Waffen, DNA und Zeugen: Kann Klettes Schuld bewiesen werden?
28.04.2026 - 15:53:57 | dpa.deDrei Maskierte richten Maschinenpistolen und eine Panzerfaust auf einen Geldtransporter. SchĂŒsse fallen, ein Geschoss bleibt in der RĂŒckenlehne des Fahrers stecken. «Das war einfach hochgradig gefĂ€hrlich», sagt StaatsanwĂ€ltin Annette Marquardt ĂŒber den Ăberfall in Stuhr nahe Bremen im Juni 2015. Sie bleibt in ihrem PlĂ€doyer dabei: Die ehemalige RAF-Terroristin Daniela Klette habe mit ihren mutmaĂlichen Komplizen - den ehemaligen RAF-Mitgliedern Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub - einen versuchten Mord begangen.Â
Das Trio soll von 1999 bis 2016 Geldtransporter und KassenbĂŒros ĂŒberfallen und Millionen fĂŒr das Leben im Untergrund erbeutet haben. Der Ăberfall in Stuhr steht seit Beginn der Verhandlung am Landgericht Verden im Fokus. War es ein Mordversuch oder nicht? Das Gericht kam im Laufe des Prozesses zu dem Schluss, dass es die Tat wohl nicht als versuchten Mord wertet. Stattdessen sprechen die Richter von einem sogenannten bedingten Tötungsvorsatz: Der SchĂŒtze soll den Tod des Opfers zumindest in Kauf genommen haben, habe die Tat aber nicht zu Ende gebracht.
«Delikte mit ganz erheblicher krimineller Energie»
Die Staatsanwaltschaft wirft der 67-JĂ€hrigen auch versuchten und vollendeten schweren Raub als «Mitglied einer Bande» vor. AuĂerdem legt sie der Angeklagten VerstöĂe gegen das Waffengesetz und das Kriegswaffenkontrollgesetz zur Last. Am Mittwoch will sie ein konkretes StrafmaĂ fordern. Danach werden die PlĂ€doyers der Nebenklage und der Verteidigung erwartet. Das letzte Wort wird die Angeklagte haben, bevor das Gericht frĂŒhestens Ende Mai zu einem Urteil kommt. Daniela Klette droht eine jahrelange Haftstrafe - und ein weiteres Verfahren wegen AnschlĂ€gen wĂ€hrend ihrer Zeit bei der RAF.
Laut Anklage soll die Deutsche 13 ĂberfĂ€lle mit Staub und Garweg in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein begangen haben. Im Laufe der Verhandlung stellte das Gericht die Verfahren zu fĂŒnf Taten ein, weil sie im Falle einer Verurteilung ohnehin nicht wesentlich ins Gewicht fallen wĂŒrden. Von den beiden MĂ€nnern fehlt bis heute jede Spur.Â
«Das sind Delikte mit ganz erheblicher krimineller Energie», sagt Marquardt und wendet sich direkt an die Angeklagte. «Sie haben die Taten in unertrĂ€glicher Weise bagatellisiert.» EindrĂŒcklich beschreibt sie, wie schwerwiegend die Folgen fĂŒr die Opfer der RaubĂŒberfĂ€lle teilweise bis heute sind. Manche fanden demnach wegen erheblicher psychischer Probleme nie wieder in ihr altes Leben zurĂŒck.Â
Brisante Beweise in Klettes WohnungÂ
Die Festnahme von Daniela Klette nach Jahrzehnten im Untergrund war ein Coup fĂŒr die Ermittler. Im Februar 2024 fanden Beamte «Claudia» - wie sie sich selbst damals nannte - mit ihrem Hund in einem 1,5 Zimmer-Appartment in Berlin. «Diese Wohnung war eine Asservatenkammer», berichtet die StaatsanwĂ€ltin vor Gericht. «Dankenswerterweise hat Frau Klette nichts weggeworfen.»Â
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft stellten die Ermittler brisante Beweise sicher - unter anderem eine Panzerfaust-Attrappe, mehrere Waffen und Munition. «Das, was gefunden wurde, war weder harmlos noch rentnerlike», betont Marquardt. AuĂerdem fanden die Beamten mehr als ein Kilogramm Gold und 240.000 Euro Bargeld, beides vermutlich Teil der Beute.
