Berliner Linke fordert Mandatsverzicht von Emde
Veröffentlicht am: 06.11.2026 um 19:37 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie Landesvorsitzenden Kerstin Wolter und Maximilian Schirmer forderten die wegen ihrer Positionen zum Nahost-Konflikt umstrittene Politikerin auf, ihr Mandat zurĂŒckzugeben. "Wir vertrauen ihr nicht mehr", erklĂ€rte das Spitzenduo nach einer Sitzung des Landesvorstands am Abend.
"Sie hat sich wiederholt und bewusst ĂŒber unsere gemeinsamen BeschlĂŒsse hinweggesetzt. Wir sagen: Es reicht, genug ist genug." Ein Mandat sei keine Ich-AG. "Mandate werden kollektiv errungen: durch die Arbeit und die Stimmen von Kandidierenden, Mitgliedern und der gesamten Partei. Daraus erwĂ€chst Verantwortung fĂŒr das eigene Handeln."
Ob Emde ihr Mandat tatsĂ€chlich zurĂŒckgibt, ist offen. Tut sie es nicht, könnte sie aus der Linke-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus ausgeschlossen werden.
Emde seit September im Parlament
Emde war am 20. September neu ins Landesparlament gewĂ€hlt worden. Sie holte mit einem Erststimmenergebnis von 46,2 Prozent ein Direktmandat in ihrem Wahlkreis in Neukölln. Die Linke-Politikerin steht wegen ĂuĂerungen zum Nahost-Konflikt schon lĂ€nger in der Kritik. Unter anderem wird ihr vorgeworfen, das Existenzrecht Israels in Zweifel zu ziehen. Am vergangenen Wochenende demonstrierte Emde am Rande eines Linke-Parteitages gegen ihre eigene ParteifĂŒhrung.
Belastung fĂŒr Regierungsbildung
Die Causa Emde belastet die BemĂŒhungen um die Bildung einer rot-grĂŒn-roten Koalition in Berlin unter FĂŒhrung der Linken seit Wochen. Emde wird in der Ăffentlichkeit exemplarisch genannt fĂŒr die Probleme, die die Berliner Linke in ihren Reihen mit radikalen Israel-Kritikern bis hin zu Antisemiten hat. Politiker der potenziellen Koalitionspartner GrĂŒne und SPD auf Landes- und Bundesebene erwarten von der Linken, dass sie diese Probleme löst und auch im Fall Emde konsequent handelt.
Tischtuch zerrissen
Emde hatte bei der konstituierenden Linke-Fraktionssitzung am 13. Oktober zunĂ€chst wie alle anderen Abgeordneten eine ErklĂ€rung zum Antisemitismus unterschrieben, die den Schutz jĂŒdischen Lebens und das Existenzrecht Israels bekrĂ€ftigt. Kurz darauf distanzierte sie sich davon in einem auf Instagram veröffentlichten Video, das viel Wirbel auslöste.
Dort wiederholte sie auch frĂŒhere Aussagen aus dem Wahlkampf, wonach es kein Existenzrecht fĂŒr Staaten gebe, sondern nur fĂŒr Menschen. Zum Umgang mit ihrer Person sagte Emde, sie sei unfreiwillig zur Protagonistin eines "Schmierentheaters" geworden, inszeniert unter anderem von SPD und GrĂŒnen. Der Fraktionsvorstand um die Fraktionschefs Elif Eralp und Tobias Schulze erklĂ€rte daraufhin, er sehe keine gemeinsame Arbeitsgrundlage mehr mit Emde.
Sollte die Abgeordnete ihr Mandat nicht zurĂŒckgeben, könnte ihr Ausschluss aus der Fraktion der nĂ€chste Schritt sein. Ăffentlich befĂŒrworteten das zuletzt mehrere Linke-Politiker, etwa Gregor Gysi. DafĂŒr ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit in der 44 Abgeordnete zĂ€hlenden Fraktion nötig. Nach einem fruchtlosen GesprĂ€ch mit Emde hatte die Fraktionsspitze am 27. Oktober erklĂ€rt, dass das weitere Vorgehen eng mit den Gremien der Partei abgestimmt werde.
Linke demonstrieren gegen Linke
Auch danach sorgte Emde fĂŒr Schlagzeilen: Am Rande eines Parteitags, auf dem die Linke am vergangenen Samstag die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit GrĂŒnen und SPD beschloss, protestierte Emde gemeinsam mit etwa 80 Menschen aus dem linken Lager gegen den Kurs ihrer eigenen Parteispitze. Sie warnte vor "Kriminalisierung" und "DĂ€monisierung" der PalĂ€stina-SolidaritĂ€t sowie einer "Komplizenschaft mit Völkermördern".
Die Abgeordnete erklĂ€rte sich auf der Kundgebung ausdrĂŒcklich solidarisch mit einem umstrittenen propalĂ€stinensischen Aktivisten. Dieser engagiert sich laut dem Verein democ, der sich mit demokratiefeindlichen Bewegungen beschĂ€ftigt, fĂŒr die Volksfront fĂŒr die Befreiung PalĂ€stinas (PFLP), die in der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft ist. Er war bereits unmittelbar nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus in die Schlagzeilen geraten, weil er eine Wahlparty der Neuköllner Linken besucht hatte. Dort lieĂ er sich mit Emde fotografieren.
Partei setzt Frist
Emde habe sich bis heute nicht von denen distanziert, die das Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023 in Israel als legitimen Widerstand feiern, so Wolter und Schirmer. Sie habe mehrfach gegen die MandatstrĂ€gervereinbarung verstoĂen, in der sich alle Linke-Kandidaten fĂŒr die Wahl auf ParteibeschlĂŒsse und -programm verpflichteten.
"Vanessa Emde hat eine Woche Zeit, zu uns zurĂŒckzukehren", fĂŒgten Wolter und Schirmer hinzu. "Dazu soll sie ihren Instagram-Beitrag löschen, sich fĂŒr ihren Auftritt am Rande des Parteitags entschuldigen und eine konstruktive Zusammenarbeit auf Grundlage unserer BeschlĂŒsse zusagen."
Dreier-Vereinbarung gegen Judenhass
Als Reaktion auf die Neuköllner Wahlparty und andere VorfĂ€lle hatten Linke, GrĂŒne und SPD noch vor Beginn ihrer Sondierungen eine Vereinbarung zum Kampf gegen Judenhass geschlossen. Sie soll im Fall einer Regierungsbildung in den Koalitionsvertrag aufgenommen werden. Spitzenkandidatin Eralp will die erste Regierende BĂŒrgermeisterin in der Hauptstadt werden.
Bei der Abgeordnetenhaus-Wahl am 20. September war die Linke mit 25,7 Prozent stĂ€rkste Kraft geworden. Es folgten CDU (18,8 Prozent), AfD (16,3 Prozent), GrĂŒne (14,3 Prozent) und SPD (12,1 Prozent). Die bisher regierende CDU/SPD-Koalition hat ihre Mehrheit verloren.
