Ladendiebstahl, Deutschland

Warum wird in deutschen GeschÀften so viel geklaut?

23.06.2026 - 05:00:21 | dpa.de

Der Einzelhandel klagt ĂŒber zunehmende Verluste durch Diebstahl. Welche Produkte am begehrtesten sind. Und wie sich die HĂ€ndler schĂŒtzen.

  • Spirituosen sind besonders begehrtes Diebesgut. - Bild: Oliver Berg/dpa
    Spirituosen sind besonders begehrtes Diebesgut. - Bild: Oliver Berg/dpa
  • Kosmetikprodukte werden hĂ€ufig geklaut. - Bild: Bernd Weißbrod/dpa
    Kosmetikprodukte werden hĂ€ufig geklaut. - Bild: Bernd Weißbrod/dpa
  • Der grĂ¶ĂŸte Teil der Verluste entfĂ€llt auf LadendiebstĂ€hle durch Kunden. - Bild: Bernd Weißbrod/dpa
    Der grĂ¶ĂŸte Teil der Verluste entfĂ€llt auf LadendiebstĂ€hle durch Kunden. - Bild: Bernd Weißbrod/dpa
Spirituosen sind besonders begehrtes Diebesgut. - Bild: Oliver Berg/dpa Kosmetikprodukte werden hĂ€ufig geklaut. - Bild: Bernd Weißbrod/dpa Der grĂ¶ĂŸte Teil der Verluste entfĂ€llt auf LadendiebstĂ€hle durch Kunden. - Bild: Bernd Weißbrod/dpa

Spirituosen, Zigaretten und Kaffee sind besonders begehrt: Die SchĂ€den durch Diebstahl im deutschen Einzelhandel steigen zum vierten Mal in Folge. Laut einer Studie des Handelsforschungsinstituts EHI entwendeten Kunden, BeschĂ€ftigte, Lieferanten und ServicekrĂ€fte 2025 Waren im Wert von mehr als 4,3 Milliarden Euro. Das entspricht einem Plus von 3,1 Prozent gegenĂŒber dem Vorjahr und einem neuen Höchstwert. 

Als grĂ¶ĂŸte Herausforderung bezeichnete EHI-Experte Frank Horst den Kampf gegen organisierten und gewerbsmĂ€ĂŸigen Diebstahl. Auch die Zunahme beim «normalen» Kundendiebstahl sei «besorgniserregend». Laut Horst nehmen Übergriffe auf BeschĂ€ftigte zu. «Die Diebe werden immer aggressiver.» Sicherheitsfirmen werde empfohlen, stichfeste Westen zu tragen. 

FĂŒr 2026 rechnet Horst nicht mit einem erneuten Anstieg. Sofern keine weiteren politischen oder gesellschaftlichen UnwĂ€gbarkeiten eintreten, werde das Niveau vermutlich nicht weiter wachsen. Auch verbesserte PrĂ€ventionsmaßnahmen dĂŒrften dĂ€mpfend wirken. 

Wie hat sich die Situation entwickelt? 

Mit rund 3,05 Milliarden Euro entfiel der grĂ¶ĂŸte Teil auf Kundendiebstahl. Ein Drittel davon wird organisierten TĂ€tergruppen zugeschrieben. Eigene BeschĂ€ftigte der Handelsunternehmen verursachten SchĂ€den von 910 Millionen Euro. Personal von Lieferanten und Servicefirmen, etwa Handwerker und ReinigungskrĂ€fte, weitere 370 Millionen Euro. 

Zwischen 2020 und 2025 sind die SchĂ€den um knapp 29 Prozent gestiegen, beim Kundendiebstahl sogar um gut 41 Prozent. Ein Teil des Anstiegs dĂŒrfte auf die hohe Inflation zurĂŒckzufĂŒhren sein. Die Verbraucherpreise legten im selben Zeitraum um mehr als 20 Prozent zu, die Preise fĂŒr Lebensmittel um etwa 35 Prozent.

Die gesamten Inventurdifferenzen - also alle Verluste im Einzelhandel - stiegen 2025 zum Vorjahr um 3,2 Prozent auf 5,11 Milliarden Euro, ebenfalls ein Höchstwert. Hier sind auch organisatorische Fehler wie falsche Preisauszeichnungen eingerechnet. HÀndler verlieren im Schnitt rund ein Prozent ihres Umsatzes. Dem deutschen Staat entgehen dadurch laut EHI Umsatzsteuereinnahmen in Höhe von etwa 590 Millionen Euro pro Jahr. 

FĂŒr die Studie befragte das Institut 103 Unternehmen mit insgesamt 21.225 GeschĂ€ften. Die Firmen schĂ€tzten, wie sich die Verluste auf Kunden, Mitarbeiter und andere Verursacher verteilen. Anschließend wurden die SchĂ€den auf den Gesamtmarkt hochgerechnet. 

Was sind die GrĂŒnde? 

Experte Horst verweist unter anderem auf die gestiegenen Lebenshaltungskosten. «Viele HĂ€ndler sind der Ansicht, dass die aktuelle politische Lage und die wirtschaftlichen Aussichten viele Verbraucher und BeschĂ€ftigte unter finanziellen Druck setzen und somit zu mehr GelegenheitsdiebstĂ€hlen fĂŒhren.» BegĂŒnstigt wĂŒrden Straftaten zudem durch Personalmangel. 

