Wildtiere retten - moralische Pflicht oder schÀdlich?
02.06.2026 - 06:00:13 | dpa.deWochenlang bewegte das Schicksal von Buckelwal «Timmy» die Menschen in Deutschland. Viele verfolgten per Livestream die Rettungsversuche, die sich am Ende als vergeblich herausstellten. Der von Anfang an stark geschwÀchte Wal starb. Aus ethischer Sicht wirft nicht nur dieses Beispiel viele Fragen auf. Sind Menschen moralisch verpflichtet, verletzten oder kranken Wildtieren zu helfen? Macht das in jedem Fall Sinn? Das sagen Fachleute:
Wie sind Rettungsversuche fĂŒr Wildtiere ethisch zu bewerten?
DĂ€nemark hat eine klare Haltung zum Umgang mit gestrandeten Walen: Die Strandungen gelten als natĂŒrlich und sollen nicht durch menschliche Eingriffe beeinflusst werden. In Deutschland sei der Fall des Buckelwals dagegen sehr emotionalisiert worden, meint die Tierethikerin Judith Benz-Schwarzburg von der VeterinĂ€rmedizinischen UniversitĂ€t Wien.Â
«Dass wir emotional darauf reagieren, wenn ein Tier leidet und dieses Leiden beenden wollen, wĂŒrde ich grundsĂ€tzlich als moralisch gut bezeichnen, solange sich das Mitleid auf die BedĂŒrfnisse und Interessen des Tiers richtet», sagt die Expertin. Dann gelte es, informiert von Fachwissen, die richtigen MaĂnahmen zum richtigen Zeitpunkt zu setzen. «Ich glaube, vieles ging schief in der Debatte.»Â
Ăhnlich sieht es der Tierethiker Felix Suckstorff von der UniversitĂ€t Greifswald. «Wir sollten dem MitgefĂŒhl Raum geben, aber auch den Expertinnen und Experten zuhören.» Generell sieht er keine generelle moralische Verpflichtung fĂŒr Menschen, kranken oder verletzten Wildtieren zu helfen. «Ich finde es aber auch nicht verwerflich, dies zu tun - wenn ich dadurch nicht noch mehr Schaden verursache.»
Welchen Schaden kann es verursachen, ein Tier retten zu wollen?
Beim Wal warnten Fachleute immer wieder, es werde einem schwer kranken Wildtier durch die stĂ€ndige AnnĂ€herung von Menschen und den Transport unnötig Stress und Angst zugefĂŒgt. Hinzu kamen Verletzungen wĂ€hrend des Transports Richtung Nordsee bei rauer See.
Benz-Schwarzburg findet problematisch, wenn Menschen ein Reh oder eine Gazelle retten wollen, die bei der Jagd von einem Raubtier verletzt wird. «Damit unterbricht man ein natĂŒrliches Jagdverhalten und auch den Nahrungserwerb», sagt die Expertin. «Ist es ein Prozess, wo Sterben natĂŒrlicherweise vorkommt? Dann haben wir gute GrĂŒnde, uns rauszuhalten.»
Doch in der Praxis sieht es anders aus: RegelmĂ€Ăig bringen Menschen verletzte Beutetiere etwa im Artenschutzzentrum Leiferde in Niedersachsen vorbei. «Die RealitĂ€t ist fĂŒr viele Menschen schwer verkraftbar», sagt Joachim Neumann vom Artenschutzzentrum. «Viele Leute fĂŒhlen mit dem Tier mit, sammeln es ein und meinen, das Richtige gemacht zu haben.»Â
In solchen FĂ€llen könne man tatsĂ€chlich ĂŒber den Sinn diskutieren, meint Neumann. Allerdings wisse man auch oft gar nicht, was die Ursache fĂŒr die Verletzung war. «Insofern finde ich es völlig in Ordnung, einem hilflosen Tier zu helfen.»
Soll man die Freiheit eines Wildtiers einschrÀnken, um ihm zu helfen?
