Self-Care-Kritik, Wiesböck

Self-Care-Kritik: Wiesböck warnt vor Produktivitätsfalle

14.06.2026 - 01:39:15 | boerse-global.de

Soziologin warnt vor kapitalistischer Vereinnahmung von Achtsamkeit. Psychiatrische Kliniken kämpfen mit widersprüchlichen Gesetzen.

Self-Care-Kritik und Trauma: Neue Perspektiven auf psychische Gesundheit
Self-Care-Kritik - Eine einzelne Person sitzt in einem spärlich beleuchteten Raum, die Hände gefaltet, blickt nachdenklich auf eine Lichtquelle. Die Szene vermittelt Isolation und Reflexion. 14.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Während individuelle Bewältigungsstrategien boomen, wächst die soziologische Kritik am Self-Care-Konzept.

Soziologische Kritik: Self-Care als Produktivitätsfalle?

Die Soziologin Laura Wiesböck legt in ihrem 2026 erschienenen Werk dar: Eine Übersteigerung von Selbstfürsorge kann unbeabsichtigte negative Folgen haben. Ihrer Analyse zufolge werden Achtsamkeitspraktiken oft als Instrumente zur Steigerung individueller Produktivität vermarktet. Das diene kapitalistischen Interessen statt echter Emanzipation.

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Eine exzessive Fokussierung auf das eigene Wohlergehen führe zu Isolation und Abkehr von gemeinschaftlicher Verantwortung, warnt die Autorin. Zudem reproduziere das gängige Self-Care-Verständnis häufig traditionelle Rollenbilder. Was fehlt: öffentliche, konsumfreie Räume für kollektive Erholung ohne ökonomischen Druck.

Trauma-Bewältigung: Wenn Heilung Jahrzehnte braucht

Ungeachtet der soziologischen Kritik zeigen Fallbeispiele die Notwendigkeit gezielter Interventionen nach traumatischen Erlebnissen. Ein im Juni 2026 veröffentlichter Essay thematisiert die generationsübergreifenden Auswirkungen eines Gewaltverbrechens aus den 1970er Jahren. Die Betroffenen orientierten sich beruflich in die Psychotherapie um.

Auch in der Familienplanung werden traumatische Erfahrungen öffentlicher. Sängerin Natalie Imbruglia berichtete im Juni 2026 über psychische Belastungen während einer IVF-Behandlung 2019. Sie fordert transparenten Austausch über die traumatischen Aspekte solcher medizinischer Prozesse.

Praktische Ansätze zur Stressreduktion gibt es viele:

  • Gartentherapie: Fachleute wie Susanne Büssenschütt empfehlen Gärtnern zur Stärkung der Selbstwirksamkeit, besonders für pflegende Angehörige.
  • Journaling: Methoden wie somatisches Journaling oder kognitive Verhaltenstherapie sollen durch schriftliche Reflexion Heilungsprozesse anstoßen.
  • Kreative Projekte: Nach familiärer Gewalt führten Therapieerfahrungen zur Gründung von Musikprojekten – als Ventil für komplexe posttraumatische Belastungsstörungen.

Selbstmitgefühl im Job: Auch Anwälte brauchen Achtsamkeit

Die Relevanz psychischer Gesundheit erreicht zunehmend leistungsorientierte Branchen. Untersuchungen in Anwaltskanzleien deuten darauf hin: Selbstmitgefühl senkt nicht nur das Burnout-Risiko, sondern verbessert auch die Entscheidungsqualität. Kanzleien investieren vermehrt in Achtsamkeitstrainings.

Parallel gewinnen technologische Assistenzsysteme an Bedeutung. Die Berufsgenossenschaft BG ETEM weist darauf hin: KI kann den Verwaltungsaufwand bei Gefährdungsbeurteilungen reduzieren. Das menschliche Urteilsvermögen bleibe aber unverzichtbar. Neurowissenschaftler Henning Beck betont: Menschliches Denken in Konzepten und Lernen aus Fehlern sind weiterhin ein entscheidender Wettbewerbsvorteil gegenüber merkmalsbasierter KI.

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Systemversagen: Psychiatrie zwischen Gesetzesfalle und Personalmangel

Trotz des Wissens um Prävention steht die psychiatrische Versorgung vor massiven strukturellen Problemen. Die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft warnt im Juni 2026 vor einer akuten Gefährdung der Versorgungssicherheit.

Der Grund: widersprüchliche gesetzliche Vorgaben. Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz limitiert die Budgets. Gleichzeitig fordern Richtlinien verbindliche Personalvorgaben – deren Nichteinhaltung wird sanktioniert. Diese Doppelbelastung bringt psychiatrische Kliniken in finanzielle Schieflage.

Auf politischer Ebene gibt es Bestrebungen, Stress am Arbeitsplatz gesetzlich zu begrenzen. Konzepte für eine Stresspräventionsverordnung sehen vor: Erreichbarkeit von Beschäftigten limitieren, verpflichtende Gefährdungsanalysen zur psychischen Belastung einführen. Ziel ist es, dem Anstieg psychisch bedingter Fehltage entgegenzuwirken.

de | wissenschaft | 69536499 |