Schulleistung: Ein Drittel der 15-Jährigen verfehlt Basiskompetenzen
Veröffentlicht am: 19.09.2026 um 04:51 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ein breites Bündnis aus über 200 Organisationen hat unter dem Motto „25 Jahre PISA: Schluss mit Ausreden“ zu einem bundesweiten Bildungsprotesttag aufgerufen.
Das Bündnis Bildungswende JETZT! mobilisiert gemeinsam mit Gewerkschaften und Initiativen in zahlreichen deutschen Städten, um auf grundlegende Missstände im Schul- und Betreuungssystem aufmerksam zu machen. Hintergrund der Aktionen sind anhaltende Leistungseinbrüche bei Basiskompetenzen und wachsende strukturelle Defizite an den Schulen.
Zentrale Aktionen und regionale Schwerpunkte
Als zentraler Kundgebungsort des Protesttages dient Köln. Dort beginnt die Demonstration um 11 Uhr am Friesenplatz, gefolgt von einer Hauptkundgebung um 13 Uhr am Heumarkt. Nach Angaben der Veranstalter werden in Köln rund 2.000 Teilnehmer erwartet.
Auch in anderen Regionen Nordrhein-Westfalens formiert sich Widerstand: In Bielefeld ist eine Kundgebung um 11:55 Uhr am Jahnplatz angesetzt, in Bochum beginnt ein Protestzug um 12 Uhr am Hauptbahnhof mit einer anschließenden Veranstaltung vor dem Rathaus um 13 Uhr. Für beide Städte rechnen die Organisatoren mit jeweils mehreren Hundert Teilnehmenden.
Darüber hinaus erstrecken sich die Demonstrationen über das gesamte Bundesgebiet. Aktionen wurden unter anderem in Berlin, Potsdam, Halle, Marburg, Nürnberg, München, Ulm, Stuttgart, Friedrichshafen und Bremen angekündigt. Auch die GEW NRW rief explizit zum Bildungsprotest am 19. September in Köln auf.
Kernforderungen und gewerkschaftliche Kritik
Das Bündnis Bildungswende JETZT! verknüpft den Protesttag mit einem umfassenden Forderungskatalog an die Politik. Verlangt werden inklusive, zukunftsfähige Kitas und Schulen, eine Ausbildungsoffensive, die Einberufung eines Bildungsgipfels sowie ein staatliches Sondervermögen von mindestens 100 Milliarden Euro.
Anlass zur Sorge bereitet den Initiatoren auch die Situation beim Schulabschluss: In Nordrhein-Westfalen verließen zuletzt 7.430 junge Menschen die Schule ohne Abschluss, was den höchsten Stand seit zehn Jahren markiert.
Gewerkschaftsvertreter mahnen dringenden Handlungsbedarf an. Die GEW-Vorsitzende Maike Finnern fordert ein radikales Umdenken in der Bildungspolitik. Die Vorsitzende der GEW NRW, Ayla Çelik, verweist auf die Ergebnisse von PISA sowie des Bildungsmonitors und fordert ausreichend Personal, zusätzliche Zeit für individuelle Förderung und eine bedarfsgerechte Finanzierung der Einrichtungen.
Leistungsdaten und kognitive Herausforderungen im Schulalltag
Die Proteste stehen im Kontext historisch schwacher Erhebungen zum kognitiven Leistungsstand der Schülerinnen und Schüler. Auswertungen zu PISA 2025 für Deutschland zeigen die schwächsten Werte seit dem Jahr 2000 und markieren Tiefstände in allen drei Kernbereichen.
Deutsche Schüler erreichten 464 Punkte in Mathematik, 465 Punkte im Lesen sowie 486 Punkte in den Naturwissenschaften. Damit liegt das deutsche Leistungsniveau im OECD-Durchschnitt und bleibt deutlich hinter Spitzenreitern wie Singapur, China und dem europäischen Vorreiter Estland zurück.