Zum VerhÀngnis könnten Klette auch Fotos, Skizzen und Aufzeichnungen von Routen von Geldtransportern, ausspionierten SupermÀrkten und Polizeiwachen in Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen werden. Die Beamten entdeckten zudem mehrere Handys, Rechner, Sturmhauben und Flecktarnhosen. Die Kleidung sei nach all den Jahren «dankenswerterweise ungewaschen», sagt die StaatsanwÀltin. Experten konnten so DNA-Spuren von Garweg und Klette nachweisen. Auch in Fluchtautos finden die Ermittler spÀter DNA-Spuren, darunter sollen laut einer Expertin Mischspuren von Klette sein.
Staatsanwaltschaft: Klette hatte «federfĂŒhrende Rolle»
FĂŒr die Staatsanwaltschaft steht mit Blick auf die Funde fest, dass Klette bei den ĂberfĂ€llen «eine federfĂŒhrende Rolle» spielte. Bei allen Taten lasse sich eine klare Aufgabenverteilung feststellen: Klette habe Zugriff auf die Waffen gehabt und habe meistens am Steuer des Fluchtautos gesessen. Die Fahrzeuge soll Staub organisiert haben, er habe auch vorab die Tatorte ausspioniert. Bleibt noch Garweg als «der Mann fĂŒrs Grobe», der im Zweifel nicht vor SchĂŒssen zurĂŒckschrecke.
Auch beim Ablauf der Taten stellte die Staatsanwaltschaft nach eigenen Angaben ein Muster fest: Die TÀter seien mit mehreren Wagen unterwegs gewesen, um Wege zu versperren und selbst mit einem anderen Auto fliehen zu können. Sie seien vermummt und schwer bewaffnet gewesen. «Da waren Profis am Werk und keine Dilettanten», sagt Marquardt. Ihre Opfer hÀtten Todesangst ausgestanden.
Verfahren unter strengen Sicherheitsvorkehrungen
WĂ€hrend ihre Komplizen weiter auf der Flucht sind, sitzt Klette seit mehr als zwei Jahren in Untersuchungshaft. FĂŒr sie gelten besondere Sicherheitsvorkehrungen: Eine Eskorte mit mehreren Polizeiwagen, Blaulicht und Martinshorn begleitet sie zu jeder Verhandlung. Schwer bewaffnete EinsatzkrĂ€fte bewachen das GelĂ€nde mit der extra zum Hochsicherheitstrakt umgebauten Reithalle am Stadtrand von Verden.
Die Taten rĂ€umte Klette vor Gericht weder ein, noch stritt sie sie ab. Stattdessen nutzte sie die Aufmerksamkeit lieber fĂŒr politische Botschaften - etwa fĂŒr eine Kritik am Kapitalismus oder an MilitĂ€reinsĂ€tzen. DafĂŒr lieferten sich ihre AnwĂ€lte und die Staatsanwaltschaft immer wieder Wortgefechte oder fielen sich gegenseitig ins Wort.
Wie es im Prozess weitergeht
Also musste das Gericht die Taten rekonstruieren. Der Vorsitzende Richter und sein Team sichteten Videos, befragten Experten und probierten sogar mal die Panzerfaust aus. Auch viele Betroffene kamen zu Wort, doch nach all den Jahren konnten sie sich an wichtige Details oft nicht mehr erinnern oder brachen gleich in TrÀnen aus.
Nach mehr als einem Jahr beendete das Gericht jetzt die Beweisaufnahme. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft ist Klettes Schuld klar. «FĂŒr die wirklich stichhaltigen Beweise haben allein Sie gesorgt», sagt die StaatsanwĂ€ltin zur Angeklagten in ihrem PlĂ€doyer. Damit bezieht sie sich vor allem auf die Funde in Klettes Wohnung. Vieles davon lĂ€sst sich der Staatsanwaltschaft zufolge den Taten direkt zuordnen - etwa Tatwaffen, Munition, Verkleidung und Beute. Warum die Angeklagte alles genau notiert und aufgehoben habe, sei unklar, sagt die StaatsanwĂ€ltin und fragt: Habe sie ein Messi-Problem? Wollte sie ihre eigene GenialitĂ€t beweisen? Wollte sie alles aufheben fĂŒr weitere Taten?Â
Das letzte Wort wird schlieĂlich die Angeklagte haben, bevor das Gericht frĂŒhestens Ende Mai zu einem Urteil kommt. Daniela Klette droht eine jahrelange Haftstrafe - und ein weiteres Verfahren wegen AnschlĂ€gen wĂ€hrend ihrer Zeit bei der RAF.
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