Unsichtbare, Arbeit

Unsichtbare Arbeit: Kunstausstellungen und Literatur machen Routinen sichtbar

Veröffentlicht am: 18.09.2026 um 20:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Ausstellungen und Bücher beleuchten unbezahlte Tätigkeiten, vergessene Wissenschaftlerinnen und prekäre Arbeitsbedingungen in verschiedenen Lebensbereichen.

Kunst und Literatur rücken unsichtbare Arbeit ins öffentliche Bewusstsein
Ein minimalistisch gestalteter Ausstellungsraum mit einem einzelnen Exponat auf einem Sockel, das alltägliche Arbeit thematisiert. Illustration mit AI erstellt.

Kulturelle Projekte, Ausstellungen und literarische Neuerscheinungen widmen sich verstärkt der Bedeutung unsichtbarer Alltagsarbeit sowie der philosophischen Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz.

Ob unbezahlte Tätigkeiten im Privaten, historische Leerstellen in der Wissenschaft oder prekäre Beschäftigungsverhältnisse in globalen Dienstleistungsbranchen: Zeitgenössische Kunst- und Literaturschaffende machen Routinen und Leistungen greifbar, die in der gesellschaftlichen Wahrnehmung häufig im Verborgenen bleiben.

Alltägliche Handgriffe und historische Leerstellen in der bildenden Kunst

Auf dem Galerieschiff Arte Noah im Würzburger Kulturhafen widmet sich der Kunstverein Würzburg dieser Thematik. In der Schau mit dem Titel „Das ist Wasser“ setzen Lina Schobel und Paul Reßl alltäglichen Abläufen ein Denkmal. Gezeigt werden Haushaltsgegenstände, die aus dem Material von Tragetaschen gefertigt wurden.

Die Präsentation am Oskar-Laredo-Platz 1 ist die dritte Hauptausstellung des Kunstvereins im Jahr 2026 und bis zum 18. Oktober jeweils von Donnerstag bis Sonntag zwischen 12 und 18 Uhr geöffnet.

Einen wissenschaftsgeschichtlichen Zugang wählt Gesine Born mit der Wanderausstellung „Versäumte Bilder“, die bis zum 26. Oktober im Forum des Universitätsgebäudes am Wittelsbacherplatz in Würzburg zu sehen ist. Das Projekt nutzt KI-generierte Porträts, um vergessene Wissenschaftlerinnen sichtbar zu machen.

Ein zentraler Beitrag vor Ort erinnert an Barbara Thein (1775–1842). Sie gilt als erste wissenschaftlich tätige Frau an der Universität Würzburg und arbeitete damals unbezahlt im Naturalienkabinett der Hochschule. Nach der Station in Würzburg soll die Schau nach Heilbronn und Hannover weiterziehen.

Anzeige

Kunst und Literatur machen gerade sichtbar, was sonst im Verborgenen bleibt: unbezahlte Alltagsarbeit, vergessene Wissenschaftlerinnen, prekäre Lieferjobs. Wer diese Welle verstehen und für eigene Projekte nutzen will, findet in diesem kostenlosen Guide die wichtigsten Ausstellungen, Neuerscheinungen und Denkanstöße. Kostenlosen Kulturguide anfordern

Auch das Thema des industriellen und handwerklichen Wandels wird künstlerisch aufgegriffen. Auf der Kokerei Hansa in Dortmund präsentiert das Projekt der IGA 2027 Ruhrgebiet die Ausstellung „spark – from work to progress“.

Das Kuratorenteam Sarah Hübscher, Steven Natusch und Linda Schröer versammelt 16 künstlerische Positionen, von denen sieben aus Dortmund stammen. Begleitet wird die Initiative von einem Rahmenprogramm mit Vorträgen, Führungen und Performances.

Literarische Reflexionen ĂĽber Dienstleistung und Dasein

Im literarischen Bereich spiegelt sich die Auseinandersetzung mit oft übersehenen Arbeitsrealitäten in Veröffentlichungen wider, die reale Arbeitsbedingungen dokumentieren. Der Schriftsteller Tomer Gardi thematisiert in seinem 314 Seiten umfassenden Roman „Liefern“, der 2026 für 25,00 Euro im Tropen Verlag erschien, die prekären Strukturen weltweiter Lieferdienste.

Dem Buch ging eine dreijährige Recherche in Metropolen wie Delhi, Istanbul, Berlin, Tel Aviv und Buenos Aires sowie in ländlichen Regionen Kenias voraus. Gardis sechs Erzählungen sind teils direkt auf Deutsch verfasst und teils von Anne Birkenhauer aus dem Hebräischen übertragen worden.

Anzeige

Vergessene Forscherinnen, unbezahlte Care-Arbeit, unsichtbare Dienstleistungsjobs — die Kulturwelt arbeitet diese Leerstellen auf. Dieser Leitfaden zeigt Ihnen, wie Sie daraus eigene Projekte, Texte oder Veranstaltungen entwickeln — mit kuratierten Beispielen und praktischen Anknüpfungspunkten. Leitfaden jetzt sichern

Einen Einblick in eine andere Form alltäglicher Dienstleistungsarbeit gibt Nadine Habermann, die seit 25 Jahren in der Friseurbranche tätig ist. Ihr 144 Seiten langes Werk „Die Föhntherapie – Echte Therapeuten tragen keine Doktortitel“ erscheint am 30. November 2026 in zweiter Auflage im GOLD Verlag.

Ergänzt wird die Auseinandersetzung mit dem Dasein durch philosophische Formate im öffentlichen Raum. In Leipzig thematisierten Prof. Dr. Kerstin Andermann und Dr. Rainer Totzke in der von der ZEIT STIFTUNG BUCERIUS geförderten Reihe „Tacheles“ das Werk „Die Spur des Anderen“ von Emmanuel Lévinas. Solche Formate verknüpfen theoretische Fragen nach der Verantwortung für Mitmenschen mit konkreten Erfahrungen im städtischen Alltag.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 70127826 |