Sprachaufnahmen, LĂ€ndern

Sprachaufnahmen aus fĂŒnf LĂ€ndern: KI erkennt Muster bei Demenz

Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 23:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Studien untersuchen Schreibmuster, Sprechtempo und KI-gestĂŒtzte Sprachtests; als eigenstĂ€ndige Diagnoseverfahren sind diese AnsĂ€tze nicht geeignet.
Ein leeres Blatt Papier und ein FĂŒllfederhalter auf einem Holztisch bei natĂŒrlichem Lichteinfall. Illustration mit AI erstellt.

Wissenschaftliche Untersuchungen liefern zunehmend Hinweise darauf, dass alltĂ€gliche motorische und sprachliche Muster als frĂŒhe Indikatoren fĂŒr neurodegenerative Prozesse dienen können. Eine Untersuchung der UniversitĂ€t Évora in Portugal, die im Fachjournal Frontiers in Human Neuroscience erschien, analysierte den Zusammenhang zwischen Merkmalen der Handschrift und kognitiven BeeintrĂ€chtigungen im Alter.

FĂŒr die Studie untersuchten die Forscher 58 Bewohner eines Seniorenheims im Alter zwischen 62 und 92 Jahren. Von diesen wiesen 38 Personen kognitive BeeintrĂ€chtigungen auf, wĂ€hrend 20 Teilnehmer keine solchen EinschrĂ€nkungen zeigten.

Die Probanden fĂŒhrten SchreibĂŒbungen mithilfe eines digitalen Stifts auf einem Tablet durch. WĂ€hrend einfache motorische Aufgaben wie das Zeichnen von Linien oder Punkten keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen ergaben, zeigten sich deutliche Abweichungen bei anspruchsvolleren Übungen.

Handschrift als Spiegel komplexer Hirnfunktionen

Bei Diktaten, die neben der Feinmotorik auch die Sprachverarbeitung und das ArbeitsgedĂ€chtnis fordern, traten charakteristische Muster zutage. Kognitiv beeintrĂ€chtigte Teilnehmer schrieben messbar weniger effizient, fragmentierter, mit mehr Unterbrechungen und insgesamt weniger flĂŒssig.

Die Analyse der UniversitĂ€t Évora identifizierte insbesondere drei Parameter, die die beiden Gruppen voneinander unterschieden: die Zeit bis zum Schreibbeginn, die Gesamtdauer des Schreibvorgangs sowie die vertikale BuchstabengrĂ¶ĂŸe und deren Anordnung.

Ana Rita Matias von der UniversitĂ€t Évora erlĂ€uterte dazu, dass Schreiben ein komplexer kognitiver Prozess sei, der das Hören, die Sprachverarbeitung und die Motorik vereine. AussagekrĂ€ftig werde das Schriftbild vor allem dann, wenn Aufgaben eine höhere kognitive Beanspruchung erfordern. AuffĂ€llig sei den Forschern zufolge jedoch primĂ€r eine plötzliche und anhaltende VerĂ€nderung der Handschrift.

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Die Methode gilt als praktisch, kostengĂŒnstig und fĂŒr die Betroffenen wenig belastend. Die Forscher betonten jedoch, dass es sich nicht um ein eigenstĂ€ndiges Diagnoseinstrument handle. Vor einer möglichen Standardisierung seien grĂ¶ĂŸere und diversere LĂ€ngsschnittstudien erforderlich.

Sprechgeschwindigkeit und Wortfindung im Blick der Forschung

Parallele ForschungsansÀtze untersuchen akustische und sprachliche Merkmale als Indikatoren kognitiver VerÀnderungen. Eine Studie der UniversitÀt Toronto und des Rotman Research Institute Baycrest, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Aging, Neuropsychology, and Cognition, befasste sich mit der Sprechgeschwindigkeit von 125 gesunden Erwachsenen im Alter von 18 bis 85 Jahren.

Bei Tests zur Bildbenennung und der Beschreibung komplexer Szenen zeigte sich, dass weder die reine Anzahl noch die Dauer von Sprechpausen fĂŒr sich genommen mit der kognitiven LeistungsfĂ€higkeit zusammenhingen.

