Wechseljahre: Antidiskriminierungsstelle fordert nationale Strategie
Veröffentlicht am: 13.10.2026 um 16:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Wechseljahre betreffen früher oder später 50,7 % der Bevölkerung, dennoch sind sie im gesellschaftlichen Bewusstsein sowie im Arbeits- und Gesundheitssystem weiterhin von Tabus geprägt. Mit einem rund 30-seitigen Policy Paper unter dem Titel „Gleichberechtigt in den Wechseljahren“ legt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes Handlungsempfehlungen vor.
Die Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung, Ferda Ataman, fordert darin eine nationale Wechseljahres-Strategie, um bestehende Versorgungsmängel abzubauen und Benachteiligungen im Erwerbsleben zu verhindern.
Hohe Relevanz für den Arbeitsmarkt
Nach Angaben der Antidiskriminierungsstelle des Bundes leben in Deutschland rund 11 Mio. Frauen im Alter zwischen 40 und 60 Jahren, die damit potenziell in den Wechseljahren sind.
Wie das Gremium „Wechseljahre und Diskriminierung“, geleitet von Miriam Stein und Franzi von Kempis, darlegt, spüren etwa 85 % der Betroffenen Symptome. Statistisch beginnen die Wechseljahre im Alter von 51 bis 52 Jahren, worauf im Durchschnitt mindestens 15 Jahre Erwerbsleben folgen.
Zu den im Papier aufgeführten Beschwerden gehören unter anderem Schlaflosigkeit, Gelenkschmerzen, Hitzewallungen, Gereiztheit, Inkontinenz sowie Änderungen des Zyklus.
Die Auswirkungen auf den Berufsalltag sind erheblich: Laut einer DAK-Auswertung berichtet jede dritte Betroffene von teils starken beruflichen Belastungen, die mit eingeschränkter Arbeitsfähigkeit, Arbeitsausfällen und mehr Fehltagen einhergehen.
Ataman betonte, dass die Wechseljahre keine Diskriminierungsjahre sein dürften, und forderte Arbeitgeber auf, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen.
Forderungen nach betrieblicher Unterstützung und rechtlichem Schutz
Viele Frauen trauten sich am Arbeitsplatz nicht, offen über ihre Beschwerden zu sprechen, so Ataman weiter. Frauen arbeiteten zudem besonders häufig in Bereichen wie Schule, Pflege und Gastronomie. Zu den geforderten Erleichterungen zählen flexible Arbeitszeiten, geeignete Raumtemperaturen, betriebsärztliche Beratung sowie der Zugang zu Toiletten.
Gremiumsleiterin Miriam Stein wies zudem darauf hin, dass Arbeitskleidung in Berufen wie bei Polizistinnen, Pflegekräften und Verkäuferinnen problematisch sein könne. Als mögliche Entlastung nannte sie einen Frauenruheraum nach historischem Vorbild der DDR.
Neben organisatorischen Anpassungen drängt Ataman auf eine gesetzliche Klarstellung zum Diskriminierungsschutz. Konkret empfiehlt das Papier zu prüfen, ob Benachteiligungen aufgrund der Wechseljahre bereits durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) erfasst sind.
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Die vorgeschlagene Strategie umfasst darüber hinaus eine bundesweite Informationskampagne, mehr interdisziplinäre Forschung sowie den flächendeckenden Aufbau wechseljahresfreundlicher Arbeitsplätze.
Defizite in der medizinischen Versorgung
Auch im Gesundheitssystem bestehen nach Einschätzung von Fachleuten erhebliche Lücken. Mandy Mangler, Chefärztin für Gynäkologie am Vivantes Klinikum und Vorsitzende der Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe Berlin, konstatierte ein klares Versorgungsproblem im Land.
Das Thema werde im Medizinstudium nur rudimentär behandelt; an der Berliner Charité gebe es dazu lediglich eine Vorlesung. Zudem fehle es im Abrechnungssystem an einer eigenen Ziffer für die ärztliche Wechseljahresberatung. Die Antidiskriminierungsstelle fordert daher eine bessere Verankerung der Thematik sowohl im Studium als auch in der fachärztlichen Weiterbildung.
Das Bundesgesundheitsministerium hat unterdessen Maßnahmen zur Verbesserung der medizinischen Versorgung angekündigt. Das Ministerium kalkuliert etwas konservativer und geht aktuell von rund 9 Mio. betroffenen Frauen aus.
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Im Rahmen eines Dialogprozesses soll geprüft werden, wie das Thema in der Reform der ärztlichen Ausbildung verankert werden kann und inwiefern Beratungsleistungen in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen werden können. Die Parlamentarische Staatssekretärin Christiane Schenderlein (CDU) hob hervor, dass Frauengesundheit kein gesellschaftliches Randthema sein dürfe.
Breitere Initiativen für Frauengesundheit
Die Debatte über die Menopause fügt sich in übergeordnete Bestrebungen ein. Am 22. September 2026 gründete sich im Berliner Hotel Estrel die Allianz für Frauengesundheit, bei der rund 250 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Versorgung anwesend waren.
Die 16 Initiatorinnen stellten das Berliner Commitment vor, mit dem Ziel, Frauengesundheit langfristig strukturell im deutschen Gesundheitssystem zu verankern; für den Herbst 2027 sind erste Eckpunkte für eine Nationale Frauengesundheitsstrategie geplant.
Im Rahmen dieser Initiative verwies das McKinsey Health Institute auf ein mögliches zusätzliches wirtschaftliches Potenzial für Deutschland von rund 46 Mrd. Euro jährlich, was etwa 1 % des Bruttoinlandsprodukts entspricht.
Neben Schenderlein sprach dort Bundesministerin Dorothee Bär per digitalem Grußwort, während Mangler dem wissenschaftlichen Beirat des Bündnisses angehört. Die Vorstöße verdeutlichen den wachsenden Druck, gesundheitliche Belange von Frauen über rein medizinische Aspekte hinaus auch als wirtschaftliche und arbeitsmarktpolitische Notwendigkeit zu behandeln.
