Typ-2-Diabetes: Epigenetik bestimmt Erfolg von Ernährungsumstellung
Veröffentlicht am: 20.09.2026 um 11:13 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen analysieren vertieft, wie Ernährungsgewohnheiten und epigenetische Faktoren das individuelle Risiko für Typ-2-Diabetes beeinflussen und auf welch unterschiedliche Weise Menschen auf Ernährungsformen reagieren. Die Erkenntnisse deuten darauf hin, dass pauschale Empfehlungen nicht bei jedem Menschen die gleiche Wirkung erzielen.
Epigenetische Muster steuern den Schutzeffekt
Eine Forschungsarbeit des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) und des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (DIfE), basierend auf der EPIC-Potsdam-Kohorte mit mehr als 27.000 Teilnehmenden seit den 1990er-Jahren, liefert neue Einblicke in das Zusammenspiel von Genetik und Lebensstil.
Die im Fachjournal Cardiovascular Diabetology publizierte Untersuchung zeigt, dass die genetische Veranlagung den Schutzeffekt einer gesunden Ernährung nicht beeinflusst.
Ausschlaggebend sei vielmehr die Epigenetik: Ein höherer sogenannter Methylation Risk Score (MRS) geht mit einem erhöhten Typ-2-Diabetes-Risiko einher. Während eine gesunde Ernährung das Erkrankungsrisiko bei Personen mit einem niedrigen MRS senken konnte, zeigte sich bei Personen mit einem hohen MRS kein entsprechender Effekt.
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Für die Diagnose von Diabetes gelten feste klinische Grenzwerte: Ein Nüchternblutzucker von über 126 mg/dl (7 mmol/l), ein HbA1c-Wert von über 6,5 Prozent (über 48 mmol/mol) oder ein Wert von mehr als 200 mg/dl (11,1 mmol/l) zwei Stunden nach einem Glukosebelastungstest weisen auf die Erkrankung hin, wobei zwei auffällige Messungen erforderlich sind.
Als Normalwerte gelten nüchtern unter 100 mg/dl sowie ein HbA1c unter 5,7 Prozent. Im Bereich eines Prädiabetes liegt der Nüchternblutzucker zwischen 100 und 125 mg/dl (5,6 bis 6,9 mmol/l) oder der Zwei-Stunden-Wert zwischen 140 und 199 mg/dl. Werte ab 250 mg/dl gelten wegen des Risikos eines Komas als gefährlich.
Nahrungsmittelkomponenten und Stoffwechselreaktionen
Neben epigenetischen Profilen rücken spezifische Inhaltsstoffe von Lebensmitteln in den Fokus der Forschung. Japanische Wissenschaftler unter Leitung von Siddabasave Gowda wiesen bei der Untersuchung von 56 Reissorten aus Japan erstmals spezielle Fette, sogenannte FAHMFAs, in Reiskörnern von schwarzem und grünem Reis nach.
Laut der im Fachblatt Food Research International veröffentlichten Studie wird Stärke dadurch langsamer abgebaut. Da der Zucker verzögert in die Blutbahn gelangt, sinkt das Risiko für Typ-2-Diabetes sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Ernährungsmediziner Matthias Riedl betont wiederum, dass sich Blutfettwerte über die Ernährung um 10 bis 20 Prozent, in Einzelfällen um bis zu 50 Prozent, senken lassen. Unter Verweis auf die PREDIMED-Studie verringern Nüsse das Cholesterin und das kardiovaskuläre Risiko.
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Fachlich empfohlen werden täglich eine Handvoll Nüsse, zwei- bis dreimal wöchentlich Hülsenfrüchte sowie 30 Gramm Ballaststoffe pro Tag, bei erhöhten Werten auch mehr. Riedl verweist zudem darauf, dass bei Frauen in der Peri- und Menopause der Cholesterinspiegel infolge des Östrogenabfalls ansteigen kann.
Individuelle Effekte von Ernährungsformen
Wie unterschiedlich Organismen auf bestimmte Diäten ansprechen, verdeutlichte unter anderem eine zwölfwöchige Zwillingsuntersuchung des Department of Twin Research am King’s College London an den Zwillingen Hugo und Ross Turner.
Während sich Hugo vegan ernährte, konsumierte Ross Fleisch. Bei veganer Kost sank das Gewicht von 84 auf 82 Kilogramm, das Körperfett reduzierte sich von 13 auf 12 Prozent und der Cholesterinspiegel fiel, begleitet von mehr Energie, aber einem Libidoverlust.
Bei fleischhaltiger Kost legte Ross 4,5 Kilogramm Muskelmasse und 2 Kilogramm Fett zu, erreichte 85,7 Kilogramm bei einem Körperfettanstieg von 13 auf 15 Prozent und konstantem Cholesterin. Bei beiden Probanden ging die mikrobielle Diversität im Darm zurück.
Kontrovers diskutiert werden gezielte Diät- und Verhaltensansätze. Low-Carb-Konzepte wirken nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) kurzfristig über Gewichtsverlust und günstigere Blutzucker- sowie Triglyceridwerte, vor allem bei Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes.
Während ketogene Diäten den Kohlenhydratanteil auf unter 10 Prozent der Energiezufuhr begrenzen und mediterranes Low-Carb bei 35 bis 40 Prozent liegt, empfiehlt die DGE einen Anteil von über 50 Prozent.
Während ketogene Ernährung bei pädiatrischer Epilepsie seit über 100 Jahren anerkannt ist, rät die S3-Leitlinie Komplementäre Onkologie Krebspatienten davon ab; Risiken bestehen unter anderem in einem Anstieg des LDL-Cholesterins und möglichem Ballaststoffmangel.
Auch Ansätze wie die sogenannte Glukose-Diät der Biochemikerin Jessie Inchauspé, nach der die Reihenfolge der Nahrungsaufnahme – Ballaststoffe zuerst, gefolgt von Fett, Eiweiß und Kohlenhydraten – Blutzuckerspitzen dämpfen soll, stoßen auf Kritik.
Ernährungswissenschaftler Uwe Knop bemängelt das Fehlen wissenschaftlicher Nachweise für langfristige Effekte und warnt davor, dass die Verengung auf einzelne Messwerte und ständiges Selbsttracking psychischen Druck erzeugen könne.
