Superschnecke lÀsst GÀrtner verzweifeln
28.05.2024 - 04:18:45 | dpa.de
In HobbygĂ€rtner-Foren ist es seit Wochen ein vieldiskutiertes Thema: MĂŒhsam angezogene PflĂ€nzchen werden ĂŒber Nacht bis auf den Stumpf von Nacktschnecken weggefressen. Unfassbar viele seien es in diesem Jahr, heiĂt es - ein Eindruck, den Experten bestĂ€tigen. «Ja, es ist schlimm dieses Jahr», bestĂ€tigte Michael Schrödl von der Zoologischen Staatssammlung MĂŒnchen (ZSM).
Auf hohem Niveau gestartet
«Nach den DĂŒrrejahren 2018 bis 2022, in denen die Populationen entsprechend eingebrochen sind, haben wir nun das zweite sehr feuchte Jahr in Folge», erklĂ€rte Markus Pfenninger vom Senckenberg BiodiversitĂ€t und Klima Forschungszentrum in Frankfurt. Schon im letzten Jahr hĂ€tten sich die Populationen erholt und in diesem Jahr entsprechend von einem bereits hohen Niveau loslegen können. Auch der milde Winter habe sicher nicht geschadet - «aber nach unseren Beobachtungen habe nur extrem kalte Winter einen wirklich nachhaltigen negativen Einfluss».
Wenn der Salat verschwindet und sich glitzernde SchleimbĂ€nder ĂŒber die Beete ziehen, war wahrscheinlich sie am Werk: die Spanische Wegschnecke. Fachname Arion vulgaris, auch GroĂe Wegschnecke genannt. Sie kommt vielerorts vor - ausgerechnet in Spanien aber nur ganz vereinzelt, wie Forschende in den vergangenen Jahren herausfanden. Anders als lange angenommen wurde sie demnach wohl nicht durch Obst- und GemĂŒseimporte nach dem Zweiten Weltkrieg von der Iberischen Halbinsel eingeschleppt - der Name fĂŒhrt also in die Irre.
Arion vulgaris, die Superschnecke
Vielmehr lebt die Art wahrscheinlich schon sehr lange zumindest in SĂŒdwest-Deutschland. Seit den 1960er-Jahren taucht sie vermehrt und immer weiter nördlich und östlich auf, oft in hohen Dichten. Zum Leidwesen von GĂ€rtnern handelt es sich um wahre Superschnecken: Die brĂ€unlich-rötlichen Tiere können hervorragend klettern, Hochbeete sind kein Problem fĂŒr sie, wie Michael Schrödl einmal erklĂ€rte. Selbst ein hoch hĂ€ngendes GefÀà hĂ€lt sie demnach nicht ab: Sie seilen sich am Schleimfaden hinunter. Salat und GemĂŒse können sie aus Dutzenden Metern Entfernung riechen.
Trockener Rasen und gekieste Wege mögen fĂŒr andere heimische Nacktschnecken ein Problem sein, nicht aber fĂŒr Arion vulgaris. Sie vermehrt sich Experten zufolge schneller, frisst mehr und setzt sich notfalls zum Fressen in die pralle Sonne, ohne Schaden zu nehmen. Zudem zeigen Erbgutanalysen, dass sie sich stark mit anderen Arten vermischt - und sich auf diese Weise womöglich immer neue gĂŒnstige Eigenarten fĂŒr die jeweilige Umgebung aneignet. Und als wĂ€re das alles nicht genug: An einer ausgewachsenen Arion vulgaris haben - von Indischen Laufenten abgesehen - kaum Fressfeinde Interesse. Auch manche LaufkĂ€fer können junge Wegschnecken oder deren Eier fressen.
Es fehlt an Igeln und Kröten
Manche HobbygÀrtner geben derzeit in Foren an, tÀglich Dutzende bis Hunderte Nacktschnecken abzusammeln. Ein Teil des Problems ist Pfenninger zufolge mit gewisser Wahrscheinlichkeit, dass es immer weniger Jungschnecken vertilgende Tiere wie Igel und Kröten gibt. «Arion vulgaris ist ein Profiteur der Einöde in den GÀrten», wie Schrödl sagte.
Eine MaĂnahme gegen Nacktschnecken basiert auf deren Vorliebe fĂŒr Bier - die Tiere mögen generell den Geruch von GĂ€rstoffen, der potenzielle Nahrung anzeigt: die Bierfalle. Die verfĂŒhrerisch duftende «Trinkhalle» lockt Experten zufolge allerdings Schnecken aus der gesamten Umgebung herbei - nur ein kleiner Teil von ihnen ertrinke, der Rest mache sich zahlenmĂ€Ăig verstĂ€rkt ans Fressen.
Schnelle Lösung fĂŒr den, der das kann
Zu empfehlen ist demnach vielmehr, nur morgens zu gieĂen, Beete mit Grenzstreifen aus Sand oder SchneckenzĂ€unen zu umranden und potenzielle Eiablagestellen wie auf dem Boden liegende Bretter regelmĂ€Ăig zum Austrocknen in die Sonne zu drehen. Oder, fĂŒr Menschen, die das können: «Ein schneller Schnitt im vorderen Drittel tötet die Schnecken sofort», wie Schrödl erklĂ€rte.
«Angeblich hilft Kaffeesatz, weil Koffein ein Nervengift fĂŒr Schnecken ist», sagte Pfenninger. Auch das Absammeln gilt durchaus als Möglichkeit, die Population einzudĂ€mmen - allerdings dĂŒrfen die Schnecken dann auf keinen Fall im Wald oder anderswo in der Natur landen, wo sie heimische Arten zu verdrĂ€ngen drohen. StĂ€dtische Hundewiesen hingegen sind Schrödl zufolge ein guter Ort: «Der Kot wird von den Nacktschnecken gefressen.»
Auch ein NĂŒtzling!
Das ist generell ein Faktor, der schnell vergessen wird: Arion vulgaris mag schwer nerven, ist im Garten aber auch sehr nĂŒtzlich, weil Kot und Kadaver beseitigt und Kompostierungsprozesse auf Trab gebracht werden.
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