Der Handelsverband Deutschland (HDE) nennt auch schwindenden Respekt vor fremdem Eigentum, geringere Akzeptanz rechtlicher Regeln und Defizite bei der Strafverfolgung als GrĂŒnde. Dem Verband bereitet die zunehmende Professionalisierung bandenmĂ€ĂŸig agierender Ladendiebe Sorgen. «Hier werden regelrechte Bestelllisten von Auftraggebern aus der Unterwelt abgearbeitet», sagt HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Stefan Genth. 

Selbstbedienungskassen verursachen laut EHI zwar höhere Verluste, sind aber nicht der Haupttreiber des Anstiegs. Ihr Anteil sei noch zu gering, der Großteil nicht bezahlter Artikel ginge auf Bedienfehler zurĂŒck. 

Was wird besonders hÀufig geklaut? 

Die Produkte unterscheiden sich je nach GeschÀftstyp: 

  • Lebensmittelhandel: alkoholische GetrĂ€nke, Tabakwaren, Kaffee, Rasierklingen, Parfums, Energydrinks, Schreibwaren, Zeitschriften, Babynahrung, Batterien, Fleisch, Wurst, KĂ€se, NĂŒsse, Öle und Schokolade. 
  • DrogeriemĂ€rkte: DĂŒfte, Kosmetikprodukte wie Lippen- oder Kajalstifte, Babynahrung und Rasierklingen. 
  • Bekleidungshandel: Jeans, Schuhe, WĂ€sche, T-Shirts, Hemden und 
    Accessoires wie GĂŒrtel, Schals, Brillen, Modeschmuck, Lederjacken, 
    Kleinlederwaren, Handtaschen, Sneaker und andere Sportschuhe. 
  • Unterhaltungselektronik: Konsolen- und Videospiele, Speichermedien, Smartphones mit Zubehör, Bluetooth-Kopfhörer, Druckerpatronen und ElektrokleingerĂ€te. 
  • BaumĂ€rkte: akkubetriebene Elektromaschinen, hochwertige Handwerkzeuge, Werkzeugzubehör, digitale MessgerĂ€te, Installationsmaterialien, Akkus, LadegerĂ€te, LED-Leuchten und Armaturen. 

Oft seien es kleine, vergleichsweise teure Artikel, die sich leicht verstecken ließen, sagt Horst. Bei einigen TĂ€tern spiele die leichte WiederverkĂ€uflichkeit eine große Rolle. 

Die Anzeigen sind rĂŒcklĂ€ufig. Wie passt das zusammen? 

Laut Polizeilicher Kriminalstatistik sank die Zahl der angezeigten LadendiebstÀhle durch Kunden wÀhrend der GeschÀftszeit 2025 um 5,4 Prozent auf 383.096 FÀlle. Knapp die HÀlfte der TatverdÀchtigten besitzt demnach eine auslÀndische Staatsangehörigkeit. 

Die Aussagekraft der Statistik ist Experten zufolge jedoch begrenzt. Sie bilde das tatsĂ€chliche Geschehen kaum ab, sagt Horst. Über 98 Prozent der FĂ€lle wĂŒrden nicht erkannt und nicht angezeigt. 2025 blieben laut EHI rechnerisch etwa 24,8 Millionen LadendiebstĂ€hle im Wert von jeweils 123 Euro unentdeckt. Selbst erkannte FĂ€lle werden oft nicht gemeldet, weil Anzeigen hĂ€ufig fallen gelassen werden. Viele Unternehmen ersparen sich deshalb den Aufwand. 

Was machen die Handelsunternehmen? 

Die Unternehmen Ă€ußern sich zum Thema nur zurĂŒckhaltend oder gar nicht. Der Einzelhandel versucht, sich besser zu schĂŒtzen. Laut EHI investierte die Branche 2025 1,7 Milliarden Euro in PrĂ€ventionsmaßnahmen wie Schulungen, VideoĂŒberwachung und Ladendetektive. Weitere 1,6 Milliarden flossen in interne AktivitĂ€ten wie das Auswerten von Kameramaterial und Bestandskontrollen. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 3,3 Milliarden Euro, vor fĂŒnf Jahren waren es noch 2,6 Milliarden Euro. 

Immer hÀufiger wird begehrtes Diebesgut in Vitrinen verschlossen und nur auf Nachfrage herausgegeben. Einige HÀndler arbeiten mit unsichtbaren Warensicherungen in Regalböden, etwa bei Kaffee. Sobald zehn oder mehr Packungen gleichzeitig entnommen werden, gibt es einen Alarm. 

Björn Fromm, Edeka-Kaufmann und PrĂ€sident des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels, gelang es 2025 mit mehr Kameras und Sicherheitspersonal, seine Verluste in einem Markt um mehrere Zehntausend Euro im Jahr zu reduzieren. Die Maßnahmen kosteten weit mehr, dennoch hĂ€lt er sie fĂŒr richtig. «Die Diebe merken ja, wo man besonders gut klauen kann.» 

Was fordert der Branchenverband? 

«Ladendiebstahl muss konsequent und spĂŒrbar verfolgt und bestraft werden. Hier verlieren viele Unternehmen Tag fĂŒr Tag zunehmend das Vertrauen in Polizei und Justiz», sagt HDE-HauptgeschĂ€ftsfĂŒhrer Genth. Strafverfolgungsbehörden und Gerichte mĂŒssten personell und technisch besser ausgestattet werden. Die Mindeststrafe bei bandenmĂ€ĂŸig organisiertem Diebstahl mĂŒsse auf ein Jahr angehoben werden.

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