AfD warnt vor Trickserei bei der Briefwahl - Worum geht es?
Veröffentlicht am: 24.08.2026 um 16:23 Uhr | dpa, AD HOC NEWSBesonders die Briefwahl hĂ€lt der US-PrĂ€sident fĂŒr leicht manipulierbar. Nun sĂ€t hierzulande auch die AfD solche Zweifel - kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, wo die dort vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei laut Umfragen klar stĂ€rkste Kraft werden dĂŒrfte.
AfD-Co-Chef Tino Chrupalla sagte am Wochenende, er kenne aus GesprĂ€chen mit Pflegern und Angehörigen FĂ€lle in Pflegeheimen, "wo der Stift sozusagen gefĂŒhrt wurde" bei der Briefwahl. FĂŒr die AfD sei klar, dass die Briefwahl abgeschafft gehöre, sagte er in der ARD.
Warum will die AfD die Briefwahl abschaffen?
Die Partei rĂŒgt vor allem, die Briefwahl sei manipulierbar und fehleranfĂ€llig. Ihr Spitzenkandidat fĂŒr die Wahl am 6. September in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, nahm vergangene Woche ebenfalls konkret die Pflegeheime ins Visier. An die Angestellten dort und die Angehörigen alter Menschen appellierte er, "genau hinzuschauen", dass Bewohnern nicht die "Hand gelenkt" werde. Es solle nichts aus einer "gewissen linken oder grĂŒnen Ecke" vorgegeben werden, sagte er auf X - schob aber ungefragt nach: "Belegen kann man das nicht. Aber wir alle wissen, wie das oftmals lĂ€uft."
Der BIVA-Pflegeschutzbund wies die MutmaĂung empört zurĂŒck. Dazu lĂ€gen keine Hinweise vor. "Wir haben auch keinen Anlass, die IntegritĂ€t von PflegekrĂ€ften oder Angehörigen in dieser Hinsicht infrage zu stellen."
Sachsen-Anhalts Landeswahlleiterin Christa Dieckmann erklĂ€rte, solche allgemeinen VorwĂŒrfe, die nicht neu seien, weise sie ausdrĂŒcklich zurĂŒck. "Die Briefwahl ist verfassungsrechtlich abgesichert, rechtlich umfassend geregelt und organisatorisch durch zahlreiche Sicherheitsmechanismen geschĂŒtzt."
Chrupalla kritisierte auch die Aufbewahrung von Briefwahlunterlagen in RathĂ€usern, wo teilweise nur der BĂŒrgermeister selbst den SchlĂŒssel habe. "Dass die nicht beobachtet werden!", wunderte er sich. "Dass keine Kameras, wo die Briefwahlunterlagen aufbewahrt werden, angebracht werden."
Zum Thema Briefwahl stellte die AfD im Bundestag im Februar auch eine 44 Seiten lange Anfrage an die Bundesregierung. Darin werden als Risiko auch Pannen der Behörden angefĂŒhrt aus Wahlkreisen, wo Briefwahlunterlagen versehentlich mehrfach an WĂ€hler verschickt wurden.
Zum Thema macht die Partei in der Anfrage aber auch, dass sie bei BriefwĂ€hlern meist schwĂ€cher abschneide - und dies ist tatsĂ€chlich so. So schreibt die Bundeswahlleiterin in ihrer Auswertung der Bundestagswahl 2025, dass die Neigung der WĂ€hler einzelner Parteien, per Brief abzustimmen, "durchaus unterschiedlich" sei: "Den höchsten Briefwahlanteil weist mit 57,4 Prozent die CSU auf, den niedrigsten die AfD mit 23,5 Prozent." Fraglich sind aber die GrĂŒnde: Wahlrechtsexperten wittern keinen Schmu, sondern mutmaĂen, dass viele AfD-WĂ€hler - dem Beispiel der AfD-Spitze folgend - eine Briefwahl meiden.
WĂ€re die Abschaffung der Briefwahl rechtlich ĂŒberhaupt möglich?
Eine komplette Abschaffung der Briefwahl wĂ€re wahrscheinlich verfassungswidrig. Die Möglichkeit der Briefwahl gibt es schon seit den 50er Jahren. Ziel ist es, eine hohe Wahlbeteiligung zu erreichen - Juristen sprechen hier vom angestrebten Grundsatz der Allgemeinheit der Wahl. Der ursprĂŒngliche Gedanke: Auch wer krank, gebrechlich oder etwa von Berufs wegen verhindert ist, soll ohne groĂe HĂŒrden abstimmen können.
Mehrfach hat das Bundesverfassungsgericht die RechtmĂ€Ăigkeit der Briefwahl bestĂ€tigt - allerdings dĂŒrfen dabei aus Sicht der Richter andere, wichtige GrundsĂ€tze nicht unverhĂ€ltnismĂ€Ăig eingeschrĂ€nkt werden oder gar leer laufen. Damit ist vor allem gemeint, dass jede Wahl hierzulande frei von Ă€uĂerer Einflussnahme, geheim sowie öffentlich sein muss.
