Zytostatika-Ausschreibungen: Experten warnen vor Risiken für Krebspatienten
Veröffentlicht am: 08.10.2026 um 00:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Im Rahmen der parlamentarischen Beratungen über zusätzliche Einsparmaßnahmen in der gesetzlichen Krankenversicherung sorgt ein Vorhaben der Koalitionsfraktionen für erhebliche Auseinandersetzungen.
Die Regierungsfraktionen von CDU, CSU und SPD verständigten sich auf zwölf Maßnahmen zur Schließung finanzieller Lücken im GKV-Sparpaket, die über Änderungsanträge zum vor der Sommerpause 2026 beschlossenen GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz umgesetzt werden sollen.
Unter diesen Anpassungen befindet sich auch die Wiederzulassung apothekenbezogener Ausschreibungen für Zytostatika auf freiwilliger regionaler Basis. Das Vorhaben stößt bei Fachverbänden, Medizinern und Herstellern auf nahezu einhellige Ablehnung.
Warnungen vor Versorgungsrisiken und Marktkonzentration
In einer Anhörung des Gesundheitsausschusses des Bundestags äußerten Experten deutliche Bedenken hinsichtlich der Versorgungssicherheit für Krebspatienten. Die Stiftung für Arzneimittelsicherheit verwies in einer Stellungnahme vom 7. Oktober 2026 darauf, dass Zytostatika patientenindividuell sowie tagesaktuell hergestellt werden und extrem erschütterungs- wie auch temperaturempfindlich sind.
Ausschreibungen waren bereits bis 2017 möglich, führten damals jedoch zu unzuverlässigen Lieferungen sowie Fehlern und wurden schließlich 2017 verboten. Die Organisation appellierte an die Abgeordneten, die Neuregelung abzulehnen.
Auch der Deutsche Apothekerverband (DAV) wies die Pläne am 7. Oktober 2026 zurück. Der DAV-Vorsitzende Dr. Hans-Peter Hubmann warnte vor einer fortschreitenden Marktkonzentration und Gefahren für die wohnortnahe Versorgung.
Zeitgleich wandten sich 13 Onkologen gemeinsam mit zwei Dutzend Apotheken in einem Schreiben an Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann. Sie wiesen darauf hin, dass die geplante Vergabe an nur noch einen regionalen Billigstanbieter die Arbeit der bundesweit rund 250 spezialisierten Zytostatika-Apotheken gefährde.
Ausschreibungen im Jahr 2016 seien bereits innerhalb von drei Wochen gescheitert. Ebenso sprachen sich die ABDA und onkologische Fachvertreter gegen die Initiative aus.
Widerstand aus der pharmazeutischen Industrie
Kritik kommt auch von den Pharmaverbänden, wie Berichte vom 7. Oktober 2026 belegen. Der Verband Pharma Deutschland forderte die Streichung der Ausschreibungsregelung sowie der geplanten Vergütungskürzungen für digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA).
Die Koalitionsfraktionen wollen apothekenbezogene Ausschreibungen für Zytostatika auf freiwilliger regionaler Basis wieder zulassen — über einen Änderungsantrag zum GKV-Sparpaket. Fachverbände, Onkologen und Hersteller warnen vor Marktkonzentration und Versorgungsrisiken für Krebspatienten. Unser Report ordnet die geplanten Maßnahmen ein und liefert Argumente für die politische Debatte. Kostenlosen Report jetzt anfordern
Hauptgeschäftsführerin Dorothee Brakmann bezeichnete die Pläne als kurzsichtige Sparpolitik. Der Verband bezifferte mögliche Einsparungen durch OTC-Switches auf 200 Millionen Euro, während versicherungsfremde Leistungen ein Volumen von etwa 12 Milliarden Euro umfassten.
Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI), betonte, Ausschreibungen griffen tief in die vorgelagerte industrielle Lieferkette ein und reiner Preisdruck schaffe keine Produktionskapazitäten.
Bork Bretthauer von Pro Generika kritisierte den kurzfristigen Vorstoß ohne vorherigen Dialog und gab zu bedenken, dass die Produktion von Krebs-Generika gefährdet werde, bei denen seit Jahren Engpässe auftreten.
Zudem treten laut DAV nach einem Schiedsspruch vom 9. September 2026 bereits zum 1. Oktober 2026 neue Hilfstaxe-Preise in Kraft, die das System um vorläufig berechnete 160 Millionen Euro pro Jahr entlasten.
Differenzierte Haltung bei den Krankenkassen
Die gesetzlichen Krankenkassen bewerten den Vorschlag uneinheitlich. Der GKV-Spitzenverband warnte am 7. Oktober 2026 vor neuen finanziellen Risiken und bezeichnete die Auswirkungen als kaum kalkulierbar, sprach sich jedoch grundsätzlich für kassenindividuelle Ausschreibungen aus.
Rund 250 spezialisierte Apotheken stellen Zytostatika patientenindividuell und tagesaktuell her — temperaturempfindlich, erschütterungsempfindlich, nicht lagerfähig. Ein Zuschlag an einen regionalen Billigstanbieter würde diese Struktur gefährden. Wie Sie Versorgungssicherheit in der Onkologie bewerten und Lieferengpässe frühzeitig erkennen, zeigt unser Leitfaden. Versorgungssicherheits-Checkliste sichern
Der AOK-Bundesverband rechnet zwar mit erheblichen Wirtschaftlichkeitsreserven, hält die vorgeschlagene regionale Ausgestaltung des Änderungsantrags jedoch für nicht realisierbar und plädiert stattdessen für exklusive Einzelverträge. Die DAK begrüßte Verträge als wichtiges Signal für Wettbewerb, lehnte einheitliche regionale Zusammenschlüsse jedoch ab.
Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann mahnte eine solide Gegenfinanzierung an. Das Gesetzgebungspaket umfasst unter anderem 550 Millionen Euro Finanzhilfen für Kliniken, Korrekturen bei der Cannabis-Verordnung sowie Regelungen zur psychotherapeutischen Versorgung. Das parlamentarische Verfahren soll vor den Sitzungen des Schätzerkreises am 13. und 14. Oktober 2026 abgeschlossen werden; die finale Abstimmung im Bundestag ist für Mitte Oktober 2026 vorgesehen.
