Zytostatika-Ausschreibungen: 250 Spezialapotheken warnen vor Versorgungslücken
Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 17:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die geplante Wiedereinführung von Ausschreibungswettbewerben für patientenindividuelle Krebsarzneimittel sorgt für erheblichen Widerstand in der pharmazeutischen Branche. In einem Schreiben unter dem Titel »Dringender Handlungsbedarf!« haben sich die Thüringer Apothekerverbände (ThAV und LAKT) an die Mitglieder des Gesundheitsausschusses des Bundestags gewandt.
Anlass der Initiative ist das Notfallreformgesetz, über das die Zytostatika-Ausschreibungen mit einem geplanten Inkrafttreten im Jahr 2027 wieder eingeführt werden sollen.
Risiken für die Versorgungssicherheit und Marktkonzentration
Die Thüringer Apothekerverbände verwiesen in ihrer Stellungnahme auf Erfahrungen aus dem Jahr 2017. Damals wurde ein ähnliches Ausschreibungssystem bewusst beendet, nachdem es zu dokumentierten Problemen wie verspäteten oder ausgefallenen Therapien, stundenlangen Wartezeiten für Patienten und medizinischen Zwischenfällen gekommen war.
Laut den Verbänden gibt es bundesweit nur noch rund 250 hoch spezialisierte Apotheken, die diese Versorgung leisten. Diese Betriebe stellen neben Zytostatika auch parenterale Schmerzlösungen für die Palliativmedizin, Ernährungslösungen sowie Infusionen mit Antibiotika und Virostatika her.
Auch der Deutsche Apothekerverband (DAV) lehnt die Pläne zur Wiedereinführung der Ausschreibungen für Krebsarzneimittel und Hilfsmittel ab. Der DAV-Vorsitzende Dr. Hans-Peter Hubmann warnte vor einer zunehmenden Marktkonzentration auf wenige Apotheken, was die wohnortnahe Versorgung schwächen könne.
Nach Angaben des Verbandes sollen die Regelungen, die bereits 2016 und 2017 galten, über Änderungsanträge zum Notfallreformgesetz zusätzliche Einsparungen für die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) generieren.
Ökonomischer Druck durch neue Hilfstaxe-Regelungen
Die wirtschaftliche Belastung der spezialisierten Apotheken hat sich bereits durch einen Schiedsspruch vom 09.09.2026 zur Hilfstaxe verschärft. Der DAV geht nach vorläufigen Berechnungen davon aus, dass die Weitergabe von Herstellerrabatten an die Krankenkassen zu Einsparungen von 160 Mio. Euro pro Jahr führt.
Die geplante Wiedereinführung apothekenbezogener Zytostatika-Ausschreibungen über das Notfallreformgesetz trifft auf ein bereits durch den Hilfstaxe-Schiedsspruch belastetes Segment: Bundesweit gibt es nur noch rund 250 hoch spezialisierte Apotheken, die diese Versorgung tragen. Unser kostenloser Leitfaden ordnet die neuen Preisregelungen ein und zeigt, wie Sie Rohertragsrisiken frühzeitig kalkulieren. Jetzt kostenlosen Leitfaden anfordern
Dr. Christian Wegner (Medipolis) bezifferte die Belastungen für Apotheken durch den Hilfstaxe-Schiedsspruch zu Parenteralia auf 150 bis 200 Mio. Euro, während die Erhöhung der Arbeitspreise mit weniger als 30 Mio. Euro deutlich geringer ausfalle.
Pharma Deutschland e.V. wies darauf hin, dass die neuen Preisregelungen zu deutlich höheren Wirkstoffabschlägen führen. Ab Januar 2027 ist bei Biosimilars nur noch die Abrechnung des zweitgünstigsten Apothekeneinkaufspreises vorgesehen. Dies resultiert in erheblichen Abschlägen je Präparat, wie etwa 67,5 % bei Remsima, Inflectra und Zessly oder bis zu 77 % bei Herzuma. Ein Apotheker bezifferte den Rohertragsverlust bei den drei wichtigsten Wirkstoffen auf knapp 1,45 Mio. Euro.
Widerstand aus Industrie und Landesverbänden
Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) sprach sich ebenfalls strikt gegen die Pläne aus. Hauptgeschäftsführer Dr. Kai Joachimsen betonte, dass ein einseitiger Preisfokus die Versorgungssicherheit gefährde und Ausschreibungen massiv in die industrielle Lieferkette eingreifen würden. Der Verband fordert die Beibehaltung des seit 2017 geltenden Verbots apothekenbezogener Zytostatika-Ausschreibungen.
Ein einseitiger Preisfokus gefährdet die Versorgungssicherheit — und die industrielle Lieferkette gerät bei Exklusivausschreibungen unter Druck. Wer als Spezialapotheke heute seine Verhandlungsposition stärken will, braucht belastbare Argumente gegenüber Kassen und Einkaufsgemeinschaften. Unser Leitfaden liefert fünf konkrete Strategien gegen den Rabattdruck. 5 Verhandlungsstrategien jetzt sichern
Auf Landesebene schloss sich der LAV Baden-Württemberg der Kritik an. LAV-Präsidentin Tatjana Zambo warnte in einem Brief an den baden-württembergischen Sozialminister davor, bestehende Strukturen zu gefährden. In Baden-Württemberg stellen laut Landesapothekerkammer aktuell 15 niedergelassene Apotheken und 20 Krankenhausapotheken Zytostatika her.
Zusätzlich zu den Krebsarzneimitteln gerät die Hilfsmittelversorgung in den Fokus der Gesetzgebung. Die Organisation "Wir versorgen Deutschland" (WvD) startete eine Protestaktion gegen geplante Ausschreibungen in diesem Bereich sowie einen beabsichtigten pauschalen Abschlag von 3 Prozent auf alle Hilfsmittelversorgungen in den Jahren 2027 und 2028. Für den 07.10.2026 ist eine mündliche Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestages zu rund einem Dutzend Änderungsanträgen geplant, bei der auch die Spitzenorganisationen ABDA und VZA geladen sind.
