Chemie-Lobby: Industrie kontrolliert EU-Allianz mit 16:1-Übergewicht
07.07.2026 - 01:22:50 | boerse-global.de
Ein aktueller Bericht von Corporate Europe Observatory (CEO) und dem European Environmental Bureau (EEB) zeigt: Branchenvertreter kontrollieren die Critical Chemicals Alliance (CCA) maßgeblich.
Die Anfang des Jahres gestartete Allianz soll strategisch wichtige Chemikalien identifizieren und die Wettbewerbsfähigkeit des Sektors sichern. Doch die Zusammensetzung sorgt für Unmut.
Industrie hat 16:1-Übergewicht
Von 293 Mitgliedern sind nur 13 zivilgesellschaftliche Organisationen, während 124 Unternehmen und 86 Verbände vertreten sind. Das entspricht einem Verhältnis von 16 zu 1 zugunsten der Industrie. Zu den beteiligten Konzernen gehören BASF, TotalEnergies und Avantium.
Der Branchenverband CEFIC besetzt zudem Schlüsselpositionen innerhalb der Allianz. Die CCA soll Empfehlungen für den Umgang mit Molekülen wie Benzol, Chlor, Ethylen, PFAS oder Flusssäure aussprechen.
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Kritiker warnen: Diese Struktur könnte die Regulierung schädlicher Substanzen schwächen. Die Industrie warnt vor einer Existenzkrise, doch die Berichtautoren verweisen auf Milliardengewinne großer Konzerne. Die globalen Gesundheitskosten durch Chemikalien liegen bei rund 1,4 Billionen US-Dollar.
Lobbying beim Emissionshandel
Parallel zur CCA-Kritik werden neue Details zur Einflussnahme auf den EU-Emissionshandel bekannt. Branchenvertreter setzen sich massiv für eine Abschwächung der Klimaschutzvorgaben ein.
Der Vorwurf: Unternehmen profitieren von kostenlosen Emissionszertifikaten und intervenieren gleichzeitig gegen deren geplantes Auslaufen. BASF allein erhielt seit 2013 kostenlose Zertifikate im Wert von rund 4,7 Milliarden Euro und nahm durch den Handel mit Überschüssen etwa 800 Millionen Euro ein.
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Der BASF-Vorstandsvorsitzende, seit Jahresanfang auch CEFIC-Präsident, fordert eine Aussetzung des schrittweisen Abbaus dieser Zuteilungen. Die Intensität der Bemühungen zeigt sich in mindestens 44 Treffen zwischen CEFIC-Vertretern und der EU-Kommission im ersten Halbjahr 2026.
BDI fordert Schutz für Industrie
Unterstützung kommt vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). In einem Schreiben an EU-Kommission und deutsche Bundesminister bezeichnet der Verband die CO2-Kosten als „unerträglich“ für Unternehmen.
Der BDI fordert, neue Zertifikate strikt am Klimaneutralitätsziel für 2050 auszurichten und den Schutz für industrielle Vorreiter zu erhöhen. Derzeit liegt der lineare Reduktionsfaktor für Zertifikate bei 4,3 Prozent.
Die EU-Kommission plant noch vor der Sommerpause Reformpläne für den Emissionshandel vorzulegen. Mitte des Monats soll eine Entscheidung über die künftige Zertifikatszuteilung fallen. Im Herbst steht dann die zweite Generalversammlung der Critical Chemicals Alliance an – mit weiteren Weichenstellungen für die europäische Chemikalienpolitik.
