Venezuela: Warum die Erdbeben das Land hart treffen
26.06.2026 - 05:00:09 | dpa.deDie verheerenden Erdbeben mit vielen Toten und mehreren Tausend Verletzten haben Venezuela schwer getroffen. Das Land befindet sich ohnehin schon in einer schwierigen Lage. Seit Jahren leidet Venezuela unter politischen Spannungen, wirtschaftlichen Problemen und einer der größten Migrationskrisen der Welt. Vier Punkte, die helfen, das Land und die aktuelle Situation zu verstehen:
Hohe Armut trotz gewaltiger Erdölreserven
Venezuela verfügt über die größten bekannten Erdölreserven der Welt. Trotz dieser gewaltigen Vorkommen leben viele Menschen in Armut. Die Einkommen reichen oft kaum aus, um die Lebenshaltungskosten zu decken.
Ein schweres Erdbeben trifft deshalb viele Menschen besonders hart: Wer bereits wirtschaftlich am Limit lebt, kann Schäden an Häusern oder den Verlust von Besitz kaum auffangen. Bereits vor den Erdbeben seien in Venezuela fast acht Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen gewesen, sagte der UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher. «Diese Katastrophe droht bestehende Verwundbarkeiten weiter zu verschärfen.»
Millionen Menschen haben das Land verlassen
Die venezolanische Flucht- und Migrationskrise zählt zu den größten weltweit. Fast acht Millionen Menschen sind in den vergangenen Jahren ausgewandert - das entspricht gut einem Viertel der Gesamtbevölkerung. Sie leben heute vor allem in anderen Ländern Lateinamerikas sowie in den USA und Europa.
Für viele Familien sind Geldsendungen von Verwandten aus dem Ausland überlebenswichtig. Gleichzeitig fehlen dem Land auch zahlreiche gut ausgebildete Arbeitskräfte wie Ärzte, Ingenieure oder Pflegekräfte - ein Problem, das sich nach Naturkatastrophen besonders bemerkbar macht.
Viele öffentliche Dienste funktionieren nur eingeschränkt
Krankenhäuser, Strom- und Wasserversorgung sowie andere öffentliche Dienstleistungen funktionieren in Venezuela vielerorts nur eingeschränkt. Zwar unterscheiden sich die Bedingungen regional, doch immer wieder berichten Experten und Hilfsorganisationen von Problemen bei Versorgung, Wartung und Personal. Gerade nach einem schweren Erdbeben werden solche Schwächen besonders sichtbar.
Politisch bleibt Venezuela trotz Maduros Festnahme instabil
Die Festnahme des langjährigen autoritär regierenden Präsidenten Nicolás Maduro durch die USA Anfang des Jahres markierte einen historischen Einschnitt für Venezuela - und weckte bei vielen Hoffnungen auf einen politischen Neuanfang. Nach jahrelanger Konfrontation nahmen die beiden Seiten die diplomatischen Kontakte wieder auf. Die US-Regierung unter Präsident Donald Trump lockerte Sanktionen und leitete eine Neuausrichtung ihrer Venezuela-Politik ein.
Trotz dieser Veränderungen sehen Beobachter bislang keinen klaren demokratischen Übergang. Der US-Think-Tank Wola schreibt, dass die Strukturen des autoritären Systems, das Maduro seit 2013 geprägt habe, weiterhin bestehen. Venezuela befinde sich in einer «instabilen und unsicheren» Phase. Weiterhin haben demnach Teile von Maduros Sicherheitsapparat und seines politischen Systems großen Einfluss.
