Semaglutid-Studie, Alkohol

Semaglutid-Studie: 30 Prozent weniger Alkohol pro Trinktag nach neun Wochen

Veröffentlicht am: 03.10.2026 um 16:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Klinische Studien berichten von geringerem Alkoholkonsum unter Semaglutid; eine Zulassung zur Behandlung von Alkoholabhängigkeit besteht bislang nicht.

Semaglutid bei Alkoholproblemen: Studien zeigen weniger Konsum, Zulassung fehlt
Ein minimalistisch gestalteter, klinischer Laborarbeitsplatz mit Glasgefäßen in hellem, natürlichem Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

Wissenschaftliche Untersuchungen analysieren zunehmend das Potenzial von Semaglutid zur Reduktion des Alkoholkonsums. Während GLP-1-Rezeptoragonisten wie Wegovy ursprünglich für die Behandlung von Typ-2-Diabetes und Adipositas entwickelt wurden, deuten mehrere klinische Studien und Registerdaten darauf hin, dass die Wirkstoffklasse auch Einfluss auf neuronale Belohnungsmuster und Suchtverhalten haben könnte.

Klinische Studien zeigen Rückgang von Trinktagen und Konsum

Mehrere kontrollierte Studien untersuchten diesen Zusammenhang bei Betroffenen mit Alkoholgebrauchsstörungen. Am Mental Health Center Copenhagen in Dänemark prüften Forscher den Effekt von Semaglutid in einer randomisierten Studie mit 108 behandlungssuchenden Erwachsenen.

Alle Probanden wiesen einen Body-Mass-Index von mindestens 30 kg/m², einen AUDIT-Wert von über 15 sowie mindestens sechs schwere Trinktage innerhalb von 30 Tagen vor Studienbeginn auf. Über 26 Wochen erhielten die Teilnehmer wöchentlich subkutan Semaglutid, austitriert auf 2,4 mg, oder ein Placebo, jeweils kombiniert mit einer standardisierten kognitiven Verhaltenstherapie.

In der Semaglutid-Gruppe sank der Anteil schwerer Trinktage um 41,1 Prozentpunkte (95 %-Konfidenzintervall: -48,7 bis -33,5), während in der Placebogruppe ein Rückgang um 26,4 Prozentpunkte (95 %-KI: -34,1 bis -18,6) verzeichnet wurde.

Die Behandlungsdifferenz belief sich auf -13,7 Prozentpunkte (95 %-KI: -22,0 bis -5,4; P=0,0015). Zudem verringerte sich der Gesamtalkoholkonsum über 30 Tage unter Semaglutid um 1550,2 Gramm im Vergleich zu 1025,9 Gramm unter Placebo, was einer Differenz von -467,5 Gramm entspricht.

Auch der Biomarker Phosphatidylethanol ging unter Semaglutid signifikant zurück. Bislang existieren in den USA lediglich drei von der FDA zugelassene Medikamente gegen Alkoholgebrauchsstörungen: Disulfiram, Acamprosat und Naltrexon.

Ergänzende Ergebnisse lieferte eine Phase-2-Studie der University of North Carolina unter Leitung des Psychiaters Christian Hendershot, die in der Fachzeitschrift JAMA Psychiatry erschien. Bei 48 Teilnehmern mit einem Durchschnittsalter von rund 40 Jahren sank der Alkoholkonsum pro Trinktag unter wöchentlichem Semaglutid über neun Wochen um 30 Prozent, verglichen mit zwei Prozent unter Placebo.

Bis zum zweiten Monat blieben rund 40 Prozent der Semaglutid-Gruppe ohne schwere Trinktage, gegenüber 20 Prozent unter Placebo. Die Endokrinologin Klara Klein von der University of North Carolina verwies darauf, dass größere und längere Studien notwendig seien. In den USA leben Schätzungen zufolge rund 30 Millionen Menschen mit einer Alkoholgebrauchsstörung.

Eine im American Journal of Psychiatry am 29. Juli 2026 veröffentlichte Untersuchung analysierte zudem eine orale Verabreichung. Bei 50 Erwachsenen mit mittelschwerer bis schwerer Alkoholabhängigkeit verringerte eine achtwöchige Gabe von Semaglutid-Tabletten (vier Wochen lang 3 mg, danach 7 mg) im Vergleich zu Placebo die Trinktage, Tage mit starkem Konsum sowie das Alltagsverlangen.

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Registerdaten und neue Forschungsvorhaben

Groß angelegte Beobachtungs- und Genstudien stützen die Annahme veränderter Suchtmechanismen. Eine Untersuchung der University of Texas at El Paso wertete in der Fachzeitschrift Frontiers in Psychiatry Daten von über 142.000 Patienten mit Typ-2-Diabetes oder Adipositas aus.

Die Einnahme von GLP-1-Präparaten war mit deutlich geringeren Quoten für Alkohol-, Opioid-, Nikotin- und Kokainkonsumstörungen assoziiert. Studienautor Gabriel Frietze betonte, dass die Daten keinen Kausalitätsnachweis lieferten und derzeit keine Grundlage für Verschreibungen gegen Suchterkrankungen darstellten. Prospektive Studien seien geplant.

Eine genetische Untersuchung mittels Mendelscher Randomisierung unter Leitung von Guoyi Yang in Translational Psychiatry stellte fest, dass die Aktivierung des GLP-1-Rezeptors mit einem verringerten Risiko für bipolare Störungen um 39 Prozent sowie geringeren Risiken für Depressionen und Substanzkonsumstörungen einherging.

Um die klinische Wirkung gezielt zu überprüfen, startete das US-Veteranenministerium (VA) die CRAVE-Studie, an der landesweit 600 Veteranen teilnehmen sollen. Vorgesehen ist ein sechsmonatiger Vergleich von wöchentlichen Semaglutid-Injektionen mit einem Placebo.

Mehr als 400.000 US-Veteranen sind mit einer Alkoholgebrauchsstörung diagnostiziert. Eine Analyse der Washington University School of Medicine hatte zuvor gezeigt, dass Patienten unter GLP-1-Medikamenten niedrigere Raten von Substanzgebrauchsstörungen aufwiesen als Patienten unter anderen Diabetestherapien.

Minister Doug Collins hob die Bereitschaft des Ministeriums hervor, innovative Ansätze für die Versorgung zu prüfen, während die Behörde zugleich vor einer Selbstmedikation warnt.

Fehlende Zulassung für Suchterkrankungen

Trotz der wissenschaftlichen Signale verfügt Semaglutid über keine behördliche Zulassung zur Behandlung von Alkoholabhängigkeit. Der Wirkstoff ist in Europa für das Gewichtsmanagement bei Erwachsenen mit Adipositas (BMI ab 30 kg/m²) oder Übergewicht (BMI ab 27 kg/m² mit Begleiterkrankungen) zugelassen; seit dem 1. September 2026 steht Wegovy in Deutschland nach einer Empfehlung der Europäischen Arzneimittel-Agentur vom Mai 2026 auch in Tablettenform zur Verfügung.

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Forscher verweisen bei den bisherigen Suchtstudien auf offene Fragen: So schloss die Kopenhagener Studie ausschließlich Adipositas-Patienten ein, womit unklar bleibt, inwieweit die Effekte unabhängig von der Gewichtsreduktion auftreten.

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