Polen: Nawrocki und Tusk streiten um Verfassungsgericht
Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 15:47 Uhr | dpa, AD HOC NEWSPolens Gerichtsstreit erreicht die StraĂe
- Hunderte Menschen demonstrierten am Samstag vor dem Verfassungsgericht in Warschau.
- Die Richterin Anna Korwin-Piotrowska berief fĂŒr den 3. November eine Sitzung aller Verfassungsrichter ein.
- PrÀsident Karol Nawrocki brach seine Senegal-Reise ab und begann GesprÀche mit Parlamentsparteien.
Machtkampf um Polens Verfassungsgericht eskaliert
In Polen hat sich der Konflikt zwischen der Mitte-Links-Regierung und dem rechtskonservativen Lager um PrÀsident Karol Nawrocki um das Verfassungsgericht zugespitzt. Am Samstag versammelten sich Hunderte Demonstranten vor dem Gericht in Warschau, wÀhrend die Polizei das GebÀude weiter absicherte.
Polizei riegelt GerichtsgebÀude ab
Die EinsatzkrÀfte hatten das GelÀnde am Vorabend abgeriegelt, nachdem Demonstranten versucht hatten, sich Zutritt zu verschaffen. Nawrocki brach deshalb seine Reise nach Senegal ab und bahnte sich in der Nacht den Weg in das Verfassungsgericht.
Die Demonstranten warfen MinisterprĂ€sident Donald Tusk und seiner Regierung einen Angriff auf die Verfassung und die Justiz vor. Sie skandierten unter anderem âStellt die Regierung vor's Gerichtâ und âLang lebe der PrĂ€sidentâ; weitere UnterstĂŒtzer wurden aus mehreren Landesteilen erwartet.
Streit um neue GerichtsfĂŒhrung
Auslöser war eine Mitteilung auf der Internetseite des Verfassungsgerichts. Darin hieĂ es, GerichtsprĂ€sident Bogdan Swieczkowski und sein Stellvertreter seien von ihren Funktionen entbunden worden; die neu nominierte Richterin Anna Korwin-Piotrowska solle die Leitung kommissarisch ĂŒbernehmen.
Swieczkowski wies die Entscheidung zurĂŒck und sprach von einem Staatsstreich. Korwin-Piotrowska erklĂ€rte, der bisherige PrĂ€sident habe das Gericht handlungsunfĂ€hig gemacht, weil er neu nominierten Richtern den Zugang verweigert habe.
Vorgeschichte des Machtkampfs
Im Streit stehen sich Tusks proeuropĂ€ische BĂŒrgerkoalition und ihre BĂŒndnispartner sowie die frĂŒhere Regierungspartei PiS und PrĂ€sident Nawrocki gegenĂŒber. Die PiS hatte Polen von 2015 bis 2023 regiert und das Verfassungsgericht mit politisch nahestehenden Richtern besetzt.
Der EuropĂ€ische Gerichtshof hatte gravierende MĂ€ngel bei der Ernennung von Richtern und der damaligen GerichtsprĂ€sidentin festgestellt. Tusk will die umstrittenen VerĂ€nderungen im Justizwesen rĂŒckgĂ€ngig machen; Nawrocki verweigerte in den vergangenen Monaten jedoch die Vereidigung von fĂŒnf vom Parlament nominierten Verfassungsrichtern.
Demonstranten unterstĂŒtzen PrĂ€sidenten
Vor dem Gericht protestierten AnhĂ€nger der PiS und rechtsradikaler Parteien. Sie hielten die Ablösung der bisherigen FĂŒhrung fĂŒr rechtswidrig und warfen der Regierung vor, die Justiz unter ihre Kontrolle bringen zu wollen.
Die Proteste richteten sich zugleich gegen Tusk persönlich. Einige Teilnehmer griffen anti-deutsche Narrative der PiS auf und skandierten âTusk nach Berlinâ sowie âHier ist Polenâ.
NĂ€chster Termin am 3. November
Korwin-Piotrowska hat fĂŒr den 3. November eine Sitzung aller Verfassungsrichter einberufen. Sie gehört zu den fĂŒnf Richtern, deren Vereidigung Nawrocki verweigert hatte; im Mai hatte der EuropĂ€ische Gerichtshof fĂŒr Menschenrechte entschieden, dass die neu nominierten Richter ihre Arbeit aufnehmen sollten.
