Super-Ager: 15 bis 20 Prozent der 60- bis 90-JÀhrigen haben Top-GedÀchtnis
Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 21:13 Uhr | Redaktion boerse-global.deDas menschliche GedĂ€chtnis wird im gesellschaftlichen Diskurs hĂ€ufig an seiner FĂ€higkeit gemessen, möglichst viele Informationen fehlerfrei abzurufen. Aus neurobiologischer Sicht greift dieser MaĂstab jedoch zu kurz.
Wie die Neurobiologin Hannah Monyer vom UniversitĂ€tsklinikum Heidelberg bei einem Vortrag auf dem Kongress der OrdensspitĂ€ler in Linz darlegte, ist das Vergessen ein grundlegender und notwendiger Prozess. Es diene dem Gehirn dazu, unbedeutende Details auszusortieren; krankhaft sei es vielmehr, wenn ein Mensch ĂŒberhaupt nicht vergessen könne.
GedÀchtnisleistung, Lebensalter und Schutzfaktoren
Mit zunehmendem Alter unterliegt das Gehirn stetigen biologischen VerÀnderungen. Nach Angaben von Monyer schwindet Hirnsubstanz typischerweise ab etwa dem 50. Lebensjahr. Dennoch bleibe die GedÀchtnisleistung bis zu einem gewissen Grad trainierbar, beispielsweise durch das Erlernen einer neuen Sprache oder das EinprÀgen von Gedichten.
Zudem altert nicht jedes Gehirn im gleichen Tempo: Monyer verwies darauf, dass etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen im Alter von 60 bis 90 Jahren ĂŒber ein auĂergewöhnlich gutes GedĂ€chtnis verfĂŒgen und als sogenannte âSuper-Agerâ eingestuft werden. Zur UnterstĂŒtzung der geistigen LeistungsfĂ€higkeit empfiehlt die Wissenschaftlerin vor allem regelmĂ€Ăige Bewegung und die Pflege sozialer Kontakte.
Hinsichtlich schwerer neurodegenerativer Erkrankungen wie der Demenz dĂ€mpfte die Heidelberger Forscherin allzu rasche Hoffnungen. Die Medizin sei gegenwĂ€rtig noch weit davon entfernt, diese Krankheiten heilen zu können. FrĂŒhestens in 15 Jahren sei in diesem Forschungsfeld mit spĂŒrbarem Licht am Horizont zu rechnen.
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Die Hypothese des adaptiven Alterns
Einen theoretischen ErklĂ€rungsansatz dafĂŒr, warum sich kognitive Schwerpunkte im Lebensverlauf verschieben, legten Forschende der University of Arizona vor.
Fabian-XosĂ© Fernandez, Sara Burke und Lynn Nadel formulierten in der Fachzeitschrift Perspectives on Psychological Science (DOI: 10.1177/17456916261469175) die Hypothese des adaptiven Alterns. Sie beschreiben den Prozess des gesunden Alterns als eine funktionale Schwerpunktverlagerung: Das Gewicht verschiebt sich meist zwischen dem fĂŒnften und siebenten Lebensjahrzehnt vom Hippocampus, der fĂŒr das schnelle Abspeichern von Details zustĂ€ndig ist, hin zur GroĂhirnrinde beziehungsweise dem Frontalcortex, wo ĂŒbergreifende Bedeutungen, Muster und Kernaussagen verarbeitet werden.
Die Forschenden deuten diese Reorganisation als eine mögliche evolutionĂ€re Anpassung, die darauf ausgelegt sei, Wissen, Mentoring und ErzĂ€hltraditionen an nachfolgende Generationen weiterzugeben. In diesem Zusammenhang verweisen sie unter anderem auf eine frĂŒhere Elefantenstudie (McComb et al., Science 2001), in der von den Ă€ltesten weiblichen Tieren angefĂŒhrte Herden bekannte und fremde Individuen verlĂ€sslicher unterscheiden konnten.
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Bei der Arbeit der Wissenschaftler aus Arizona handelt es sich um eine Neuinterpretation bereits veröffentlichter Studien; sie enthĂ€lt keine neuen Messdaten, keine Stichproben und keine empirisch gemessenen Resultate. Entsprechend muss die Hypothese kĂŒnftig noch experimentell ĂŒberprĂŒft werden.
Fernandez, Burke und Nadel betonen zudem, dass die Mechanismen des gesunden Alterns klar von krankhaften Prozessen abzugrenzen sind: Bei einer Alzheimer-Erkrankung sei der Hippocampus oft ungewöhnlich ĂŒberaktiv und weise eine grundlegend andere Biologie auf als bei altersĂŒblichen VerĂ€nderungen.
Mustererkennung statt Detailfokus
Demnach verlagert das alternde Gehirn seine generelle Strategie weg von der reinen Faktenakkumulation hin zum Erfassen komplexer ZusammenhĂ€nge. Ăltere Erwachsene schneiden zwar bei Tests zur Verarbeitungsgeschwindigkeit und beim exakten Faktenabruf hĂ€ufig schwĂ€cher ab, weisen jedoch oft Vorteile beim AbwĂ€gen vielschichtiger Situationen sowie beim Erfassen sozialer Dynamiken auf.
Inwieweit diese pragmatischen FÀhigkeiten tatsÀchlich auf einer spezifischen biologischen Verankerung im Gehirn beruhen, ist in der neurobiologischen Forschung bislang ungeklÀrt.
