Zusammen Musik hören - Das steckt hinter Listening Sessions
05.04.2026 - 09:15:05 | dpa.deDie spanische PopsĂ€ngerin RosalĂa sorgt auf ihrer Welttournee zurzeit fĂŒr Begeisterung, Ende April kommt sie nach Deutschland. Um ihr neuestes Album «Lux» der Weltöffentlichkeit ein erstes Mal zu prĂ€sentieren, wĂ€hlte die 33-jĂ€hrige Musikerin ein fĂŒr viele vielleicht noch ungewöhnliches, aber doch sehr angesagtes Format: die Listening Session.Â
Listening bedeutet auf Deutsch zuhören. Bei Listening Sessions oder Partys kommen Musiker und Fans im intimen Kreis zusammen, um gemeinsam Musik zu lauschen, die zumeist von einem TontrĂ€ger wie einer Schallplatte abgespielt wird.Â
Eine neue Art des Musikhörens
Im Palau Nacional in Barcelona hörten geladene GĂ€ste im November 2025 die 18 Lieder des neuen RosalĂa-Albums, wĂ€hrend die SĂ€ngerin auf einem Podest aus weiĂem TĂŒll wie eine Art Schneewittchen im Schnee lag. Und zuhörte, nicht sang. Nach dem letzten Track verlieĂ RosalĂa lĂ€chelnd aber wortlos den Saal.Â
RosalĂa ist eine Meisterin darin, sich zeitgenössische Popkultur anzueignen â kein Wunder also, dass sie fĂŒr die Premiere ihres Albums eine Form wĂ€hlte, die sich in Musikkreisen zunehmender Beliebtheit erfreut. Das britische Lifestyle-Magazin «Dazed» veröffentlichte kĂŒrzlich einen langen Artikel ĂŒber das neue PhĂ€nomen.
In Hamburg eröffnete im September das Listening-CafĂ© Trader Hifi und in MĂŒnchen im November die Bar Spin â und auch in Berlin gibt es schon mehrere Bars, die dem gemeinsamen Hören von Musik einen Raum geben.
Eine von ihnen ist die Bar Unkompress in Kreuzberg. «Listening Bars sind gerade deshalb so gefragt, weil sie auf einen Wandel im Nachtleben reagieren», sagt Betreiber Kevin Rodriguez der Deutschen Presse-Agentur. Die klassische Clubkultur habe es zunehmend schwer. «Und viele Menschen suchen nach Alternativen â nach etwas Intentionalem, Intimem, etwas Konzentriertem und Fokussiertem.» Doch wie genau funktioniert dieses gemeinsame Musikhören?
Wie muss man sich eine Listening Session vorstellen?
Was Listening Bars besonders mache, sei ihre persönliche Handschrift, beschreibt Rodriguez das Konzept. Vom Soundsystem ĂŒber die Auswahl der Platten bis hin zum gesamten Erlebnis spiegele jeder Ort die Persönlichkeit seiner Betreiber wider. «Manche legen den Fokus stĂ€rker auf Essen, andere auf Kultur oder Drinks â aber allen gemeinsam ist die bewusste AtmosphĂ€re und das konzentrierte Zuhören.»
Bei Unkompress werden komplette Alben von Anfang bis Ende gespielt. «Beide Seiten», unterstreicht Rodriguez. Er wĂ€hle die Musik aus, unterstĂŒtzt von DJs, die regelmĂ€Ăig in der Bar auflegen. Zu hören gebe es Jazz, Funk, Electronic Sounds aus den 80ern, aber auch aktuelle Musik. Sonntags fĂ€nde die Album Listening Session statt: «Ein Album, keine Handys, keine GesprĂ€che â gemeinsames, konzentriertes Hören.»
