Zungenmikrobiom: Prevotella histicola hängt mit schnelleren Reaktionen zusammen
Veröffentlicht am: 14.10.2026 um 04:07 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die bakterielle Besiedlung des Mundraums steht zunehmend im Fokus der neurologischen und kognitiven Forschung. Eine am 5. Oktober 2026 im Fachjournal PLOS One erschienene Untersuchung von Joanna E. L'Heureux von der University of Exeter und der Vrije Universiteit Brussel liefert neue Einblicke in den potenziellen Zusammenhang zwischen dem Zungenmikrobiom und der kognitiven Reaktionsgeschwindigkeit gesunder Erwachsener. Die Forschungsarbeit baut methodisch auf einer früheren Publikation im Journal PNAS Nexus aus dem Jahr 2025 auf.
Spezifische Bakterien und Reaktionsmuster
Für die Untersuchung wurden zwischen 2017 und 2019 insgesamt 60 gesunde Erwachsene in zwei Ländern rekrutiert. Die Kohorte setzte sich aus jeweils 30 Teilnehmenden aus dem Vereinigten Königreich und aus Belgien zusammen, die wiederum in Gruppen von 15 jüngeren Personen im Alter von etwa 20 Jahren sowie 15 älteren Personen im Alter von etwa 60 bis 70 Jahren aufgeteilt waren. Die in Belgien entnommenen Proben wurden zur Analyse in flüssigem Stickstoff in das Vereinigte Königreich transportiert.
Im Zentrum der Beobachtungen standen Korrelationen zwischen bestimmten Mikroorganismen und den Ergebnissen kognitiver Leistungstests. Ein höherer Anteil des Bakteriums Prevotella histicola auf der Zunge ging in beiden Ländergruppen mit schnelleren Reaktionszeiten einher. Im Vereinigten Königreich zeigte sich dieser Zusammenhang beim abstrakten Denken, während er in Belgien beim visuellen Gedächtnis auftrat.
Komplexere Befunde ergaben sich für Haemophilus parainfluenzae. Bei den Teilnehmenden aus dem Vereinigten Königreich war dieses Bakterium mit schnelleren Reaktionen beim abstrakten Denken und der räumlichen Orientierung verknüpft, ging jedoch mit einer verlangsamten Emotionserkennung einher.
In der belgischen Gruppe zeigte sich dagegen eine Beschleunigung bei der Emotionserkennung und dem visuellen Gedächtnis sowie eine höhere Genauigkeit im Arbeitsgedächtnis.
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Altersunterschiede und physiologische Marker
Insgesamt identifizierten die Forschenden 17 Bakterienarten, deren Häufigkeit sich zwischen jüngeren und älteren Probanden unterschied. So kam das nitratreduzierende Bakterium Neisseria flavescens häufiger bei jüngeren Erwachsenen vor, wies jedoch keinen direkten Zusammenhang mit den kognitiven Testergebnissen auf.
Dagegen traten Vertreter der Gattungen Treponema und Tannerella, die mit Zahnfleischerkrankungen assoziiert sind, vermehrt bei älteren Teilnehmenden auf. Ältere Personen wiesen im Schnitt langsamere Antwortzeiten und niedrigere Testwerte auf.
Mittels Redundanzanalyse (RDA) erwies sich das jeweilige Herkunftsland als einziger signifikanter Einflussfaktor auf die Gesamtstruktur der mikrobiellen Gemeinschaft. Das Alter bildete hingegen den beständigsten Faktor für die kognitiven Leistungen.
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In der britischen Gruppe analysierte physiologische Werte zeigten zudem, dass höhere Plasma-Nitratwerte mit einer besseren Leistung in einem kognitiven Test, zugleich aber mit einer geringeren Genauigkeit bei der Emotionserkennung verbunden waren. Höhere Nitritwerte korrelierten ausschließlich mit langsameren Reaktionszeiten.
Methodische Grenzen und Ausblick
Das Forschungsteam ordnet die Resultate ausdrücklich als explorativ ein. Bei den statistischen Regressionsanalysen zwischen Bakterien und Testergebnissen erfolgte keine Korrektur für Mehrfachvergleiche.
Zudem wurden Einflussfaktoren wie Ernährung, Schlaf und körperliche Bewegung nicht oder nur unvollständig kontrolliert. Da keine Längsschnittdaten erhoben wurden und es sich um eine reine Beobachtungsstudie ohne therapeutische Intervention handelt, lassen sich keine ursächlichen Wirkungsbeziehungen ableiten.
Die Resultate liefern somit weder eine Grundlage für Empfehlungen zur Einnahme von Probiotika noch für künftige Demenztests. Für belastbare Aussagen sind nach Einschätzung der Autorin umfassendere Studien mit größeren Fallzahlen erforderlich. Für die Untersuchung wurden weder spezielle Fördermittel in Anspruch genommen noch Interessenkonflikte angegeben.
