Sleepmaxxing: SEN warnt vor Orthosomnie durch ständige Schlafkontrolle
Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 15:53 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Spanische Neurologische Gesellschaft (SEN) warnt vor den gesundheitlichen Risiken des viralen Phänomens Sleepmaxxing sowie vor der Entstehung einer sogenannten Orthosomnie.
Bei diesem Trend versuchen Anwender, ihre Nachtruhe durch den Einsatz von Smartwatches, Ringen, Nahrungsergänzungsmitteln oder Methoden wie das Zukleben des Mundes gezielt zu optimieren. Laut der Fachgesellschaft führt die exzessive Beschäftigung mit Schlafwerten und Kontrollmechanismen jedoch häufig zu erheblichem Stress und beeinträchtigt die Erholung.
Grenzen von Schlaftrackern und Begleitmethoden
Die Organisation verweist darauf, dass die ständige Auswertung von Schlafmetriken die Entwicklung einer Orthosomnie befeuern kann – ein Zustand, bei dem Betroffene eine krankhafte Fixierung auf einen vermeintlich perfekten Schlaf entwickeln.
Laut der Medizinerin Dr. Celia García Malo und Daten der Fachgesellschaft erfüllten in einer Untersuchung mit 523 Teilnehmern zwischen 3 % und 14 % der Probanden Kriterien für Orthosomnie. Dabei handele es sich ausdrücklich nicht um eine Schätzung für die Allgemeinbevölkerung.
Bislang stellt Orthosomnie keinen anerkannten Diagnosebegriff dar, eine künftige Aufnahme in das Klassifikationssystem ICSD-3 gilt laut der SEN jedoch als plausibel.
Die Fachgesellschaft betont, dass Schätzungen tragbarer Geräte eine klinische Polysomnographie nicht ersetzen können. Eine niedrige Punktzahl auf dem Display diagnostiziere keine Insomnie, während ein hoher Wert eine bestehende Erkrankung keineswegs ausschließe.
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Auch populären Praktiken erteilte die SEN eine Absage: Für das Zukleben der Lippen in der Nacht gebe es nur begrenzte wissenschaftliche Belege; die Methode berge Risiken bei einer Behinderung der Nasenatmung und werde nicht empfohlen.
Zudem sei Melatonin keine universelle Lösung, sondern nur bei konkreten Indikationen angezeigt, während die Evidenz für Magnesium bei Insomnie unzureichend bleibe. Für Erwachsene empfiehlt die Gesellschaft regelmäßig mindestens 7 Stunden Schlaf.
Psychologischer Druck durch Messwerte
Die Skepsis gegenüber digitaler Schlafkontrolle teilen weitere Experten. Die klinische Psychologin Kristina Morozova warnt davor, dass die Fixierung auf Einschlafzeiten, Aufwachphasen und Schlafstadien Ängste auslösen könne.
Ein deutliches Warnsignal sei erreicht, wenn die eigene Stimmung und das Verhalten am Tag von den Anzeigen des Geräts abhingen oder Betroffene ihre Routinen fortlaufend änderten, um Idealwerte zu erzielen. Morozova rät dazu, Anwendungen erst mit zeitlichem Abstand nach dem Aufstehen zu öffnen, verunsichernde Werte auszublenden und Benachrichtigungen temporär zu deaktivieren.
Auch die Organisation HCC!digitaalveilig betont, dass die Sorge um Schlafbewertungen die Nachtruhe stören könne. Schlechte Anzeigen führten oft dazu, dass sich Nutzer am Folgetag subjektiv weniger fit fühlten, während ein positives Ergebnis Vertrauen schenke. Für den Durchschnittsanwender sei eine kontinuierliche nächtliche Messung nicht erforderlich.
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Schlaf als biologischer Prozess
Fachleute mahnen vor diesem Hintergrund zu Gelassenheit. Die Schlafforscherin Dr. Christine Blume von der Universität Basel betont, dass Schlaf schlechter werde, sobald ihm zu viel Aufmerksamkeit zuteilwerde. Sie kritisiert die Auffassung von Schlaf als Leistungsprojekt; Schlaf basiere auf Biologie und nicht auf Willenskraft.
Blume verweist auf den hohen Leidensdruck in der Bevölkerung: Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des AOK-Bundesverbandes aus dem Jahr 2026 klagt mehr als die Hälfte der Bundesbürger über Ein- oder Durchschlafprobleme in den vorangegangenen drei Monaten, während Erhebungen des Robert Koch-Instituts aus dem Jahr 2024 rund ein Drittel auswiesen.
Bei chronischen Störungen sei laut medizinischer Leitlinie eine Kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie wirksam, nicht der Einsatz von Medikamenten.
Auch die Schlafpsychologin Roser Gort mahnt in einer Publikation vor dem Zwang zu festen Schlafdauern und ständigen Kontrollen. Anstatt Messwerte für REM-Phasen zu überprüfen, sollten Betroffene tagsüber bestehende Belastungen reduzieren, da nächtliche Rituale einen stressigen Alltag nicht ausgleichen könnten.
