Arbeitsmarkt-Reform: Befristungen verdoppelt, Kündigungsschutz gelockert
02.07.2026 - 14:03:11 | boerse-global.de
Die Regierungskoalition aus CDU, CSU und SPD hat ein Reformpaket verabschiedet, das den deutschen Arbeitsmarkt grundlegend verändern soll. Kern der Einigung: Unternehmen bekommen mehr Flexibilität bei Befristungen.
Das 34 Punkte umfassende Paket adressiert neben dem Arbeitsrecht auch steuerliche Anpassungen und den Abbau von Bürokratie. Bundeskanzler Merz bezeichnete die Maßnahmen als notwendigen Schritt, um regulatorische Hemmnisse zu beseitigen.
Befristungen verdoppelt, Kündigungsschutz gelockert
Die Höchstdauer für sachgrundlose Befristungen steigt von 24 auf 48 Monate. Innerhalb dieser vier Jahre sind bis zu sechs Verlängerungen des Arbeitsvertrags möglich. Die Regelung gilt für Arbeitnehmer, die bis Ende 2030 eingestellt werden.
Parallel lockert die Koalition den Kündigungsschutz für Spitzenverdiener. Wer monatlich mehr als rund 14.787 Euro brutto verdient, kann künftig leichter gekündigt werden. Abfindungen sollen steuerlich privilegiert werden – allerdings nur, wenn zeitnah eine neue Stelle folgt.
Das Arbeitszeitgesetz bleibt vorerst unangetastet. Dafür steigen die Zuschläge für Sonn- und Feiertagsarbeit.
Telefonische Krankschreibung wird abgeschafft
Ein besonders umstrittener Punkt: Die telefonische Krankschreibung aus der Pandemiezeit wird dauerhaft gestrichen. Arbeitnehmer müssen bereits ab dem ersten Krankheitstag eine ärztliche Bescheinigung vorlegen. Zudem kündigt die Koalition härtere Sanktionen bei vorgetäuschten Erkrankungen an.
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Der Hausärzteverband warnt vor einer erheblichen Zunahme der Bürokratie in den Praxen. Die Gewerkschaften laufen Sturm: DGB-Chefin Fahimi spricht von einem unnötigen Einschnitt in Arbeitnehmerrechte. Ver.di-Chef Werneke nennt die Pläne ein „nicht akzeptables Signal des Misstrauens".
Steuerentlastungen ab 2027 – Reichensteuer steigt
Das Paket sieht steuerliche Entlastungen von rund zehn Milliarden Euro vor. Wirksam werden sie ab dem 1. Januar 2027, die volle Wirkung soll 2028 erreicht sein. Eine vierköpfige Familie mit 60.000 Euro Bruttojahreseinkommen könnte laut Koalition jährlich über 600 Euro sparen.
Erreicht werden soll das durch eine schrittweise Anhebung des Grundfreibetrags auf 12.900 Euro und eine Erhöhung des Kindergeldes auf 272 Euro bis 2028.
Zur Gegenfinanzierung wird die sogenannte Reichensteuer angepasst. Ab 250.000 Euro Einkommen greift künftig ein Steuersatz von 45 Prozent, ab 280.000 Euro steigt er auf 47 Prozent. Der Spitzensteuersatz von 42 Prozent bleibt unverändert und gilt ab 70.600 Euro.
Der Handwerkerbonus sinkt auf 15 Prozent. Die Pauschalsteuer für Minijobs steigt von zwei auf fünf Prozent.
Rentenreform: Kapitalrente, höheres Eintrittsalter
Bei der Altersvorsorge plant die Koalition eine kapitalgedeckte Komponente – die sogenannte Kapitalrente. Das Renteneintrittsalter soll über 67 Jahre steigen. Die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren entfällt. Künftig sollen auch Selbstständige und Politiker in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Die Umsetzung auf Basis der Rentenkommission soll bis Ende 2026 stehen.
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Beim Bürokratieabbau werden Berichtspflichten pauschal aufgehoben und rund ein Viertel aller Dokumentationspflichten gestrichen. In der gesetzlichen Krankenversicherung peilt die Koalition für 2027 eine Entlastung von 16,3 Milliarden Euro an.
Die Wirtschaft reagiert gespalten. Arbeitgeberpräsident Dulger lobt die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. DIW-Präsident Fratzscher bezeichnet das Paket dagegen als „bloßes Symbolprojekt mit sozialer Schieflage". Analysten der Deka-Bank betonen, die Reformen könnten ein Auszehren der Sozialsysteme verhindern.
