maße zugenommen hätten.

Zudem träten Schlaganfälle bei Frauen unter 45 Jahren häufiger auf als bei Männern. Eine weitere Untersuchung deutet darauf hin, dass Stress bei 18- bis 49-Jährigen mit einem höheren Risiko für ungeklärte Schlaganfälle einhergeht, selbst wenn klassische Gefäßrisiken berücksichtigt werden.

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Relevanz für Vorsorge und Diagnostik

Dr. Michelle Leppert riet dazu, jährliche Kontrolluntersuchungen wahrzunehmen und Warnsignale wie plötzliche Kopfschmerzen oder neurologische Ausfälle ernst zu nehmen.

Als Orientierung dienen die BE-FAST-Kriterien: Gleichgewichtsprobleme, Sehveränderungen, Gesichtslähmung, Armschwäche und Sprachschwierigkeiten, die sofortiges Handeln erfordern. Jungen Frauen mit Migräne mit Aura empfahl die Neurologin, mit ihren behandelnden Ärzten über östrogenfreie Verhütungsmethoden zu sprechen.

Auch neue Methoden der Früherkennung gewinnen an Bedeutung. Eine Untersuchung des University College London und des Moorfields Medical Center in PLOS Digital Health an rund 90.000 Menschen zeigte, dass strukturelle Veränderungen der Netzhaut bereits vier Jahre vor der eigentlichen Diagnose auf Vorhofflimmern hindeuten können.

Hauptautor Josef Huemer stellte fest, dass routinemäßige Augenuntersuchungen künftig dazu beitragen könnten, gefährdete Personen frühzeitig für kardiologische Abklärungen zu identifizieren. In Deutschland leben derzeit etwa zwei Millionen Menschen mit Vorhofflimmern.

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