Kinderschutz, Netz

Kinderschutz im Netz: EU plant Beweislastumkehr für Plattformen

Veröffentlicht: 14.07.2026 um 21:37 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Die EU-Kommission empfiehlt ein Drei-Stufen-Modell für den Netzzugang Minderjähriger und eine Beweislastumkehr für Plattformen.

EU-Kommission plant gestuften Kinderschutz im Netz
Ein stilisiertes, leuchtendes digitales Schild schützt den Kopf eines Kindes, überlagert von einem Netz aus Datenströmen. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Die Europäische Kommission will Kinder im Netz besser schützen – mit einem gestuften Zugangssystem und einer Beweislastumkehr für Plattformen. Ein Expertengremium übergab die Empfehlungen am 13. Juli an Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Nach der Sommerpause sollen konkrete Gesetzesentwürfe folgen.

Drei Stufen für den Netzzugang

Das vorgeschlagene Modell sieht differenzierte Altersgrenzen vor. Für Kinder unter drei Jahren empfiehlt die Expertengruppe, komplett auf Bildschirmzeit zu verzichten. In der Altersgruppe von drei bis 13 Jahren soll der Zugang nur unter elterlicher Aufsicht möglich sein. Ab 13 Jahren bis zur Volljährigkeit dürfen Jugendliche digitale Dienste nutzen – aber nur, wenn diese altersgerecht gestaltet sind und Schutzfunktionen bieten.

Der Knackpunkt: die Beweislastumkehr. Künftig müssten Anbieter proaktiv nachweisen, dass ihre Dienste für die jeweilige Altersgruppe sicher sind. Gefährliche Funktionen wie endloses Scrollen sollen für Minderjährige deaktiviert werden. Die EU reagiert damit auch auf laufende Verfahren gegen Meta und TikTok.

„Social Media Plus" – mehr als nur Netzwerke

Die Regulierung soll weit über klassische soziale Netzwerke hinausgehen. Unter dem Begriff „Social Media Plus" fasst die Kommission auch App-Marktplätze, Videospiele sowie KI-Systeme und Chatbots. Ziel: keine Fragmentierung durch nationale Alleingänge.

Frankreich führt ab September ein Verbot für unter 15-Jährige ein, Australien setzte bereits Ende 2025 eine Altersgrenze von 16 Jahren. Die EU strebt dagegen eine einheitliche Lösung an. Von der Leyen betonte die Fürsorgepflicht der Tech-Unternehmen: Soziale Medien seien kein Spielzeug.

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Kritik an Alterskontrollen

Für die Altersverifikation sind Systeme wie eine „Mini-Wallet" oder die europäische digitale Identität (EUDI-Wallet) im Gespräch, die ab 2027 breiter verfügbar sein soll. Verbraucherschützer kritisieren jedoch den Fokus auf pauschale Altersgrenzen. Das eigentliche Problem liege im Plattformdesign, nicht im Alter der Nutzer. Zudem drohten Datenschutz- und Überwachungsrisiken.

Auch aus der Wissenschaft kommt Widerstand. Über 400 Forscher warnten vor den Folgen flächendeckender Alterskontrollen. Kritiker weisen darauf hin, dass starre Verbote technisch oft umgangen werden können – Erfahrungen aus anderen Regionen zeigen das.

Cyber-Risiken: Die Sorgen der Europäer

Der Handlungsbedarf ist enorm. Laut einer Eurobarometer-Umfrage vom Juni 2026 fürchten sich 71 Prozent der Europäer vor Cybermobbing. Rund 70 Prozent haben Bedenken wegen Online-Grooming und schädlicher Inhalte. 63 Prozent der Befragten befürworten EU-weite Altersbeschränkungen.

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Experten des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit warnen vor exzessiver Nutzung. Passives, langes Scrollen – besonders nachts – könne psychische Belastungen verstärken. Warnsignale: Kontrollverlust, Schlafprobleme, Vernachlässigung sozialer Kontakte.

Die Dringlichkeit zeigt auch ein aktueller Fall: Mitte Juli 2026 wurden an einer Schule in Neuss pornografische Deepfake-Bilder einer Schülerin mit KI-Tools erstellt und verbreitet. Ein Vorabbericht zum Cybersicherheitsmonitor des BSI offenbarte zudem eine gefährliche Diskrepanz: 47 Prozent der Nutzer glauben, KI-Inhalte erkennen zu können – doch 32 Prozent haben noch nie eine Maßnahme zur Überprüfung ergriffen.

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