Polen, Verfassungsgericht

Polen: Nawrocki stĂŒrmt ins Verfassungsgericht in Warschau

Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 12:13 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Nach dem Abbruch seiner Senegal-Reise stellte sich Karol Nawrocki in Warschau hinter die Proteste gegen die Regierung. Eine fĂŒr den 3. November angekĂŒndigte Richtersitzung könnte den Streit weiter verschĂ€rfen.

Die nÀchsten Schritte im Warschauer Machtkampf

  • Hunderte Menschen versammelten sich am Samstag vor dem Verfassungsgericht in Warschau.
  • Anna Korwin-Piotrowska berief fĂŒr den 3. November eine Sitzung aller Verfassungsrichter ein.
  • Karol Nawrocki kĂŒndigte GesprĂ€che mit allen im Parlament vertretenen Parteien ab 13.00 Uhr an.
  • Auch am Samstag demonstrierten Menschen erneut vor dem Warschauer Verfassungsgericht. - Bild: Piotr Nowak/PAP/dpa
  • In Polen ist ein langanhaltender Streit um das Verfassungsgericht eskaliert. - Bild: Radek Pietruszka/PAP/dpa
  • Ein Mann versuchte, das Tor zum Sitz des Verfassungsgerichts durchzusĂ€gen. - Bild: Radek Pietruszka/PAP/dpa
  • GerichtsprĂ€sident Bogdan Swieczkowski will seine Entmachtung nicht akzeptieren. - Bild: Radek Pietruszka/PAP/dpa
  • PrĂ€sident Karol Nawrocki begab sich inmitten der Tumulte ins Verfassungsgericht. - Bild: Pawel Supernak/PAP/dpa
  • Die Polizei riegelt das Verfassungsgericht in Polen weiter ab. - Bild: Radek Pietruszka/PAP/dpa
Auch am Samstag demonstrierten Menschen erneut vor dem Warschauer Verfassungsgericht.  - Bild: Piotr Nowak/PAP/dpa In Polen ist ein langanhaltender Streit um das Verfassungsgericht eskaliert. - Bild: Radek Pietruszka/PAP/dpa Ein Mann versuchte, das Tor zum Sitz des Verfassungsgerichts durchzusÀgen. - Bild: Radek Pietruszka/PAP/dpa GerichtsprÀsident Bogdan Swieczkowski will seine Entmachtung nicht akzeptieren. - Bild: Radek Pietruszka/PAP/dpa PrÀsident Karol Nawrocki begab sich inmitten der Tumulte ins Verfassungsgericht. - Bild: Pawel Supernak/PAP/dpa Die Polizei riegelt das Verfassungsgericht in Polen weiter ab.  - Bild: Radek Pietruszka/PAP/dpa

Machtkampf um Polens Verfassungsgericht eskaliert

In Polen hat sich der Konflikt zwischen der Mitte-Links-Regierung und dem rechtskonservativen Lager um PrÀsident Karol Nawrocki zugespitzt. Hunderte Demonstranten versammelten sich am Samstag vor dem Verfassungsgericht in Warschau, wÀhrend die Polizei das GebÀude sicherte.

Nawrocki bricht Senegal-Reise ab

Die EinsatzkrÀfte hatten das GerichtsgebÀude am Vorabend abgeriegelt, nachdem Demonstranten versucht hatten, auf das GelÀnde zu gelangen. Nawrocki brach deshalb seine Reise nach Senegal ab und bahnte sich in der Nacht den Weg in das Gericht.

Die Demonstranten warfen MinisterprĂ€sident Donald Tusk und seiner Regierung einen Angriff auf Verfassung und Justiz vor. Sie skandierten unter anderem „Stellt die Regierung vor’s Gericht“ und „Lang lebe der PrĂ€sident“.

Streit ĂŒber die Gerichtsleitung

Ausgelöst wurde die Krise durch eine Mitteilung auf der Webseite des Verfassungsgerichts. Darin hieß es, GerichtsprĂ€sident Bogdan Swieczkowski und sein Stellvertreter seien von ihren Funktionen entbunden worden; die neu nominierte Richterin Anna Korwin-Piotrowska solle die Leitung kommissarisch ĂŒbernehmen.

Swieczkowski wies die Entscheidung zurĂŒck und sprach von einem Staatsstreich. Korwin-Piotrowska erklĂ€rte dagegen, der bisherige GerichtsprĂ€sident habe das Gericht durch die Blockade neu nominierter Richter handlungsunfĂ€hig gemacht.

PiS und Regierung stehen sich gegenĂŒber

Im Machtkampf stehen Tusks proeuropĂ€ische BĂŒrgerkoalition und ihre BĂŒndnispartner der rechtskonservativen PiS sowie PrĂ€sident Nawrocki gegenĂŒber. Die PiS regierte Polen von 2015 bis 2023 und besetzte das Verfassungsgericht mit politisch nahestehenden Richtern.

Der EuropĂ€ische Gerichtshof hatte wegen gravierender MĂ€ngel bei der Ernennung von Richtern und der damaligen GerichtsprĂ€sidentin die UnabhĂ€ngigkeit und Unparteilichkeit des Gerichts infrage gestellt. Seit dem Regierungswechsel 2023 versucht Tusk, umstrittene VerĂ€nderungen im Justizwesen rĂŒckgĂ€ngig zu machen.

FĂŒnf Richter warten auf ihre Vereidigung

Nawrocki verweigerte in den vergangenen Monaten die Vereidigung von fĂŒnf vom Parlament nominierten Verfassungsrichtern. Nachdem sie ihren Amtseid stattdessen vor dem Parlament abgelegt hatten, ließ Swieczkowski sie nicht in das GerichtsgebĂ€ude.

