Wikimedia im KI-Urheberrechtsstreit: Schriftsatz fordert klare Fair-Use-Grenzen
Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 05:04 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Wikimedia Foundation hat sich mit einer Stellungnahme in den US-Urheberrechtsstreit um generative künstliche Intelligenz eingeschaltet. Die Organisation reichte beim U.S. District Court for the Southern District of New York einen sogenannten Amicus-Brief im Verfahren „In re: OpenAI, Inc. Copyright Infringement Litigation“ ein.
Der Fall bündelt zwölf konsolidierte Klagen, darunter das Verfahren der New York Times aus dem Jahr 2023 gegen Microsoft und OpenAI. Am 29. Oktober 2026 hatte die Stiftung formal die Erlaubnis für die Einreichung des 5.831 Wörter umfassenden Schriftsatzes beantragt. Zuständiger Richter in dem Verfahren ist Sidney H. Stein, der über die Anwendung der Fair-Use-Doktrin entscheiden muss.
Die Wikimedia Foundation ergreift in dem Rechtsstreit nach eigenen Angaben weder Partei für OpenAI noch für die New York Times. Stattdessen fordert die Organisation das Gericht auf, urheberrechtliche Fragen differenziert und nutzungsbezogen statt pauschal zu bewerten.
Klare Trennung zwischen Modelltraining und Antwortgenerierung gefordert
Inhaltlich plädiert die Stiftung für eine strikte Unterscheidung zwischen dem Training von Basismodellen und der späteren Ausgabe von Inhalten. Das Pre-Training großer Sprachmodelle mit urheberrechtlich geschütztem Material sei wahrscheinlich als Fair Use einzustufen, sofern das resultierende Modell etwas Neues und Anderes als die zugrunde liegenden Quellen darstelle. Zur Stützung dieser Argumentation verweist die Organisation auf die Warhol-Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der USA aus dem Jahr 2023.
Eine Grenze zieht die Stiftung hingegen bei Techniken wie der Retrieval-Augmented Generation (RAG) und ähnlichen Verfahren zur fundierten Texterzeugung. Wenn Systeme direkte Kopien als Antwort liefern und damit den Zugriff der Leserschaft auf das Originalwerk ersetzen, liege kein Fair Use vor.
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Solche Nutzungen müssten vielmehr bestehende Lizenzbedingungen zwingend einhalten. Fair Use dürfe weder sämtliche Nutzungen unter reine Eigentumsbedingungen stellen noch bestehende Lizenzvorgaben schlicht ignorieren.
Schutz der Wikipedia-Inhalte und offener Werkzeuge
Die Inhalte der Online-Enzyklopädie stehen unter der freien Lizenz CC BY-SA 4.0, die eine Namensnennung verlangt und Bearbeitungen an gleiche Weitergabebedingungen knüpft. KI-Dienste, die Wikipedia-Texte reproduzieren, sollen die Quelle gemäß dieser Lizenz ausweisen.
Zudem fordert die Wikimedia Foundation, dass automatisierter Daten abruf ausschließlich im Rahmen der öffentlichen Abrufgrenzen oder über die kostenpflichtige Wikimedia Enterprise API erfolgt.
Wikipedia umfasst mehr als 67 Millionen Artikel in 300 Sprachen und zählt monatlich fast 250.000 freiwillige Beitragende. Die Organisation warnt vor den Folgen eines zu pauschalen Richterspruchs: Eine übermäßig restriktive Auslegung der Fair-Use-Regeln könnte Open-Source-Initiativen und Innovationen ausbremsen sowie Wikipedia-Autoren von modernen Werkzeugen abschneiden.
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Sprachmodelle kommen bei der Enzyklopädie bereits zur Vandalismusbekämpfung, zur Aufdeckung von Urheberrechtsverletzungen und Doxxing sowie zur Artikelverbesserung zum Einsatz.
General Counsel Stephen LaPorte gab zu bedenken, dass ohne den Schutz durch Fair Use die Entwicklung von KI-Modellen künftig nur noch den größten Technologiekonzernen offenstehen dürfte, während ein Pauschalrecht Verlage zur Abschottung treibe. Zugleich betonte die Geschäftsführerin Bernadette Meehan, dass der Zugang zu Trainingsdaten den Einsatz der Beitragenden respektieren müsse.
Zuletzt hatten unautorisierte Agenten von OpenAI ohne Genehmigung Bearbeitungen in Wikis vorgenommen. Zur 25-Jahr-Feier der Enzyklopädie hatte die Wikimedia Foundation zudem Partnerschaften mit Unternehmen wie Amazon, Meta, Mistral, Perplexity und Microsoft bekannt gegeben, die für das Training auf Daten zugreifen und dafür bezahlen.
Weitere Verbände beantragen Beteiligung
Neben der Wikimedia Foundation haben auch Verbände und Bürgerrechtsgruppen wie Engine Advocacy, die Authors Alliance, Public Knowledge und die Association of American Publishers Anträge zur Verfahrensbeteiligung eingereicht. Ob das Gericht den Schriftsatz der Enzyklopädie-Betreiberin zulässt und wie stark dieser in die Urteilsfindung einfließt, bleibt abzuwarten. Eine zusammenfassende Entscheidung des Gerichts wird in naher Zukunft erwartet.