Die aktuellen PISA-Zahlen zeigen: Rund ein Drittel der 15-Jährigen verfehlt die grundlegenden Kompetenzstufen in Mathematik und Lesen — und Herkunftseffekte wirken so stark wie nie seit 2000. Wer sein Kind gezielt begleiten will, braucht keine Panik, sondern einen klaren Blick auf den eigenen Lernstand und wenige, konsequent umgesetzte Förder-Schritte. Kostenlosen Eltern-Ratgeber zur Lernförderung anfordern
Rund ein Drittel der 15-Jährigen in Deutschland verfehlt die grundlegenden Kompetenzstufen in Mathematik und Lesen; in den Naturwissenschaften scheitert etwa ein Viertel an den Basiskompetenzen. Lediglich 8 Prozent erreichen in Mathematik die höchste Kompetenzstufe, während dieser Anteil in Singapur bei 37 Prozent liegt.
Zudem zeigen die Daten, dass Herkunftseffekte in Deutschland so ausgeprägt sind wie zu keinem Messzeitpunkt seit 2000. Im Bereich des modellbasierten Problemlösens erzielte Deutschland 498 Punkte, was exakt dem OECD-Durchschnitt entspricht.
Gleichzeitig verändern digitale Medien die Lernumgebungen. Bei PISA 2025, an dem über 760.000 15-Jährige aus 91 Ländern teilnahmen, wurde erstmals der Bereich des Lernens in der digitalen Welt erfasst. Dabei gaben 50 Prozent der Jugendlichen in Deutschland an, mindestens wöchentlich einen KI-Chatbot zum Lernen zu nutzen, verglichen mit 46 Prozent im OECD-Durchschnitt.
Allerdings berichten 33 Prozent der deutschen Schüler, häufig durch die digitale Nutzung ihrer Mitschüler abgelenkt zu werden. Im OECD-Schnitt berichten 28 Prozent über Ablenkungen durch digitale Geräte im naturwissenschaftlichen Unterricht.
Obwohl hierzulande 64 Prozent der Schüler Einrichtungen mit einem Verbot privater Geräte besuchen, hat sich das flüchtige Lesen im Zeitraum von 2018 bis 2025 nahezu verdoppelt.
Im Gegensatz zum deutschen Abwärtstrend verzeichnete England laut Berichten vom 18. September 2026 PISA-Erfolge mit auffällig hoher Lesekompetenz, die auf klare Verhaltensregeln, Disziplin und Handyverbote zurückgeführt werden.
Impulse aus Schülerschaft und Wissenschaft
Parallel zu den Protesten wächst der Druck aus den Bundesländern. Der Landesschülerrat Brandenburg schlägt Alarm bezüglich Unterrichtsqualität, Handynutzung, Notendruck sowie mentaler Gesundheit und kritisierte den Frontalunterricht als Standard. Das Gremium legte einen Zehn-Punkte-Plan vor.
Zu den Kernpunkten zählen die Abschaffung unangekündigter Tests, die Verankerung von Politischer Bildung als Pflichtfach ab Klasse 5 bis zum Abschluss, Medienbildung als eigenes Fach ab Klasse 3 sowie ein grundsätzliches Überdenken der Notenbewertung.
Bildungsminister Gordon Hoffmann (CDU) kündigte an, diese Forderungen prüfen zu wollen, verwies jedoch zugleich auf die finanziellen Grenzen des Landes.
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Auf wissenschaftlicher Ebene werden unterdessen alternative Modelle diskutiert. Die Konrad-Adenauer-Stiftung thematisierte das Konzept der sogenannten 100-Prozent-Schulen, vorgelegt von Professor Anne Sliwka und Ekkehard Thümler. Ziel ist es, dass alle Kinder die Regelstandards in den Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen erreichen.
Das Modell sieht eine fünfstufige Kernroutine vor, die von digitaler Lernstandserhebung und multiprofessioneller Datenanalyse über strukturierte Elterngespräche bis hin zu adaptiver Förderung und regelmäßiger Lernentwicklungskontrolle reicht. Vorbilder hierfür finden sich unter anderem in Programmen wie Success for All in den USA sowie in Regionen wie Ontario, Alberta und Finnland.
