Ukraine-Studie: 31,2 Prozent der Zivilisten erfüllen PTBS-Kriterien
Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 13:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Traumatische Erlebnisse durch Kriege, Unfälle oder persönliche Krisen hinterlassen bei Betroffenen oft langanhaltende Spuren. Forschung und Praxis widmen sich verstärkt der Frage, wie frühzeitige Interventionen das Risiko von Traumafolgestörungen mindern können und vor welchen strukturellen Problemen Hilfssysteme weltweit stehen.
Frühe Interventionen im Fokus der Forschung
In der Akutphase nach traumatischen Ereignissen rücken unkonventionelle Methoden in den Blickpunkt wissenschaftlicher Untersuchungen. Psychologie-Professorin Emily Holmes untersuchte in einer Studie mit 71 Opfern von Verkehrsunfällen einen spielerischen Interventionsansatz: Eine Hälfte der Teilnehmer spielte innerhalb von sechs Stunden nach dem Vorfall das Computerspiel Tetris, während die Kontrollgruppe andere Aktivitäten durchführte. In der darauffolgenden Woche wies die Tetris-Gruppe weniger aufdringliche Erinnerungen auf; belastende Bilder nahmen schneller ab.
Fachleute verweisen jedoch auf deutliche Einschränkungen: Wegen der geringen Teilnehmerzahl gelten die Ergebnisse noch nicht als repräsentativ. Zudem zeigte sich der Effekt ausschließlich innerhalb des Zeitfensters der Gedächtniskonsolidierung von sechs Stunden und blieb danach wirkungslos. Das Spiel selbst war erstmals 1984 für den Elektronika-60-Computer entwickelt worden.
Hohe Belastungswerte in Kriegs- und Krisengebieten
Wie massiv Traumata ganze Bevölkerungen erfassen, belegen Erhebungen aus aktuellen Konfliktgebieten. Laut der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMFTR) finanzierten und im Fachblatt European Journal of Psychotraumatology veröffentlichten KonKoop-Studie unter Leitung von Deirdre McManus vom King's College London erfüllen 31,2 Prozent der ukrainischen Zivilisten die Kriterien für eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder eine komplexe PTBS.
Für die Untersuchung wurden über 2.500 ukrainische Männer und Frauen in von Kiew kontrollierten Gebieten befragt. Der weltweite PTBS-Durchschnitt liegt dagegen unter 10 Prozent. Über 90 Prozent der Befragten gaben mindestens ein traumatisches Erlebnis im Erwachsenenalter an; über 70 Prozent erlebten Beschuss in ihrer Nachbarschaft, 65 Prozent waren von Zerstörungen betroffen, und 50 Prozent haben ein Familienmitglied an der Front.
Die KonKoop-Studie zeigt: 31,2 Prozent der ukrainischen Zivilisten erfüllen die Kriterien für PTBS oder komplexe PTBS — der weltweite Durchschnitt liegt unter 10 Prozent. Wer traumatisierte Menschen begleitet, braucht klare Screening-Kriterien und ein Frühinterventions-Konzept, das sich im Alltag umsetzen lässt. Praxisleitfaden Trauma-Intervention jetzt anfordern
Ein Bericht des israelischen Staatsrevisors vom Februar 2025 verzeichnete ebenfalls schwere Belastungen: 39 Prozent der Israelis – rund 3 Millionen Menschen – litten in mittlerem oder schwerem Ausmaß an posttraumatischen Symptomen, Depressionen oder Ängsten, davon 600.000 Betroffene besonders stark. Dennoch stieg die Zahl der Personen in psychologischer Behandlung seit dem 7. Oktober 2023 lediglich um ein Prozent (circa 60.000).
Laut dem Adva Center liegen die Wartezeiten im öffentlichen System bei über sechs Monaten bis über einem Jahr. Das israelische Gesundheitsministerium registrierte einen Anstieg der Verschreibungen von Beruhigungs-, Schlaf- und Antidepressiva um 13 bis 17 Prozent sowie 2024 elf Fälle und 2025 neun mutmaßliche Fälle von Suiziden unter Reservisten.
Eine Untersuchung der Universität Haifa ergab zudem, dass 84 Prozent des therapeutischen Personals, das Betroffene des 7. Oktober behandelte, selbst traumatische Symptome entwickelte.
Versorgungslage und regionale Hilfen in Deutschland
Auch in Deutschland spiegeln Kennzahlen einen wachsenden Bedarf wider. Umfragen des Robert Koch-Instituts (RKI) zeigen, dass sich die psychische Gesundheit seit 2020 verschlechtert hat. Im Jahr 2024 berichteten rund 22 Prozent der Erwachsenen von depressiven Symptomen; 28 Prozent bewerteten ihr psychisches Wohlbefinden als eher schlecht, während es nur rund 11 Prozent als eher gut einstuften.
In einer Untersuchung der Universität Haifa entwickelten 84 Prozent des therapeutischen Personals, das Betroffene des 7. Oktober behandelte, selbst traumatische Symptome. Wer andere stabilisiert, braucht ein eigenes Selbstfürsorge-Protokoll — bevor die eigene Belastung die Arbeit trägt. Selbstfürsorge-Protokoll für Therapeuten sichern
Nach Angaben von Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim sind jährlich rund 30 Prozent der Bevölkerung behandlungsbedürftig. Dagegen sieht Hegerl von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe keine krisenbedingte Epidemie von Depressionen.
Angesichts langer Wartezeiten auf Therapieplätze ergänzen lokale Bildungs- und Unterstützungsangebote das Hilfesystem. Dazu zählen Vorbereitungskurse der Kreisvolkshochschule Saarpfalz-Kreis und des DRK-Kreisverbands St. Ingbert zum Zivilschutz und zur Erstversorgung im Herbst 2026 sowie regionale Informationsabende und Selbsthilfegruppen, um Betroffenen und Angehörigen Orientierung im Umgang mit psychischen Belastungen zu bieten.
