Social-Media-Druck, Urlaub

Social-Media-Druck im Urlaub: 62% wählen Ziele für Instagram-Fotos

Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 23:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Psychologen sehen in ständigem Medienkonsum keine echte Regeneration. Studien verknüpfen Bildschirmzeit zudem mit Schlafproblemen und sozialem Druck.

Warum Dauerscrollen im Urlaub die Erholung beeinträchtigen kann
Ein einsamer Pfad in einem grünen Wald bei Sonnenuntergang als Symbol für mentale Erholung und Entschleunigung. Illustration mit AI erstellt.

Stundenlanges Wischen über den Bildschirm und das fortlaufende Konsumieren von Serien gelten im Urlaub häufig als entspannender Zeitvertreib. Aus psychologischer Sicht droht dabei jedoch ein Trugschluss: Nach Einschätzung des Psychologen Andrés Galemiri von Prisma Psicología führt eine solche Mediennutzung zu einer nutzlosen Erholung.

Das Gehirn werde durch das ständige Dauerscrollen und Videomarathons lediglich betäubt, anstatt zu regenerieren. Zwar fordere das passive Konsumieren digitaler Inhalte kaum unmittelbare geistige Anstrengung, die körpereigenen Energiereserven ließen sich dadurch jedoch nicht wieder auffüllen.

Galemiri verweist darauf, dass der menschliche psychische Apparat über keinen simplen Ausschalter verfügt. Er bezieht sich dabei unter anderem auf das Konzept der Müdigkeitsgesellschaft des Philosophen Byung-Chul Han. Um eine echte Regeneration herbeizuführen, sei vielmehr eine gezielte kognitive Unterbrechung erforderlich.

Bei mentaler Erschöpfung eignen sich einfache kognitive Pausen wie Kochen oder Spazierengehen, während bei emotionaler Belastung der direkte Austausch mit Freunden wirksamer ist. Eine zweiwöchige Urlaubsreise allein garantiere hingegen nicht automatisch einen Erholungseffekt, wenn alte Nutzungsmuster beibehalten werden.

Psychologische Mechanismen und Schlafmangel

Die Mechanismen hinter dem automatisierten Medienkonsum basieren auf neurobiologischen Reizen. Der Streamer Nicolas Lazaridis, bekannt als Inscope21, dokumentierte in einem Selbstversuch sein eigenes Nutzungsverhalten: Nach kurzen Momenten der Erheiterung wischte er reflexartig weiter.

Anzeige

Wer sich mit dem Thema kognitive Pausen und mentaler Erholung befasst, sollte auch die langfristige Fitness seines Gehirns im Blick behalten. Dieser kostenlose Ratgeber liefert praktische Übungen und Alltagstipps, um die geistige Leistungsfähigkeit nachhaltig zu stärken und Demenz vorzubeugen. 11 Alltagsübungen für geistige Fitness entdecken

Lazaridis stellte fest, dass kurze Videos das Gehirn fortlaufend mit Dopamin fluten, wodurch selbst starke Reize kein Sättigungsgefühl erzeugen und das Verhalten automatisiert wird.

Verstärkt wird dieses Verhalten durch gezielte Designmuster der Plattformen. Der Psychologe Christian Montag thematisierte im Podcast der Hessischen Landestelle für Suchtfragen unter anderem Methoden wie A/B-Testing, Benachrichtigungen zur Auslösung von Verlustängsten sowie zeitliche Verknappungen von Inhalten, die einen anhaltenden sozialen Nutzungsdruck erzeugen.

Die Folgen betreffen insbesondere die Schlafqualität. Eine Studie aus dem Jahr 2025 mit fast 40.000 norwegischen Studierenden zeigte, dass jede zusätzliche Stunde Bildschirmzeit nach dem Zubettgehen das Risiko für Schlaflosigkeitssymptome um 59 Prozent erhöhte; die Schlafzeit verkürzte sich um durchschnittlich 24 Minuten pro Nacht.

Anzeige

Neben der Schlafqualität spielt auch das gezielte Training kognitiver Fähigkeiten eine zentrale Rolle für ein gesundes Altern. Erfahren Sie in diesem kostenlosen Leitfaden, wie Sie mit einfachen Methoden Konzentration und Gedächtnis im Alltag nachhaltig verbessern können. Kostenlosen Gehirn-Ratgeber jetzt herunterladen

Nach Angaben der Schlafmedizinerin Michelle Drerup von der Cleveland Clinic störe vor allem die aktive Nutzung wie das Schreiben von E-Mails oder Interaktionen auf Social-Media-Kanälen den Schlaf, während blaues Licht die Produktion von Melatonin senke.

Die American Academy of Sleep Medicine empfiehlt vor diesem Hintergrund, elektronische Geräte bereits ein bis zwei Stunden vor dem Schlafengehen abzulegen.

Inszenierungsdruck mindert die Erholungsqualität

Neben den neurologischen Aspekten beeinträchtigt auch der Drang zur Selbstdarstellung die Freizeit. Einer telefonischen Bitkom-Umfrage unter 1005 Befragten in Deutschland – darunter 695 Online-Medien-Nutzer mit Urlaubsreisen – zufolge wählten 62 Prozent der Teilnehmenden ein Ausflugsziel schon gezielt für Social-Media-Fotos aus. 28 Prozent bearbeiten ihre Urlaubsbilder regelmäßig, und 17 Prozent gaben an, bereits ein Urlaubsfoto gefälscht zu haben.

Gleichzeitig erklärten 23 Prozent der Befragten, beim Betrachten fremder Beiträge oft unzufrieden mit dem eigenen Leben zu sein. Luise Ritter vom Digitalverband Bitkom betonte in diesem Zusammenhang, dass der Druck spürbar zunehme, je stärker soziale Netzwerke als Fotoalbum genutzt werden.

Eine bewusste Reduzierung der Bildschirmzeit zeigt hingegen messbare Vorteile. Eine Untersuchung der ISM Hamburg belegt, dass sich gezielte Smartphone-Auszeiten positiv auf die psychische Regeneration auswirken. Statt digitaler Reizüberflutung sind es demnach reale kognitive Pausen und analoge Aktivitäten, die Erschöpfungszustände nachhaltig abbauen.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 70120991 |