Entscheidend war vielmehr die Gesamtsprechgeschwindigkeit: Schnellere Ergebnisse bei Tests zum Wortabruf korrelierten mit einem zĂŒgigeren, flĂŒssigeren Sprechen. Dr. Jed Meltzer von Baycrest ordnete die Sprechgeschwindigkeit als ergĂ€nzenden Indikator ein, der kein alleiniges Werkzeug darstelle und ohne LĂ€ngsschnittstudien keine Vorhersage von Demenzerkrankungen erlaube.

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Eine vom National Institutes of Health (NIH) geförderte Untersuchung in Science Advances analysierte unter Einsatz von maschinellem Lernen 2928 Sprachaufnahmen aus fĂŒnf lateinamerikanischen LĂ€ndern mit spanischsprachigen Muttersprachlern. Rund die HĂ€lfte der Gruppe lebte mit leichter kognitiver BeeintrĂ€chtigung, Alzheimer oder frontotemporaler Demenz.

Die Analyse hunderter Sprachmerkmale ergab, dass eine höhere Stimmlage und emotionale AusprĂ€gungen Personen mit schneller gealtert wirkender Sprache kennzeichneten. Die Differenz zwischen dem berechneten „Sprachalter“ und dem chronologischen Alter fiel bei Gesunden am geringsten aus, war bei leichter BeeintrĂ€chtigung vergrĂ¶ĂŸert und erreichte bei frontotemporaler Demenz den höchsten Wert.

Bei Alzheimer-Patienten war ein höheres Sprachalter zudem mit einem höheren Wort des Biomarkers p-tau217 im Blut verbunden, wenngleich auch sozioökonomische Faktoren eine Rolle spielten.

Automatisierte Erfassung und ethische Kriterien

In Japan untersuchten Dr. Yokoi Katsunori vom Nationalen Zentrum fĂŒr Geriatrie und Gerontologie und Prof. Iribe Yurie von der UniversitĂ€t Aichi Sprachmerkmale zur Identifikation der prĂ€klinischen Phase von Alzheimer, die nach Angaben von Yokoi bereits 10 bis 20 Jahre vor ersten Symptomen beginnt.

Ein auf GesprĂ€chsdaten von 154 Personen (57 prĂ€klinische FĂ€lle, 97 gesunde Personen) trainiertes KI-Modell registrierte Merkmale wie eine Zunahme von Pronomen („das“, „dort“), vermehrte GesprĂ€chspausen sowie eine instabile StimmstĂ€rke.

Das System befindet sich noch in der Entwicklung und ist noch nicht praxistauglich; in einem Fernsehtest mit zehn Personen im Alter von 40 bis 50 Jahren zeigte eine Person Anzeichen einer prÀklinischen Phase.

ErgĂ€nzend widmen sich europĂ€ische Projekte der digitalen Spracherfassung. Ein belgisch-niederlĂ€ndisches Team entwickelt einen niederlĂ€ndischsprachigen Sprachtest zur FrĂŒherkennung der primĂ€ren progressiven Aphasie.

Am Deutschen Zentrum fĂŒr Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Rostock und Greifswald untersuchte Dr. Stefanie Köhler den Telefonbot „Mili“ in einer Studie in Alzheimer's & Dementia. 234 gesunde Ältere sowie kognitiv beeintrĂ€chtigte Probanden fĂŒhrten ĂŒber einen Zeitraum von 15 Monaten alle drei Monate rund 15-minĂŒtige Anrufe durch, bei denen Aufgaben wie Wortlisten, verbale FlĂŒssigkeit und ErzĂ€hlen abgefragt wurden; das System erzielte einen Usability-Wert von 70,4 von 100 Punkten.

Köhler hob zugleich ethische Grundanforderungen fĂŒr automatisierte Verfahren hervor, darunter eine informierte Einwilligung, strengen Datenschutz, Fairness sowie die unverzichtbare menschliche Begleitung im Diagnoseprozess.

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