Slaughter and May setzt auf KI-Plattform Harvey
02.05.2026 - 15:57:44 | boerse-global.deDie renommierte britische Kanzlei führt Künstliche Intelligenz flächendeckend ein – ein Signal für die gesamte Branche.
Am 30. April kündigte die Elite-Kanzlei Slaughter and May die vollständige Integration der KI-Plattform Harvey in allen Praxisbereichen an. Der Schritt markiert einen Wendepunkt in der Automatisierung komplexer juristischer Arbeitsabläufe. Gleichzeitig sorgen neue Gerichtsentscheidungen und regulatorische Vorgaben für Diskussionen über den Schutz von Anwaltsgeheimnissen im Zeitalter der generativen KI.
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Systematische Integration auf höchstem Niveau
Die Entscheidung folgt auf eine intensive Testphase. Während andere Magic-Circle-Kanzleien auf Plattformen wie Legora oder Partnerschaften mit Anbietern wie Anthropic und Google setzen, geht Slaughter and May einen eigenen Weg. Der umfassende Rollout soll Anwälte bei grenzüberschreitenden Mandaten unterstützen – insbesondere bei Fusionen und Übernahmen, Due-Diligence-Prüfungen, regulatorischer Recherche und umfangreichen Dokumentenanalysen.
Ein spezielles Transformationsteam aus Juristen begleitet die Einführung. Die Kanzleiführung betont, dass KI zwar die Entscheidungsfindung verbessere, die menschliche Kontrolle aber weiterhin im Mittelpunkt stehe. Dieser Ansatz spiegelt einen Branchentrend wider: KI wird zunehmend als „Betriebssystem" für juristische Dienstleistungen verstanden. Aktuelle Daten aus dem Frühjahr 2026 zeigen, dass über 80 Prozent der Anwaltsteams Zugang zu KI-Tools haben – doch weniger als ein Drittel fühlt sich sicher im Umgang mit diesen Systemen.
Gerichte uneins über KI und Anwaltsgeheimnis
Mit der wachsenden KI-Nutzung ringen die Gerichte um den Schutz rechtlicher Verteidigungsrechte. Eine Reihe widersprüchlicher Bundesentscheidungen Ende April 2025 hat die Lage verkompliziert. Im Fall United States v. Heppner entschied ein New Yorker Gericht, dass ein Angeklagter durch die Nutzung einer öffentlichen KI-Plattform ohne anwaltliche Aufsicht sein Privileg verwirkt habe. Die Begründung: Die Datenschutzrichtlinie der Plattform erlaube Datenerhebung und Weitergabe an Dritte.
Neuere Urteile zeichnen ein anderes Bild. In Warner v. Gilbarco, Inc. und Morgan v. V2X Inc. kamen Gerichte zu schützenderen Ergebnissen. Sie beschrieben KI-Plattformen als Werkzeuge, nicht als Dritte. Die Nutzung von KI führe demnach nicht automatisch zum Verlust des Schutzes von Arbeitsergebnissen – besonders bei Selbstvertretern oder wenn die Tools als erweiterte Recherchehilfe dienen. Entscheidend ist offenbar, ob es sich um ein „offenes" öffentliches System oder eine Unternehmensplattform mit geschlossenen Datenpipelines handelt. Viele Großkanzleien setzen daher auf Enterprise-Plattformen, um das Risiko unbeabsichtigter Offenlegungen zu minimieren.
Agentische Arbeitsabläufe und Beweisskepsis
Die technischen Möglichkeiten haben sich von einfacher Zusammenfassung zu „agentischen" Arbeitsabläufen entwickelt, die mehrstufige Prozesse steuern können. Thomson Reuters aktualisierte kürzlich seine CoCounsel-Plattform auf eine zweite Generation, die dreimal schneller arbeitet als ihr Vorgänger. Das System nutzt mehrere große Sprachmodelle und ermöglicht Verteidigungsteams, Fakten einzugeben, mögliche Gegenklagen zu identifizieren oder Millionen von Dokumenten automatisch zu prüfen. Auch die Partnerschaft zwischen LexisNexis und Luminance Ende April 2026 zeigt die Entwicklung: Inhouse-Teams können Verträge direkt gegen aktuelle Rechtsprechung und Präzedenzfälle prüfen.
Die Zeitersparnis ist enorm – bis zu 90 Prozent bei bestimmten Rechercheaufgaben. Doch die Technologie bringt auch neue Herausforderungen. Forscher der Harvard Law School warnen vor einer „Destabilisierung von Beweisen". Da KI-generierte Medien allgegenwärtig sind, wächst die Skepsis von Geschworenen gegenüber digitalen Beweismitteln. Selbst authentische Beweise könnten zunehmend angezweifelt werden. Verteidiger müssen ihre Strategien zur Beweissicherung überdenken.
Regulatorischer Druck und der Weg nach vorn
Die rasche KI-Einführung hat Aufsichtsbehörden auf den Plan gerufen. Am 30. März 2026 erließ Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom eine Anordnung, die staatliche Behörden zur Erarbeitung von KI-Sicherheitsempfehlungen verpflichtet – mit Fokus auf Voreingenommenheit und Bürgerrechte. Die American Bar Association betont weiterhin die Pflichten der Sorgfalt und Kompetenz: Anwälte bleiben für „halluzinierte" oder fehlerhafte Informationen ihrer digitalen Assistenten verantwortlich.
Diese ethische Verantwortung wurde im Frühjahr deutlich, als ein Anwalt in Massachusetts sanktioniert wurde, weil er nicht existierende Gerichtsurteile aus einer KI zitierte. Solche Vorfälle haben Kanzleien zu strengeren Schulungsprogrammen veranlasst. Ein neues Profil des „KI-fluenten" Juristen entsteht – Fachleute, die Technologie als Denkpartner für Verhandlungsstrategien und rechtliche Theorien nutzen, nicht als Ersatz für professionelles Urteilsvermögen.
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Branchenausblick für die kommenden Monate
Der Rechtsmarkt erlebt intensive Investitionen und Konsolidierung. Ende April 2026 sicherte sich das Startup Legora eine Finanzierungsrunde über 50 Millionen US-Dollar, unterstützt von Nvidias Investment-Arm. Die Bewertung liegt bei über 600 Millionen Dollar. Microsofts Einstieg mit einem „Legal Agent" für Word dürfte den Markt für kleinere Kanzleien durcheinanderwirbeln – integrierte Vertragsprüfung direkt in der Bürosoftware.
Für die Verteidigungsteams verschiebt sich der Fokus von der grundlegenden Einführung hin zu ausgefeiltem Risikomanagement. Kanzleien werden interne „Institutionengedächtnis"-Funktionen priorisieren, die KI den Kontext früherer Verhandlungen behalten lassen, ohne die Vertraulichkeit zu gefährden. Mit einer Frist Ende Juni für KI-Compliance in Bundesstaaten wie Colorado wird technische Kompetenz zur Pflicht – ein Kernbestandteil kompetenter Verteidigung.
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