In einem Beschluss von 2013 benennt das Gericht auch die Probleme: "Bei der Briefwahl ist die öffentliche Kontrolle der Stimmabgabe zurĂŒckgenommen. Auch ist die IntegritĂ€t der Wahl nicht gleichermaĂen gewĂ€hrleistet wie bei der Urnenwahl im Wahllokal." Die Nachteile seien aber bis zu einem gewissen Grad akzeptabel, weil mit der Briefwahl eine hohe Wahlbeteiligung erreicht werden könne.
Anders als frĂŒher muss schon seit fast 20 Jahren keiner mehr konkrete GrĂŒnde angeben und diese "glaubhaft machen", wenn er Briefwahl beantragt. Die Ănderung begrĂŒndete der Gesetzgeber damals mit der zunehmenden MobilitĂ€t der Gesellschaft und der verstĂ€rkten individuellen Lebensgestaltung - die Karlsruher Richter werteten das als "nachvollziehbare ErwĂ€gungen". Die frĂŒhere, strenge Regelung hatte sich laut Gesetzgeber auch "als praktisch nutzlos" erwiesen, weil nicht mal stichprobenartige PrĂŒfungen möglich waren.
Gab es schon mal Manipulationen?
WahlfĂ€lschungen gab und gibt es immer wieder, wenn auch selten. Aufgedeckt werden sie zumeist auf kommunaler Ebene, weil hier der Aufwand deutlich geringer ist. Denn um das Zweitstimmenergebnis einer Landtagswahl zu verĂ€ndern, mĂŒssen in der Regel Tausende Stimmen verschoben werden.
Zwei aktuelle FÀlle: In Bayern rÀumte ein damaliger CSU-Politiker ein, bei der Kommunalwahl im MÀrz Wahlunterlagen manipuliert zu haben. Er muss sich ab November vor Gericht verantworten.
Und im brandenburgischen Strausberg wurde die BĂŒrgermeisterwahl von der Stadtverordnetenversammlung (SVV) fĂŒr ungĂŒltig erklĂ€rt; somit wird es zu einer Neuwahl kommen. Der Landrat von MĂ€rkisch-Oderland, Gernot Schmidt (SPD), hatte es im Februar fĂŒr auffĂ€llig gehalten, dass ein "auĂergewöhnlich groĂer Anteil der Wahlbriefe" nicht den Weg zurĂŒck fand. Mehr als 4.000 Wahlbriefe wurden nach seinen Angaben versandt, nur 2.835 gelangten zurĂŒck zur Wahlbehörde. Das Postfach der Stadt fĂŒr Wahlbriefe war in einer Postfiliale, die der parteilose Kandidat Patrick HĂŒbner betreibt. Dieser weist den Verdacht der Manipulation zurĂŒck.
WĂ€hlen immer mehr BĂŒrger per Brief?
Ja. Bei der Bundestagswahl 1957 gab es 4,9 Prozent BriefwÀhler, der Anteil stieg auf 28,6 Prozent im Jahr 2017. Zur Bundestagswahl 2021 machten vermutlich auch wegen der Corona-Pandemie sogar 47,3 Prozent davon Gebrauch. 2025 schwÀchte sich dieser Trend ab, da waren es 37 Prozent.
Laut Bundeswahlleiterin finden sich alle zehn Wahlkreise mit den bundesweit höchsten Anteilen an BriefwĂ€hlern in Bayern. An der Spitze steht der Wahlkreis Passau mit einem Anteil von 59,7 Prozent. Die zehn Wahlkreise mit den geringsten Anteilen weisen eine Quote zwischen 21,1 und 23,9 Prozent auf. Sieben davon befinden sich in Niedersachsen, zwei in ThĂŒringen und einer in Schleswig-Holstein.
Auch in Sachsen-Anhalt ist der BriefwĂ€hler-Anteil gestiegen. Bei der Landtagswahl vor zehn Jahren gaben nur knapp 14 Prozent ihre Stimme per Brief ab, fĂŒnf Jahre spĂ€ter bei der Landtagswahl 2021 waren es 29,1 Prozent. Und auch jetzt deutet sich in den groĂen StĂ€dten Magdeburg und Halle ein hoher Anteil von BriefwĂ€hlern an, wie Anfragen der dpa zeigen.
Wer darf per Brief wÀhlen, welche Fristen gelten und wie bekomme ich die Unterlagen?
GrundsĂ€tzlich dĂŒrfen alle Wahlberechtigten per Brief abstimmen. Einen Grund wie Urlaub, Arbeit oder Krankheit muss man nicht angeben.
Man braucht einen Wahlschein, den man bei der Gemeinde oder seiner Stadt beantragt. Praktisch: Schon mit der Wahlbenachrichtigung kommt hÀufig auch der entsprechende Wahlscheinantrag per Post ins Haus.
Der Wahlschein fĂŒr die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt kann bis spĂ€testens zum 4. September um 15.00 Uhr beantragt werden, dem Freitag vor dem Wahlsonntag. In AusnahmefĂ€llen, etwa bei plötzlicher Erkrankung, ist das auch noch spĂ€ter möglich. Allerdings muss man auch die Dauer der Postzustellung bedenken: Entscheidend ist nicht der Poststempel, sondern der Eingang! Der Wahlbrief muss spĂ€testens am Wahltag bis 18.00 Uhr eingegangen sein.