Rodriguez wĂ€hle die Musik nach Jahreszeit, Tageszeit und sogar nach dem Wetter aus. «Auch die aktuelle Stimmung in Berlin spielt eine Rolle. Die Auswahl ist sehr intuitiv und persönlich», sagt er. Getanzt werde nicht. Der Raum sei klein, etwa zwanzig SitzplĂ€tze, die GĂ€ste kĂ€men bewusst zum Zuhören und um den Raum und die Drinks zu genieĂen.
Die Sessions wĂŒrden sehr gut angenommen. Da es keine rĂ€umliche Trennung zwischen dem DJ und GĂ€sten gibt, entstehe eine gemeinschaftliche AtmosphĂ€re. «Oft fragen GĂ€ste nach den gespielten Platten â daraus entstehen ganz natĂŒrlich GesprĂ€che», berichtet Rodriguez. Auf die Idee kam er, als er sich fragte, warum nur Clubs gute Soundsystems und eine durchdachte Musikauswahl bieten wĂŒrden. Er entdeckte die Listening-Kultur in Japan und interpretierte sie auf seine Weise.Â
In japanischen Jazz-Kissas trifft man sich, um gemeinsam Jazzmusik zu genieĂen. Die japanischen MusikcafĂ©s werden im Zusammenhang mit Listening Bars immer wieder genannt. Die Berliner Listening-Bar Bar Neiro bezieht sich auf ihrer Internetseite direkt darauf - genau wie Rodriguez.
Listening Partys auch bei Billie Eilish und Frank OceanÂ
Nun erobert das gemeinsame Musikhören die Welt. In Paris gibt es ebenfalls viele Listening Bars, dort heiĂen sie auch «Bars audiophiles». Im Artikel von «Dazed» werden neben RosalĂa auch Listening Partys von US-Popstar Billie Eilish und Rapper Frank Ocean erwĂ€hnt. Es geht dort auch um die Londoner Listening Bar Shai Space. Und andere Musiker kommen zu Wort, die das Format fĂŒr sich entdeckt haben, wie die Londoner Produzentin HAAi.
Touren sei extrem teuer geworden, sagt HAAi dort. «Listening Parties schlieĂen eine LĂŒcke. Sie ermöglichen es, die Musik angemessen zu prĂ€sentieren, ohne den enormen finanziellen Druck.» Der Musiker Isaac de Martin alias Ike trat im August bei Unkompress in Kreuzberg auf. ZunĂ€chst hörten die GĂ€ste das Album gemeinsam, anschlieĂend konnten sie Fragen dazu stellen. Danach spielte er die Songs live â um einen anderen Eindruck von der Musik zu vermitteln. Ike lebte bis 2023 in Berlin, pendelt nun zwischen London und Italien.
Das sagen Musikerinnen und Musiker zum Format
«Die IntimitĂ€t eines solchen Konzerts schafft eine engere Verbindung mit den Leuten, und die Musik profitiert davon. Das Publikum ist weniger abgelenkt», sagt Ike der dpa. Den finanziellen Vorteil sieht er eher bei Venues, die weniger Kosten haben. Er meint auch, dass Listening Sessions Konzerte nicht ersetzen werden, die immer noch essenziell fĂŒr Bands seien. «Aber Listening Bars gewinnen wegen der intimen AtmosphĂ€re fĂŒr die Musikbranche zunehmend an Bedeutung», sagt er.
Die Berliner Musikerin Jana Irmert spielte im Dezember bei Unkompress ihre erste Listening Session ĂŒberhaupt. «Ich fand es ein interessantes Format, weil ich den Fokus auf das Teilen meines Prozesses gelegt habe und ich denke, das ist vielleicht auch die StĂ€rke dieser Sessions», sagt Irmert. Dass Interessierte Informationen erfahren und mit KĂŒnstlern ins direkte GesprĂ€ch kommen können. Irmert zeigte bei Unkompress das Rohmaterial ihres neuen Albums «Portals», bevor das fertige Album abgespielt wurde. Dann wurde ĂŒber das Gehörte diskutiert.
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