Selbstmitgefühl: Lübecker Studie sieht Schutz für die psychische Stabilität
Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 12:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deGrundlegende Fähigkeiten wie Konfliktfähigkeit, Durchsetzungsvermögen und Resilienz werden bereits in frühen Lebensjahren angelegt. Wie die Therapeutin Brigitte Scheidt darlegt, kommt dem familiären Umfeld eine Schlüsselrolle zu: Eltern können die Entwicklung dieser Kompetenzen im Alltag gezielt unterstützen, indem sie Heranwachsenden Raum zur Entfaltung und Bewältigung von Herausforderungen bieten.
Fachleute und wissenschaftliche Erhebungen betonen dabei gleichermaßen die Bedeutung von Selbstständigkeit, analogem Spiel und einem konstruktiven Umgang mit Fehlern.
Freiräume für eigenständiges Denken und Fehlerkultur
Für eine gesunde psychische und kognitive Entwicklung gilt das Lernen ohne Leistungsdruck als wesentlicher Baustein. Eltern können eigenständiges Denken, Kreativität, Empathie und emotionale Stärke fördern, indem sie offene Fragen stellen, kreatives Ausprobieren ermöglichen und Interessen ernst nehmen.
Dazu zählen auch flexible Zeitpläne sowie die Bereitschaft von Bezugspersonen, eigene Gefühle transparent zu zeigen. Ein konstruktiver Umgang mit Fehlern und regelmäßige Diskussionen stärken das Vertrauen junger Menschen in ihre eigenen Fähigkeiten.
Trotz der alltäglichen Herausforderungen bewerten rund 75 Prozent der Jugendlichen ihr Verhältnis zu den Eltern als sehr gut. Gleichzeitig stehen Erziehende oft unter hoher Belastung: Rund 5 Prozent der Eltern geraten Schätzungen zufolge in ein Burnout.
Der Sender 3sat greift diese Thematik mit der Dokumentation „Eltern-Burnout – was hilft gegen Erziehungsstress?“ auf, die ab dem 4. Oktober 2026 um 6:00 Uhr in der Mediathek abrufbar ist und am 8. Oktober 2026 um 20:15 Uhr ausgestrahlt wird, gefolgt von einem NANO Talk zu zeitgemäßen Familienmodellen um 21:00 Uhr.
Spielräume, Bildschirmzeit und Selbstständigkeit
Resilienz bildet sich auch über den konkreten physischen Aktionsradius aus. Selbstständige Schulwege fördern nachweislich soziale Kompetenzen sowie den Umgang mit Risiken. Gleichzeitig verzeichnete das DGUV-Barometer Bildungswelt 2025 im ersten Halbjahr 2025 insgesamt 42.303 meldepflichtige Schulwegunfälle, was einem Anstieg von rund 5 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht.
Die Forschung der Universität zu Lübeck zeigt: Menschen mit ausgeprägtem Selbstmitgefühl bleiben auch bei Misserfolgen psychisch stabiler. Für Eltern heißt das: Wer gut für sich selbst sorgt, gibt diese Stabilität an die Kinder weiter. Unser kostenloser Leitfaden zeigt Ihnen, wie Sie Selbstmitgefühl ganz konkret in den Familienalltag einbauen. Jetzt kostenlosen Familien-Leitfaden anfordern
Laut einer Umfrage der DGUV nannte fast die Hälfte der befragten Lehrkräfte durch Autos oder Eltern verursachte Gefahrensituationen im Schulumfeld, während laut dem Verband Bildung und Erziehung (VBE) fast jede dritte Lehrkraft mindestens wöchentlich gefährliche Situationen vor Schulen beobachtet.
Im häuslichen Alltag spielen zudem die Spielmaterialien eine tragende Rolle. Freies Spielen mit analogem Spielzeug wie Bauklötzen, Puppen und Rätseln kann räumliches Denken, Sprache, Fantasie, Impulskontrolle sowie selbstgesteuerte Aufmerksamkeit schulen.
Eine Studie aus dem Jahr 2023 mit mehr als 7.000 Kindern zeigte zudem, dass eine höhere Bildschirmzeit im Alter von einem Jahr mit einer größeren Wahrscheinlichkeit von Entwicklungsverzögerungen bei der Kommunikation, der Feinmotorik, der Problemlösung und den persönlich-sozialen Kompetenzen im Alter von zwei und vier Jahren verbunden war.
Eine weitere Untersuchung ergab, dass Kleinkinder mit vier verfügbaren Spielzeugen jeweils etwa doppelt so lange und fantasievoller spielten wie mit 16 Objekten.
Selbstmitgefühl und der Umgang mit Belastungen
Die Entwicklung von Stärke bedeutet nicht, dauerhaft glücklich zu sein. Der Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs betonte in einem Podcast von Spektrum der Wissenschaft, dass ständige Nachrichten Ohnmachtsgefühle schüren können, und hob den Wert unmittelbarer persönlicher Beziehungen hervor. Psychische Gesundheit bestehe darin, Belastungen sowie negative Gefühle aktiv zu bewältigen und nach Krisen wieder ins Gleichgewicht zu finden.
Rund 5 Prozent der Eltern geraten Schätzungen zufolge in ein Burnout — und wer selbst am Limit läuft, kann Kinder schwer beim Umgang mit Belastung begleiten. Der Leitfaden zeigt Ihnen Übungen für mehr Gelassenheit im Erziehungsstress und wie Sie Kinder ohne Leistungsdruck stärken. Selbstmitgefühl-Praxis-Guide jetzt sichern
Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangte eine im September 2026 im Fachjournal Royal Society Open Science veröffentlichte Studie der Universität zu Lübeck: Menschen mit ausgeprägtem Selbstmitgefühl berichteten unabhängig von Erfolg oder Misserfolg über mehr positive Gefühle, wobei ihr Selbstwert nicht erkennbar von der Leistung abhing.
Bei Personen mit geringem Selbstmitgefühl war der Selbstwert hingegen stark leistungsabhängig. Die Forschenden sehen darin Hinweise darauf, dass Selbstmitgefühl wesentlich zur psychischen Stabilität beitragen und somit eine relevante Schutzfunktion gegen Depressionen und Angststörungen übernehmen kann.
