Zucker und Antibiotika: Darmstudie zeigt 24 Prozent weniger Bakterienvielfalt
Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 16:44 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine ErnÀhrung mit viel Zucker kann die durch Antibiotika verursachten SchÀden im menschlichen Darmmikrobiom deutlich verstÀrken. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung eines Forschungsteams um Jonathan Peled und Marcel van den Brink, an der das Memorial Sloan Kettering Cancer Center, City of Hope in Los Angeles und NYU Langone beteiligt waren.
Die in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie beleuchtet die Wechselwirkungen zwischen ErnÀhrung und medizinischen Therapien bei schwer erkrankten Menschen.
Signifikanter Verlust der bakteriellen Vielfalt
FĂŒr die fĂŒnfjĂ€hrige klinische Untersuchung analysierten die beteiligten Einrichtungen den Verlauf bei 173 hospitalisierten Blutkrebspatienten nach einer allogenen hĂ€matopoetischen Stammzelltransplantation im Zeitraum von 2017 bis 2022. Die Forschenden dokumentierten ĂŒber 40.000 Lebensmittel aus 9.419 Mahlzeiten â mit einer Spanne von 8 bis 128 Mahlzeiten pro Person ĂŒber einen Zeitraum von 12 Tagen vor bis 49 Tage nach der Transplantation. Zudem wurden mehr als 1.000 Stuhlproben von 158 Patienten ausgewertet. Rund 80 Prozent der Patienten erhielten ein oder mehrere Breitbandantibiotika.
Die Auswertung ergab, dass pro 100 Gramm zusĂ€tzlicher zuckerreicher Lebensmittel die bakterielle Vielfalt â die sogenannte Alpha-DiversitĂ€t â in antibiotikaexponierten Proben um etwa 24 Prozent sank. Bei einer gezielten Betrachtung von Zucker als NĂ€hrstoff lag der RĂŒckgang bei 20,6 Prozent pro 100 Gramm.
Die Forschenden ordneten den 24-prozentigen RĂŒckgang der Menge an, die etwa dem Zuckergehalt eines groĂen Milchshakes entspricht, wobei sich dieser Wert auf das Trockengewicht und nicht auf 100 Gramm reinen Zucker bezieht. Wurden zuckerhaltige Lebensmittel ohne gleichzeitige Gabe von Antibiotika konsumiert, zeigte sich kein messbarer Effekt auf die DiversitĂ€t des Mikrobioms.
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Vermehrung risikoreicher Keime im Darm
Neben dem generellen Verlust an Artenvielfalt beobachtete das Team eine stĂ€rkere Ausbreitung von Enterokokken, darunter Enterococcus faecium. Eine solche Dominanz dieser Bakterien birgt klinische Risiken: Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit fĂŒr gefĂ€hrliche Blutstrominfektionen sowie fĂŒr das Auftreten einer Graft-versus-Host-Reaktion nach einer Transplantation.
Bei Patienten mit ĂŒberdurchschnittlichem Zuckerkonsum zeigte sich ein um 12 Prozent höheres Sterberisiko pro zusĂ€tzlichem Tag unter Breitspektrum-Antibiotika. Lag der Zuckerkonsum unter dem Durchschnitt, fiel der Wert mit 1,07 nicht signifikant aus.
ErgÀnzende Tierversuche bestÀtigten diesen Mechanismus. In Mausexperimenten mit dem Antibiotikum Biapenem und zusÀtzlicher Saccharose lagen die Enterokokken-Werte am dritten Tag um das 16,3-Fache und am sechsten Tag um den Faktor 33,4 höher als bei Tieren ohne Zuckerzusatz.
Zucker allein löste im Mausmodell keine vergleichbare Zunahme aus; erst die Kombination aus einer Hochsucrose-DiĂ€t und Breitspektrum-Antibiotika fĂŒhrte zu einer raschen Ăberwucherung durch Enterokokken, wĂ€hrend die Vielfalt ohne Medikation stabil blieb.
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Einordnung und klinische Konsequenzen
Die langfristige Verwundbarkeit des Darms durch antimikrobielle Therapien ist bereits lÀnger Gegenstand der Wissenschaft. So warnten Forscher der Uppsala University im MÀrz davor, dass eine Antibiotikakur noch bis zu acht Jahre spÀter Spuren im Mikrobiom hinterlassen kann.
Dennoch mahnen die Autoren der aktuellen Nature-Studie zur ZurĂŒckhaltung bei Verallgemeinerungen. Ein genereller Beleg fĂŒr einen vollstĂ€ndigen Zuckerverzicht liege nicht vor, und die Ăbertragbarkeit der an schwerkranken Krebspatienten gewonnenen Daten auf gesunde Personen bleibe offen.
Marcel van den Brink von City of Hope betonte, es sei verfrĂŒht, allen mit Antibiotika behandelten Patienten den Verzehr von Zucker zu untersagen. Eine gezielte EinschrĂ€nkung richte jedoch keinen Schaden an. Zudem sollten Programme zum rationalen Einsatz von Antiinfektiva (Antibiotika-Stewardship) kĂŒnftig auch die Auswirkungen auf das Mikrobiom stĂ€rker berĂŒcksichtigen.
