Tourette-Syndrom: Nur 15 Prozent leiden unter Koprolalie
28.05.2026 - 08:30:16 | boerse-global.deDie britische Filmbiografie „Verflucht normal“ (Originaltitel: „I Swear“) ist heute in den Kinos gestartet und lenkt den Blick auf die Lebensrealität von Menschen mit Tourette-Syndrom. Der Zeitpunkt könnte kaum passender sein: Erst vor wenigen Tagen sorgte ein Vorfall am Londoner Flughafen Gatwick für Schlagzeilen, bei dem ein 13-jähriger Junge von British Airways am Boarding gehindert wurde – weil er während eines Tics unwillkürlich das Wort „Bombe“ rief.
Vom Außenseiter zum Aktivisten
Regisseur Kirk Jones erzählt in dem 121-minütigen Film die Geschichte des schottischen Tourette-Aktivisten John Davidson, geboren am 1. Juni 1971. Die Handlung setzt 1983 in Galashiels ein, als Davidson erste Symptome entwickelte. Sie begleitet seinen Aufstieg zu nationaler Bekanntheit nach der BBC-Dokumentation „John‘s Not Mad“ von 1989 und endet mit der Verleihung des MBE (Member of the Order of the British Empire) durch Königin Elisabeth II. im Jahr 2019.
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Robert Aramayo spielt Davidson als Erwachsenen – und das mit einer besonderen Freiheit. Der Regisseur, der Davidson erstmals im November 2022 für das Projekt traf, erlaubte Aramayo, improvisierte Elemente einzubauen. Ziel war es, die Unberechenbarkeit der neurologischen Erkrankung authentisch einzufangen.
Der BAFTA-Moment: Als die Krankheit die Bühne kaperte
Ein zentrales Anliegen des Films ist die Korrektur weit verbreiteter Missverständnisse über das Tourette-Syndrom. Medizinischen Daten zufolge leiden nur etwa 15 Prozent der Betroffenen unter Koprolalie – dem unwillkürlichen Ausstoßen obszöner oder sozial unangemessener Sprache.
Wie komplex dieses Symptom sein kann, zeigte sich bei der BAFTA-Verleihung im Februar 2026. Aramayo gewann damals den Preis als bester Hauptdarsteller – gegen Konkurrenten wie Leonardo DiCaprio und Timothée Chalamet. Doch während der Preisverleihung erlebte John Davidson selbst einen vokalen Tic. In dem Moment, als die Schauspieler Michael B. Jordan und Delroy Lindo auf der Bühne standen, rief Davidson eine rassistische Beleidigung.
Regisseur Kirk Jones erklärte später, der Abend habe schonungslos vor Augen geführt, wie die neurologische Erkrankung funktioniere. Solche Tics seien unwillkürlich und träten besonders in Drucksituationen auf.
Reise-Chaos: Wenn ein Tic zur Ticket-Sperre führt
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Die filmische Darstellung des Tourette-Syndroms überschneidet sich mit einem realen Konflikt im Flugverkehr. Am vergangenen Samstag verweigerten Mitarbeiter von British Airways in Gatwick einem 13-jährigen Jungen namens Mason die Beförderung. Der Jugendliche hatte während eines Tics unwillkürlich das Wort „Bombe“ gerufen.
Die Familie aus Harwich in Essex musste daraufhin 2.400 Pfund für Ersatzflüge mit einer anderen Airline zahlen. Die Fluggesellschaft wies Diskriminierungsvorwürfe zurück und berief sich auf Sicherheitsprotokolle. Der Vorfall hat die Debatte über die notwendigen Vorkehrungen für neurodiverse Fluggäste neu entfacht.
Aktivisten, darunter auch jene, die an dem Film beteiligt sind, betonen immer wieder die Notwendigkeit, zwischen dem Charakter eines Menschen und seinen unwillkürlichen neurologischen Symptomen zu unterscheiden. Regisseur Jones hofft, dass die derzeitige öffentliche Aufmerksamkeit zu mehr Empathie und einem tieferen Verständnis für Neurodiversität im öffentlichen Raum führen wird.
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