Nawrocki begann am Samstag GesprĂ€che mit Vertretern der im Parlament vertretenen Parteien, um die politische Lage zu stabilisieren und die verfassungsmĂ€Ăige Ordnung wiederherzustellen. Als GesprĂ€chspartner erschienen Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz und PiS-Chef Jaroslaw Kaczynski.
.Der Streit um Polens Verfassungsgericht ist Teil eines seit Jahren ungelösten Konflikts ĂŒber die UnabhĂ€ngigkeit der Justiz. WĂ€hrend der PiS-Regierung von 2015 bis 2023 wurden zahlreiche Richter ernannt, deren Auswahl und institutionelle Einbindung europĂ€ische Gerichte beanstandeten. Die Regierung von Donald Tusk versucht seit ihrem Amtsantritt, diese VerĂ€nderungen rĂŒckgĂ€ngig zu machen.
Konflikt ĂŒber die Justizreform
Der Machtkampf wird durch die geteilte politische Verantwortung verschĂ€rft. Tusk verfĂŒgt ĂŒber die Regierung, PrĂ€sident Karol Nawrocki ĂŒber weitreichende verfassungsrechtliche Befugnisse und die UnterstĂŒtzung des rechtskonservativen Lagers. Die Blockade bei der Vereidigung neuer Richter verhindert eine einheitliche Arbeitsweise des Gerichts und macht Personalentscheidungen selbst zum politischen Kampffeld.
FĂŒr Polen geht es dabei nicht nur um die Besetzung eines wichtigen Gerichts. Ein funktionsfĂ€higes Verfassungsgericht ist entscheidend fĂŒr die PrĂŒfung von Gesetzen, die Rechtssicherheit und das Vertrauen in staatliche Institutionen. Die Auseinandersetzung berĂŒhrt damit auch das VerhĂ€ltnis Polens zur EuropĂ€ischen Union, die Rechtsstaatlichkeit als Grundlage gemeinsamer Zusammenarbeit behandelt.
Folgen fĂŒr Politik und Gesellschaft
Die Eskalation auf der StraĂe erhöht den Druck auf beide Lager. Die fĂŒr den 3. November angekĂŒndigte Sitzung der Verfassungsrichter kann zum nĂ€chsten institutionellen Konfliktpunkt werden, falls die rivalisierenden Seiten ihre ZustĂ€ndigkeiten weiterhin unterschiedlich bewerten. Zugleich bindet der Streit politische Aufmerksamkeit, wĂ€hrend Polen in EU und Nato als wichtiger Partner fĂŒr die UnterstĂŒtzung der Ukraine auf geschlossenes staatliches Handeln angewiesen ist.
FĂŒr BĂŒrgerinnen und BĂŒrger können anhaltende Kompetenzstreitigkeiten konkrete Folgen haben: Verfahren vor dem Verfassungsgericht können sich verzögern, politische Entscheidungen werden leichter angefochten und das Vertrauen in die Unparteilichkeit des Staates nimmt weiter ab. Eine nachhaltige Lösung erfordert daher nicht nur neue Personalentscheidungen, sondern auch eine allgemein akzeptierte rechtliche Grundlage.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
ZDFheute: âPolen: Streit um Besetzung des Verfassungsgerichts eskaliert - Polizeieinsatzâ (31.10.2026)
ZDFheute habe den Polizeieinsatz und die Abriegelung des GerichtsgebĂ€udes in Warschau beschrieben. Der Beitrag habe zusĂ€tzlich die Auseinandersetzung ĂŒber die fĂŒnf nicht vereidigten Richter und die Vorgeschichte des Justizumbaus in den Mittelpunkt gerĂŒckt.
Euronews: âPolitische Krise in Polen: Nawrocki wirft Regierung gewaltsame GerichtsĂŒbernahme vorâ (31.10.2026)
Euronews habe die Konfrontation im GerichtsgebĂ€ude und Nawrockis Vorwurf einer gewaltsamen Ăbernahme besonders ausfĂŒhrlich dargestellt. Der Artikel habe zudem die geplanten KrisengesprĂ€che und die gegensĂ€tzlichen Bewertungen durch den PrĂ€sidenten und Justizminister Waldemar ?urek betont.
Beide BeitrĂ€ge hĂ€tten die Eskalation, den Polizeieinsatz und den grundsĂ€tzlichen Streit ĂŒber die Gerichtsbesetzung bestĂ€tigt. Unterschiede lĂ€gen vor allem in der Gewichtung: ZDFheute habe stĂ€rker die institutionelle Vorgeschichte erklĂ€rt, Euronews die unmittelbare Konfrontation und die politischen VorwĂŒrfe.