Korwin-Piotrowska gehört zu diesen fĂŒnf Richtern. Der EuropĂ€ische Gerichtshof fĂŒr Menschenrechte hatte im Mai entschieden, dass die neu nominierten Richter ihre Arbeit aufnehmen sollen. Als DienstĂ€lteste berief Korwin-Piotrowska fĂŒr den 3. November eine Sitzung aller Verfassungsrichter ein.

Regierung spricht von Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit

Tusk erklÀrte, es sei die Pflicht seiner Regierung, die Rechtsstaatlichkeit in Polen wiederherzustellen. Der Prozess sei nach Jahren der Rechtslosigkeit unter der PiS-Regierung schwierig und schmerzhaft, erfordere aber entschlossenes Handeln.

Justizminister Waldemar Zurek bezeichnete Nawrockis Betreten des Gerichts als beunruhigend und inakzeptabel. Er warf dem PrĂ€sidenten vor, die Lage zu nutzen, um die Emotionen auf der Straße weiter anzuheizen.

GesprÀche sollen die Lage stabilisieren

Nawrocki kĂŒndigte Beratungen mit allen im Parlament vertretenen Parteien an. Nach Angaben seines Stabschefs sollte eine Serie von GesprĂ€chen um 13.00 Uhr beginnen.

Der PrĂ€sident forderte außerdem die Wiederherstellung der Rechtsordnung und den Abzug der von der Regierung entsandten SicherheitskrĂ€fte vom GerichtsgelĂ€nde. Der Machtkampf verschĂ€rft die politische Spaltung Polens und belastet die HandlungsfĂ€higkeit des Landes in EU und Nato.

Der Konflikt um das polnische Verfassungsgericht ist Teil eines seit Jahren ungelösten Streits ĂŒber die UnabhĂ€ngigkeit der Justiz. WĂ€hrend der PiS-Regierung von 2015 bis 2023 wurden zahlreiche Richter und fĂŒhrende Vertreter staatlicher Institutionen neu besetzt. EuropĂ€ische Gerichte beanstandeten dabei wiederholt die Zusammensetzung und UnabhĂ€ngigkeit des Verfassungsgerichts.

Die Regierung von Donald Tusk versucht seit ihrem Amtsantritt, diese VerĂ€nderungen rĂŒckgĂ€ngig zu machen. Dabei stĂ¶ĂŸt sie auf den Widerstand von PrĂ€sident Karol Nawrocki, der dem rechtskonservativen Lager nahesteht und bis 2030 im Amt bleibt. Seine Weigerung, fĂŒnf vom Parlament nominierte Richter zu vereidigen, blockiert zusammen mit der Haltung der bisherigen Gerichtsleitung eine vollstĂ€ndige Neuordnung des Gerichts.

Polens Institutionen im politischen Stillstand

Die aktuelle Eskalation zeigt, dass der Streit nicht nur juristische Fragen betrifft. Die Besetzung des Verfassungsgerichts entscheidet auch darĂŒber, welche politischen Reformen Bestand haben und wer verbindlich ĂŒber die Vereinbarkeit von Gesetzen mit der Verfassung urteilt. Ein dauerhaft handlungsunfĂ€higes Gericht kann dadurch Gesetzgebung, Regierung und Opposition gleichermaßen lĂ€hmen.

FĂŒr Polen hat der Konflikt zudem außenpolitische Folgen. Das Land spielt als EU- und Nato-Mitglied sowie als UnterstĂŒtzer der Ukraine eine wichtige Rolle, tritt in der Auseinandersetzung aber weniger geschlossen auf. Innenpolitisch verschĂ€rft der Streit die Polarisierung vor den fĂŒr das kommende Jahr erwarteten Parlamentswahlen. Die fĂŒr den 3. November angekĂŒndigte Sitzung der Verfassungsrichter könnte zum nĂ€chsten entscheidenden PrĂŒfpunkt werden.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

n-tv: „Richterblockade beschĂ€digt Tusk: Polens PrĂ€sident Nawrocki stĂŒrmt ins Verfassungsgericht“ (31.10.2026)

Der Beitrag betone die Eskalation des Machtkampfs und stelle die politische Belastung fĂŒr Tusk heraus. Er bestĂ€tige die Demonstrationen, Nawrockis abgebrochene Senegal-Reise und seinen nĂ€chtlichen Gang in das Gericht, setze den Schwerpunkt aber stĂ€rker auf die mögliche politische SchwĂ€chung des Regierungschefs.

Deutschlandfunk: „Polen – Tumulte um Verfassungsgericht – PrĂ€sident Nawrocki vor Ort“ (31.10.2026)

Der Deutschlandfunk habe die ZusammenstĂ¶ĂŸe vor dem GerichtsgebĂ€ude und den Streit zwischen Tusk, der PiS und Nawrocki knapp eingeordnet. Anders als n-tv konzentriere sich der Beitrag auf den unmittelbaren Ablauf und die Suspendierung der Gerichtsleitung. Übereinstimmend bleibe der Konflikt um die Besetzung des Gerichts der Kern; offen sei, wie die angekĂŒndigte Sitzung der Richter ausgehe.

Beide BeitrĂ€ge beschrieben eine Eskalation in Warschau und die Beteiligung des PrĂ€sidenten. Unterschiede gebe es vor allem beim Schwerpunkt: WĂ€hrend n-tv die politischen Folgen fĂŒr Tusk betone, konzentriere sich der Deutschlandfunk auf die Ereignisse am Gericht und den institutionellen Hintergrund.

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