Linke, Konflikt

Berliner Linke kann Konflikt um Abgeordnete nicht lösen

Veröffentlicht am: 20.10.2026 um 14:54 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Eine Abgeordnete, die in ihrer Israel-Kritik immer wieder nachlegt, und eine Fraktionsspitze, die ein Problem mit ihr hat: Im Berliner Koalitionspoker bleibt der Streit um Vanessa Emde ungelöst.
In der Berliner Linken gibt es weiter offene Fragen rund um das Thema Antisemitismus und die Positionen zu Israel und zum Nahost-Konflikt. Der Spitze der Linke-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus gelang es vorerst nicht, eine Lösung zum weiteren Umgang mit der umstrittenen Abgeordneten Vanessa Emde zu finden. Der Fraktionsvorstand habe in einer digitalen Sitzung beraten, teilte ein Sprecher mit. Emde, die eingeladen war, habe sich krankgemeldet und nicht an der Sitzung teilgenommen. 

Der Abgeordneten, die wegen ihrer israelkritischen Positionen mehrfach Diskussionen auslöste, könnte der Ausschluss aus der Fraktion drohen. Der Fraktionsvorstand habe sie erneut zur Sitzung am kommenden Dienstag eingeladen, sagte der Sprecher. Dann werde weiter beraten. An dem Tag tagen sowohl der Fraktionsvorstand als auch die Fraktion selbst. 

Umstrittene Thesen zu Israel 

Die Politikerin war bei der Wahl am 20. September erstmals in das Abgeordnetenhaus eingezogen. Sie holte mit einem starken Erststimmenergebnis von 46,2 Prozent ein Direktmandat im Wahlkreis Neukölln 1. Im Wahlkampf setzte sie auf das Thema PalÀstina-SolidaritÀt. 

Emde vertrat dabei unter anderem die These, dass es kein Existenzrecht fĂŒr Staaten gebe, sondern nur fĂŒr Menschen. Am vergangenen Donnerstag wiederholte sie das in einem Instagram-Video ausdrĂŒcklich. «Ich stehe zu meinen Aussagen, und ich nehme keine einzige dieser Aussagen zurĂŒck.»

Emde kritisierte in dem Video auch eine ErklĂ€rung zum Antisemitismus, die sie wie alle Linke-Fraktionsmitglieder noch zwei Tage zuvor unterschrieben hatte. Darin bekennen sich die Unterzeichner unter anderem zum Kampf gegen Antisemitismus und zum Existenzrecht Israels. Nach Emdes Kritik hatte die Fraktionsspitze erklĂ€rt, sie sehe keine Grundlage mehr fĂŒr eine Zusammenarbeit mit ihr.

Linke will ins Rote Rathaus

Bei der Berlin-Wahl am 20. September war die Linke mit 25,7 Prozent stĂ€rkste Kraft geworden. Dahinter folgen CDU (18,8 Prozent), AfD (16,3 Prozent), GrĂŒne (14,3 Prozent) und die SPD (12,1 Prozent). Die bisher regierende CDU/SPD-Koalition hat ihre Mehrheit verloren. Nun wird nach erfolgreichen SondierungsgesprĂ€chen versucht, eine rot-grĂŒn-rote Regierung zu bilden. Gelingt das, könnte Linke-Fraktionschefin Elif Eralp erste Regierende BĂŒrgermeisterin ihrer Partei in Berlin werden. 

Antisemitismusdebatte ĂŒberlagerte GesprĂ€che

Die Diskussion um ein konsequentes Vorgehen gegen Antisemitismus, angefacht durch mehrere VorfĂ€lle in den Reihen der Linken, erschwerte die GesprĂ€che ĂŒber eine Regierungsbildung von Anfang an. GrĂŒne und SPD forderten von der Linken klare Kante gegen Antisemitismus und pochten darauf, dass es nicht bei einer pauschalen Verurteilung von Judenhass bleiben dĂŒrfe. 

Alle drei Parteien schlossen daraufhin eine spezielle Vereinbarung. Sie ist Teil des am vergangenen Wochenende vorgelegten Sondierungspapiers und soll im Fall einer Regierungsbildung in den Koalitionsvertrag aufgenommen werden. Rot-GrĂŒn-Rot bekennt sich darin zum Schutz jĂŒdischen Lebens, zum Existenzrecht Israels und zu einer Zwei-Staaten-Lösung, die sowohl Israels Sicherheit als auch die Selbstbestimmung der PalĂ€stinenser ermöglichen soll. Angedacht sind bei VerstĂ¶ĂŸen gegen die vereinbarten GrundsĂ€tze Sanktionen bis hin zum Fraktionsausschluss.

Irritationen und immer neue Wendungen 

Auf der konstituierenden Sitzung der neuen Linke-Fraktion vor einer Woche unterzeichneten alle anwesenden 44 Abgeordneten – eine fehlte aus gesundheitlichen GrĂŒnden – eine eigene ErklĂ€rung zu Antisemitismus und Nahost-Konflikt. Darin verpflichten sich die Parlamentarier unter anderem, sich in ihrem Wirken an die BeschlĂŒsse der Partei zu diesen Themen zu halten. 

Emde, die sich selbst als «Aktivistin, politische Bildnerin, Mediatorin und Kulturschaffende» bezeichnet, unterschrieb und wurde somit Teil der Fraktion. Bei GrĂŒnen und SPD löste diese Tatsache ebenso wie die FraktionserklĂ€rung, die nicht auf der zuvor geschlossenen Dreier-Vereinbarung fußte, Irritationen aus. Nach einer Sondierungspause wurden diese ausgerĂ€umt. 

Emde teilte aus 

Nur wenig spĂ€ter meldete sich Emde mit ihrem Instagram-Video zu Wort. Dort bemĂ€ngelte sie unter anderem, die FraktionserklĂ€rung nenne nur selektiv Details aus Partei-BeschlĂŒssen zu dem Themenkomplex. Nicht erwĂ€hnt werde darin etwa ein Beschluss der Linken, die das israelische Vorgehen im Gaza-Krieg seit einem Parteitag im Juni offiziell als «Völkermord» bezeichnet. 

Dass es kein Existenzrecht fĂŒr Staaten gebe, sei ein völkerrechtlicher «No-Brainer», also eine SelbstverstĂ€ndlichkeit. Zum Umgang mit ihrer Person sagte Emde, sie sei unfreiwillig zur Protagonistin eines «Schmierentheaters» geworden, inszeniert unter anderem von SPD und GrĂŒnen. 

Dass sie in die Fraktion aufgenommen worden sei, sei «ein kleiner GelĂ€ndegewinn gegen die StaatsrĂ€son», fĂŒgte Emde hinzu. Den rechtlich unspezifischen Begriff der «StaatsrĂ€son» hatte die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) 2008 geprĂ€gt: In einer Rede vor dem israelischen Parlament sagte sie, dass die historische Verantwortung Deutschlands fĂŒr die Sicherheit Israels Teil der StaatsrĂ€son Deutschlands sei.

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