Homeoffice, Schmerzen

Homeoffice und Schmerzen: Mehr Monate Telearbeit erhöhen das Risiko

Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 08:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Forschungsarbeiten verknüpfen flexible Arbeit mit gesundheitlichen Risiken; Bewegung und soziale Unterstützung stehen ebenfalls im Fokus.
Ein ruhiger, minimalistischer Homeoffice-Arbeitsplatz mit einem leeren Stuhl und sanftem Tageslicht. Illustration mit AI erstellt.

Die zeitliche und örtliche Flexibilität moderner Arbeitsmodelle bringt neue Belastungen für Beschäftigte mit sich. Eine gemeinsame Untersuchung des Instituts Arbeit und Wirtschaft (IAW) der Universität Bremen und der Arbeitnehmerkammer Bremen zeigt, dass hybride Arbeit das Risiko einer Entgrenzung von Arbeit und Freizeit deutlich steigert. Zudem belaste der Wegfall des informellen Austauschs die Zusammenarbeit in Teams, während gleichzeitig die Anforderungen an Führungskräfte steigen.

Für die Erhebung wurden zwei Bremer Organisationen analysiert: eine öffentliche Behörde sowie ein privater IT-Dienstleister. Die Ergebnisse verdeutlichen erhebliche Unterschiede im Umgang mit den arbeitsorganisatorischen und gesundheitlichen Herausforderungen flexibler Modelle.

Große Unterschiede zwischen Behörde und IT-Dienstleister

In der untersuchten öffentlichen Behörde werden psychische und physische Belastungen systematisch in die Gefährdungsbeurteilung einbezogen. Zudem sind verbindliche Erreichbarkeitsregeln über Dienstvereinbarungen geregelt. Beschäftigte erhalten eine vollständige Ausstattung für das Homeoffice, während Schulungen und eine Arbeitszeiterfassung fest vorgeschrieben sind.

Ein gegensätzliches Bild zeigte sich bei dem privaten IT-Dienstleister. Dort dominieren informelle Absprachen innerhalb der Teams, was zu einer Individualisierung der Verantwortung führt. Die ergonomische Ausstattung des Arbeitsplatzes wird häufig von den Beschäftigten privat beschafft. Formalisierte Kontrollmechanismen existieren kaum.

Aus den Befunden leiten das IAW der Universität Bremen und die Arbeitnehmerkammer Bremen konkrete Handlungsempfehlungen für Arbeitgeber ab. Notwendig seien klare Regeln zu Arbeitszeit und Leistung, verbindliche Vorgaben für Erreichbarkeit und Pausen sowie gezielte Schulungsangebote für Führungskräfte, um den veränderten Anforderungen gerecht zu werden.

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Ergonomie allein löst muskuloskelettale Beschwerden nicht

Die Frage nach der wirksamen Gestaltung von Bildschirmarbeitsplätzen beschäftigt auch die internationale Forschung. Ein Cochrane-Review unter Leitung der University of Technology Sydney untersuchte 20 Studien mit insgesamt 2.478 Beschäftigten, die an arbeitsbedingten Beschwerden an Arm, Nacken oder Schulter litten. 16 dieser Studien befassten sich mit unspezifischen Beschwerden.

Ergonomische Interventionen wie spezialisierte Bürostühle, Stehschreibtische, ergonomische Tastaturen, Mäuse und Schulungen zeigten kurzfristig kaum bis gar keinen Unterschied bei Schmerzen (untersucht in vier Studien mit 692 Teilnehmenden), beim Funktionsstatus (383 Teilnehmende) oder der Erholung (eine Studie mit 386 Teilnehmenden).

Bei Krankschreibungen lag der Wert in drei Studien mit 759 Teilnehmenden bei etwa 14 von 100 in den Ergonomiegruppen gegenüber rund 16 von 100 in den Vergleichsgruppen.

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Langfristig, über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten, fanden die Autoren Hinweise auf etwas geringere Schmerzen, basierend auf acht Studien mit 873 Teilnehmenden. Der Unterschied fiel jedoch gering aus bei mäßiger Evidenzsicherheit.

Die Übersichtsarbeit hält fest, dass ergonomische Maßnahmen weniger wirksam als Bewegung sind, auch wenn in Untergruppen wie bei Rotatorenmanschetten-Tendinitis kleine Vorteile möglich seien. Keine der 20 ausgewerteten Studien war frei von möglichen Verzerrungen; Aussagen zur reinen Vorbeugung ließen sich nicht treffen, da ausschließlich Personen mit vorbestehenden Beschwerden untersucht wurden.

Dauer der Telearbeit als Faktor für körperliche Beschwerden

Ergänzende Erkenntnisse liefert eine Untersuchung der chilenischen Universidad Católica del Maule unter Leitung von Dr. Jorge Fuentes zu den Folgen von Telearbeit bei Universitätsakademikern.

Als Hauptfaktor für muskuloskelettale Beschwerden erwies sich dabei nicht die tägliche Arbeitsstundenzahl, sondern die kumulierte Dauer der Telearbeit über Monate hinweg. Mit der Zahl der Monate im Homeoffice stieg die Wahrscheinlichkeit für Schmerzen sowie die Anzahl der betroffenen Körperregionen.

Am stärksten betroffen waren Nacken, rechte Schulter, rechter Ellbogen, rechter Unterarm und rechtes Handgelenk. Variablen des Arbeitsstresses wiesen keinen statistisch signifikanten Zusammenhang mit den Schmerzen auf, weshalb das Forschungsteam biomechanische Ursachen vermutet. Regelmäßige körperliche Aktivität war hingegen mit einer geringeren Schmerzwahrscheinlichkeit verbunden.

Psychische Gesundheit und soziale Unterstützung im Homeoffice

Neben physischen Faktoren rücken die Rahmenbedingungen im Homeoffice für das psychische Wohlbefinden in den Fokus. Eine schwedische Studie von Paraskevi Peristera zeigte, dass für die psychische Gesundheit vor allem die Möglichkeit zur Heimarbeit entscheidend war, weniger deren reiner Umfang.

Beschäftigte, die die Option zum Homeoffice hatten, aber im Büro arbeiteten, wiesen die besten Werte auf. Bei Personen mit mindestens 25 Prozent Homeoffice-Anteil zeigte sich ein stärkerer Zusammenhang mit Angstgefühlen, während Technostress als klarer Risikofaktor identifiziert wurde.

Kündigungsabsichten wurden laut der schwedischen Untersuchung stärker durch geringe Arbeitszufriedenheit, fehlende soziale Unterstützung und Konflikte zwischen Arbeit und Privatleben bestimmt als durch hohe quantitative Arbeitsanforderungen. Diese Erkenntnisse decken sich mit der Bremer Untersuchung: Ohne verbindliche Leitplanken und teamübergreifenden Austausch droht die gewonnene Flexibilität zur gesundheitlichen Belastung zu werden.

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