«Das ist tatsĂ€chlich ein Spannungsfeld und nicht leicht aufzulösen», sagt Suckstorff. Dazu mĂŒsse man Fachleute zurate ziehen, die beurteilten, wie einschrĂ€nkend das fĂŒr das Tier ist, welche Chancen es auf eine Auswilderung und bei sozial lebenden Tieren eine RĂŒckkehr in den Sozialverbund gebe. «Sonst entlasse ich ein Tier in die Freiheit, das zwar keine physischen Schmerzen mehr hat, aber trotzdem leidet.»
Bei allen Tieren, die das Artenschutzzentrum Leiferde aufnimmt, ist nach Angaben von Neumann die Auswilderung das oberste Ziel. «FĂŒr viele Wildtiere ist das ein irrsinniger Stress, in Menschenhand zu sein. Ein Leben in Gefangenschaft ist in vielen FĂ€llen auch gar nicht möglich. Wenn eine Auswilderung nicht funktioniert, dann mĂŒssen viele Tiere tatsĂ€chlich erlöst werden.»Â
Als Beispiel nennt er einen Bussard, dessen Knochen bei einer Kollision mit einem Auto zertrĂŒmmert wurden. «So ein Tier schlĂ€fern wir sofort ein, weil wir sehen, der kann nie wieder raus.»
Spielt es eine Rolle, ob das Leid des Wildtiers von Menschen verursacht wurde?
FĂŒr Tierethiker Suckstorff steht in dem Fall eindeutig fest: «Wenn es einen menschlichen Faktor gab, warum ein wildlebendes Tier leidet, dann gibt es auch eine moralische Pflicht, diesem zu helfen. Beispiele dafĂŒr seien, wenn man ein Reh anfahre oder ein Vogel gegen die Wohnzimmerscheibe fliege.Â
Doch nicht immer ist es so eindeutig. «In vielen FĂ€llen hat der Mensch eine indirekte oder auch ganz direkte Beteiligung daran, dass es Wildtieren nicht gut geht», gibt Benz-Schwarzburg zu bedenken. Dazu zĂ€hlten der Klimawandel, der Verlust von Lebensraum, die ĂbersĂ€uerung der Meere oder Umweltverschmutzung.Â
In der Fachliteratur werde diskutiert, dass diese menschengemachten Faktoren auch daran beteiligt seien, dass Delfine und Wale stranden, ergÀnzt sie. «Und deswegen kann man in "Timmys" Fall, aber auch in vielen anderen FÀllen durchaus sagen: Wir haben eine gewisse Mitschuld an der Problematik.»
Macht es einen Unterschied, ob es eine seltene oder weit verbreitete Tierart ist?
Im Nabu-Artenschutzzentrum spielt das keine Rolle. «Uns ist egal, was das fĂŒr ein Tier ist. FĂŒr uns zĂ€hlt nur, ob wir das Tier wieder gesund pflegen können oder nicht», erlĂ€utert Neumann.Â
Auch aus ethischer Sicht besteht Suckstorff zufolge kein Unterschied zwischen einem verletzten Bartgeier und einem verletzten Reh. «Beide Tiere können Schmerzen empfinden und haben einen Grad an Intelligenz.» NatĂŒrlich fĂ€nden viele Menschen ein Baby-Eichhörnchen niedlicher als etwa eine Ratte und wĂŒrden diesem eher helfen. «Aus ethischer Perspektive wĂ€re das aber Ă€uĂerst ungerecht.»
Was muss man bei der Rettung von Wildtieren berĂŒcksichtigen?
Gerade bei Jungtieren geht die Tierliebe mit manchen Menschen durch. «Wir schicken hĂ€ufig Leute mit den Tieren zurĂŒck - gerade bei Jungtieren. Da wird wirklich viel eingesammelt», sagt Neumann. Oft sei der vermeintliche hilflose Jungvogel aber gar nicht verletzt oder verlassen.Â
Das Team schicke die Leute dann mit der Anweisung nach Hause, das Tier genau dort wieder abzusetzen, wo es aufgelesen wurde. «Viele Leute sind ĂŒbereifrig. Deswegen sind wir immer froh, wenn die vorher anrufen und die Situation schildern, bevor sie mit einem Tier kommen.»
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