Vitamin-D-Präparate: 162 Vergiftungsfälle zeigen echte Risiken
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 12:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Vitamin D gilt vielen als harmloses Alltagspräparat gegen Müdigkeit und schwache Knochen. Ärzte und Fachleute weisen jedoch zunehmend darauf hin, dass eine dauerhafte, schleichende Überdosierung ernste gesundheitliche Folgen haben kann.
Da Vitamin D fettlöslich ist, reichert es sich in Leber und Fettgewebe an – anders als wasserlösliche Vitamine wird ein Überschuss also nicht einfach ausgeschieden.
Genau das macht eine Überdosierung möglich, wie ein Bericht des Abendblatts vom 23. September 2026 darlegt. Laut diesem Bericht wurden 2022 bei der Giftnotzentrale 162 Fälle von Vitamin-D-Vergiftungen registriert.
Wo die Grenzen liegen
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für Erwachsene bei fehlender körpereigener Produktion eine tägliche Zufuhr von 800 I.E. beziehungsweise 20 µg. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) stufte 2023 eine Tagesmenge von 4000 I.E. beziehungsweise 100 µg als noch tolerierbar ein.
Der Endokrinologe Helmut Schatz ordnet die Spannbreite so ein: 800 bis maximal 2000 I.E. täglich seien unbedenklich, ab mehr als 4000 I.E. über einen längeren Zeitraum werde die Einnahme toxisch. Präventivmedizinische Empfehlungen nennen je nach Ausgangswert 1000 bis 2000 I.E. als sinnvollen Bereich, wie aus einem Bericht vom 22. September 2026 hervorgeht.
Zur Einordnung: 1 µg entspricht 40 I.E., und laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bildet die Haut unter Sonneneinstrahlung normalerweise etwa 80 bis 90 Prozent des Bedarfs selbst. Von Oktober bis März reicht die Sonneneinstrahlung in Mitteleuropa dafür jedoch häufig nicht aus.
Wer Präparate überhaupt braucht
Die DGE empfiehlt Vitamin-D-Präparate vor allem für Menschen, die sich selten im Freien aufhalten, sowie für Risikogruppen wie ältere und wenig mobile Personen, Säuglinge und Menschen mit dunkler Hautfarbe – nicht pauschal für gesunde Erwachsene, wie ein Bericht vom 22. September 2026 festhält.
Auch die US-amerikanische Endocrine Society rät gesunden Erwachsenen unter 75 Jahren nicht generell zu einer regelmäßigen Einnahme zur Krankheitsvorbeugung. Das BfR warnt zudem ausdrücklich vor hohen Einzeldosen in größeren zeitlichen Abständen.
Ein weiteres Problem: Marktstichproben der Verbraucherzentrale zeigen laut dem Abendblatt-Bericht, dass viele mit Vitamin D angereicherte Lebensmittel die vom BfR empfohlene Tageshöchstmenge von 1000 I.E. überschreiten – wodurch Verbraucher unbemerkt zusätzliche Mengen aufnehmen können.
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Symptome und Folgen
Eine Überdosierung äußert sich zunächst in Übelkeit, Bauchkrämpfen und Erbrechen. In schweren Fällen drohen Bluthochdruck, Bewusstlosigkeit, Nierenschäden und Herzrhythmusstörungen – im Extremfall potenziell tödlich.
Langfristige Einnahmen von mehr als 100 µg beziehungsweise 4000 I.E. täglich können laut einem Bericht vom 22. September 2026 zu einer Hyperkalzämie mit Nieren- und Gefäßschäden führen.
In einem Podcast der Morgenpost vom 23. September 2026 berichtete Dr. Felix Bertram von einer eigenen Überdosierungserfahrung und verwies auf die Gefahr, unbemerkt zu hohe Gesamtdosen aus mehreren Präparaten und angereicherten Lebensmitteln aufzunehmen.
Thematisiert wurde dort auch die Frage nach einem Zusatz von Vitamin K2 zu Vitamin-D-Präparaten. Zudem stellte der Podcast klar, dass Sonnencreme die körpereigene Vitamin-D-Produktion nicht grundsätzlich verhindert und UVB-Lampen für den Hausgebrauch keine sinnvolle Alternative darstellen.
Kombinationsrisiken und wachsender Konsum
Die Gefahr beschränkt sich nicht auf einzelne Präparate. Chefsapothekerin Annika Svedberg warnte laut einem Bericht vom 22. September 2026 vor Überdosierungen von Eisen sowie den fettlöslichen Vitaminen D und E, die zu Nierenschäden, Vergiftungen und Herzrhythmusstörungen führen können.
Eine Umfrage von Verian im Auftrag von Apotek Hjärtat, durchgeführt zwischen dem 30. Juni und 19. Juli 2026 unter 4.213 Befragten zwischen 18 und 84 Jahren, ergab, dass 35 Prozent der Schweden im vorangegangenen Jahr täglich Nahrungsergänzungsmittel einnahmen und 51 Prozent mindestens wöchentlich. Acht Prozent nahmen jeweils eine höhere als die empfohlene Dosis ein, bei Männern waren es 10 Prozent, bei 18- bis 29-Jährigen sogar 12 Prozent.
Nur 12 Prozent der Befragten wussten, wie ihre Präparate mit anderen Nahrungsergänzungsmitteln interagieren, lediglich 15 Prozent kannten mögliche Wechselwirkungen mit Arzneimitteln, und nur 14 Prozent konnten ihre Präparate korrekt als fett- oder wasserlöslich einordnen. 21 Prozent der Befragten sahen generell keine Risiken. Die Verkaufszahlen bei Apotek Hjärtat stiegen den Angaben zufolge im Vergleich der Wochen 1 bis 35 der Jahre 2022 und 2026 um 78,9 Prozent.
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Langfristige Folgen bei Mangel und Überschuss
Nicht nur ein Zuviel, auch ein anhaltender Mangel birgt Risiken. Kohortenstudien über einen Zeitraum von 16 Jahren zeigen, dass bei einem Vitamin-D-Plasmaspiegel unter 25 nmol/L das Demenzrisiko gegenüber Normalwerten um 50 bis 60 Prozent steigt; liegt zusätzlich der B12-Spiegel unter 200 pg/mL, beschleunigt sich die Hirnatrophie zusätzlich.
Gleichzeitig zeigen Untersuchungen, dass multiple Kombinationspräparate aus Vitaminen, Omega-3-Fettsäuren und pflanzlichen Wirkstoffen die Leberenzyme ALT und AST auf das Fünf- bis Zehnfache erhöhen können. Demnach werden weltweit und in der Türkei etwa 20 Prozent der arzneimittelbedingten Leberschäden auf Vitamin- und pflanzliche Präparate zurückgeführt.
Fachleute empfehlen daher, vor einer Supplementierung den eigenen Blutwert testen zu lassen, die Dosierung entsprechend anzupassen und Nachkontrollen durchzuführen. Besonders Risikogruppen – ältere, adipöse und vegan lebende Menschen, Personen mit Aufnahmestörungen, dunkler Hautfarbe oder mehreren gleichzeitig eingenommenen Medikamenten – sollten ihre Werte überprüfen lassen.
Die empfohlene Tagesdosis sollte demnach nicht überschritten werden, höhere Therapiedosen nur unter ärztlicher Aufsicht und meist über einen Zeitraum von acht bis zwölf Wochen eingenommen werden.
