Trendgetränke: Zwei Drittel der neuen Produkte gelten als weniger gesund
Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 10:15 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Angereicherte Erfrischungsgetränke und moderne Nahrungsergänzungsmittel erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Experten bemängeln jedoch zunehmend, dass viele dieser Produkte in der Vermarktung fälschlicherweise als gesunde Nährstoffquellen dargestellt werden.
Während immer neue pflanzliche Supplemente zur Unterstützung des Wohlbefindens auf den Markt drängen, zeichnen wissenschaftliche Analysen und Produkttests ein ernüchterndes Bild hinsichtlich des tatsächlichen gesundheitlichen Mehrwerts.
Diskrepanz zwischen Werbeaussage und Nährwertprofil
Dass nährwertbezogene Angaben nur bedingt Rückschlüsse auf die Gesamtqualität eines Lebensmittels zulassen, belegt eine Untersuchung der Cornell University unter der Leitung von Miguel Gómez und Pei Zhou.
Die Forscher analysierten fast 150.000 Produkte, die über einen Zeitraum von zehn Jahren in den USA neu eingeführt worden waren. Zwar stimmten spezifische Hinweise wie fettreduziert oder zuckerfrei in der Regel mit den Tatsachen überein, das Gesamtnährwertprofil verbesserte sich dadurch jedoch keineswegs zwangsläufig.
Insbesondere im Getränkesegment erwiesen sich Angaben wie natriumarm oder frei von gesättigten Fettsäuren als unzureichender Indikator für gesundheitliche Vorteile. Bei natriumreduzierten Getränken stellten die Wissenschaftler fest, dass der Verlust an Natrium häufig überproportional durch Zucker ausgeglichen wurde.
Auf Basis des Nutrient Profiling Models der britischen Food Standards Agency stuften die Forscher zwei Drittel der untersuchten Neueinführungen als insgesamt weniger gesund ein – ungeachtet dessen, dass die Hälfte dieser Waren mit Gesundheitsversprechen auf der Verpackung warb.
Als Orientierung raten die Experten zum genauen Studium der Nährwerttabelle; in Deutschland steht hierfür ergänzend der Nutri-Score auf freiwilliger Basis bereit.
Trendgetränke im Test: Säuren, Koffein und Überdosierungsrisiken
Dass funktionale Lifestyle-Getränke teils erhebliche Schwachstellen aufweisen, zeigte auch eine Prüfung des ARD-Formats „buy better“ durch Clara Kaltenbacher. Untersucht wurden unter anderem Produkte der Marken Holy, waterdrop, air up und Meßmer.
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Bei Holy liegen die Kosten bei 1,60 bis fast 4 Euro pro Liter, während herkömmliche Cola im Angebot rund 0,70 Euro und regulär über 2 Euro je Liter kostet. Kritisiert wurden hier vor allem die hohen Mengen der Vitamine B6, D3 und C, die bei dauerhaftem Konsum zu einer Überdosierung führen und das Krebsrisiko erhöhen können.
Zudem beanspruche die Hydration-Reihe mit Magnesium, Zink und Kalzium dieselben Transportwege im Darm. Die Energy-Variante enthält 160 Milligramm Koffein pro 500 Milliliter, und die Sorte Saurer Apfel weist einen pH-Wert von 3,19 auf – weit unterhalb des kritischen Zahnschmelz-Schwellenwerts von 5,5.
Ähnliche Eigenschaften zeigten Konkurrenzprodukte: Waterdrop kostet 1,50 bis 1,70 Euro pro Liter, wobei die Sorte Turbo Boost ebenfalls 160 Milligramm Koffein je 500 Milliliter liefert und einen pH-Wert von 3,98 aufweist.
Der koffeinhaltige Meßmer Cold Tea enthält 105 Milligramm Koffein pro 500 Milliliter – mehr als eine Dose Red Bull – bei einem pH-Wert von 3,7. Das Duft-Trinksystem air up, bei dem die Flasche etwa 35 Euro kostet und das Starter-Set für die ersten 15 Liter umgerechnet 2,66 Euro je Liter beträgt, wurde gesundheitlich als unbedenklich eingestuft, blieb jedoch wegen der Anschaffungskosten eine teure Alternative.
Zudem entfernte das Unternehmen frühere Aussagen zu einer klinischen Doppelblindstudie über entspannte Blutgefäße nach Kritik der Verbraucherzentrale, da die Studie nie veröffentlicht worden war.
Warnungen vor hochdosiertem Koffein und unregulierten Zusätzen
Zusätzliche Risiken sehen Fachleute bei hochkonzentrierten Formaten. Die Verbraucherzentrale warnt vor Energy Shots von 25 bis 60 Millilitern, die als Nahrungsergänzungsmittel verkauft werden und bis zu 230 Milligramm Koffein pro Portion enthalten können.
Zudem bergen reine Koffeinpulver erhebliche Gefahren, da bereits eine Messerspitze etwa 200 Milligramm Wirkstoff enthält und ungenaue Haushaltswaagen eine Überdosierung begünstigen; fünf bis zehn Gramm Koffein können tödlich sein. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt vor der Kombination von hohen Koffeindosen mit Alkohol oder starker körperlicher Aktivität.
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Als sichere Höchstmengen für gesunde Erwachsene gelten 200 Milligramm auf einmal sowie 400 Milligramm über den Tag verteilt. Für Kinder und Jugendliche liegt der Richtwert bei höchstens 3 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht. Verbraucherzentralen und BfR fordern deshalb ein Verbot beziehungsweise mindestens ein Abgabeverbot von Energy Shots und Koffeinpulver an Minderjährige.
Gleichzeitig verweisen Wissenschaftler, Mediziner und Verbraucherschützer auf Sicherheitsdefizite bei pflanzlichen Nahrungsergänzungsmitteln, sogenannten Botanicals.
In einem Schreiben an die Bundesministerien für Landwirtschaft, Ernährung und Wirtschaft beklagen sie das Fehlen behördlicher Prüfungen vor dem Markteintritt; Produkte müssen lediglich beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) gemeldet werden.
Laut Andreas Hensel, Präsident der Gesellschaft für Phytotherapie an der Universität Münster, wurden im vergangenen Jahr über 30.000 Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland angemeldet. Die Unterzeichner verlangen strengere Dokumentationspflichten nach Vorbild der Schweiz, Frankreichs oder Belgiens sowie verlässliche Rohstoffprüfungen.
Vor unzulässigen Inhaltsstoffen warnt auch das BVL selbst: Lithiumverbindungen, die online teils mit Versprechungen für mentale Klarheit oder neuronale Gesundheit beworben werden, sind in der EU nicht als Nahrungsergänzung zugelassen und können schwere Vergiftungen bis hin zu Koma oder Todesfolge verursachen.
