Pflegereform 2027: Entlastungsbetrag fällt weg, Kosten steigen
Veröffentlicht: 14.07.2026 um 12:39 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Besonders betroffen: Familien ohne paritätische Aufteilung der Elternzeit. Aber auch Pflegebedürftige müssen mit höheren Kosten rechnen.
Pflegeneuordnungsgesetz: Weniger Leistungen, höhere Eigenanteile
Der Referentenentwurf zum Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) sorgt für Unmut. Ab 2027 soll der monatliche Entlastungsbetrag von 131 Euro für Menschen mit Pflegegrad 1 wegfallen. Für die Pflegegrade 2 bis 5 ist ein neues Sozialraumbudget geplant – allerdings ohne Möglichkeit, nicht genutzte Mittel anzusparen.
„Das führt dazu, dass Leistungen verfallen, die nicht rechtzeitig abgerufen werden", warnen Experten. Das Problem: Viele Pflegebedürftige nutzen ihre Ansprüche nicht aus, weil sie die bürokratischen Hürden scheuen.
Gleichzeitig steigen die Kosten für die stationäre Pflege rasant. Seit Juli 2026 liegt der durchschnittliche Eigenanteil im Heim bei 3.364 Euro pro Monat – ein Plus von 119 Euro seit Jahresbeginn. Die regionalen Unterschiede sind enorm: In Bremen zahlen Pflegebedürftige mit 3.761 Euro am meisten, in Sachsen-Anhalt mit 2.891 Euro am wenigsten.
Milliardenloch bei den Pflegekassen
Die finanzielle Schieflage der Pflegeversicherung wird immer dramatischer. Für 2027 prognostizieren Experten ein Defizit von rund 7,6 Milliarden Euro. Die Lösung: Der Pflegebeitrag für Kinderlose soll auf 4,3 Prozent steigen.
Kein Wunder also, dass Pflegekräfte und Verbände die Reform scharf kritisieren. Sie fordern eine nachhaltige Finanzierung, die nicht zulasten der Pflegebedürftigen geht.
Gender Pay Gap: Milliardenverlust fĂĽr den Staat
Doch nicht nur in der Pflege gibt es Schieflagen. Die geschlechtsspezifische Lohnlücke hat auch handfeste fiskalische Folgen. Eine Analyse des Österreichischen Gewerkschaftsbundes zeigt: Würde die unbereinigte Lohnlücke von 16 Prozent geschlossen, kämen jährlich 9 Milliarden Euro zusätzlich an Steuern und Sozialabgaben in die Kassen. Für Frauen bedeutete das ein monatliches Netto-Plus von durchschnittlich 366 Euro.
Selbst eine Halbierung der Lücke würde noch 5,4 Milliarden Euro bringen. ÖGB-Präsident Katzian drängt daher auf eine schnelle Umsetzung der EU-Entgelttransparenzrichtlinie.
Der Entlastungsbetrag von 131 Euro fällt 2026 weg – und der Eigenanteil im Heim steigt auf durchschnittlich 3.364 Euro. Wer jetzt nicht handelt, verschenkt bares Geld. Unser kostenloser Ratgeber zeigt Ihnen Schritt für Schritt, wie Sie Ihre Ansprüche sichern und das neue Sozialraumbudget optimal nutzen. Jetzt kostenlosen Pflege-Ratgeber anfordern
Deutschland: Ost-West-Gefälle bei der Bezahlung
In Deutschland liegt der unbereinigte Gender Pay Gap bei 17,2 Prozent (Stand 2024). Besonders auffällig: Das Ost-West-Gefälle. In Westdeutschland verdienen Frauen fast viermal weniger als Männer, während die Lücke im Osten deutlich kleiner ist.
Extrembeispiele: Im Bodenseekreis beträgt der Unterschied 37 Prozent – in Dessau-Roßlau verdienen Frauen sogar 1,6 Prozent mehr als Männer. Die Ursachen: unterschiedliche Wirtschaftsstrukturen, Berufswahl und vor allem fehlende Kinderbetreuungsplätze.
RentenlĂĽcke: Frauen erhalten 43 Prozent weniger
Die Differenzen in der Erwerbsbiografie setzen sich im Alter fort. Deutsche Frauen bekommen im Durchschnitt 43 Prozent weniger Rente als Männer. Fachleute fordern daher Modelle zur paritätischen Elternzeit – etwa nach isländischem Vorbild mit je sechs Monaten pro Elternteil.
Finanzexpertinnen raten zu frühzeitiger Vorsorge. Ein Fachvortrag am 17. Juli 2026 in Hilden soll konkrete Möglichkeiten aufzeigen, die Rentenlücke zu schließen. Auch die herCAREER Expo im Oktober 2026 in München bietet Vernetzungsmöglichkeiten für Frauen in der Arbeitswelt.
Care-Arbeit zwischen Utopie und Realität
Die wissenschaftliche Debatte um Sorgearbeit gewinnt an Fahrt. Am 20. Juli 2026 erscheint eine Fachveröffentlichung von Elisabeth Conradi zur Care-Ethik. Bereits im Juni feierte das Harriet Taylor Mill-Institut der HWR Berlin sein 25-jähriges Bestehen – mit einer Keynote von Sabine Hark, die Sorge als zentrale feministische Utopie bezeichnete.
Auch die räumliche Dimension wird erforscht. Eine Projektgruppe der TU Dortmund untersucht die Care-Infrastruktur in Ostbevern und stellt die Ergebnisse am 22. Juli 2026 vor. Das Fachjournal „feministische studien" plant zudem ein Schwerpunktheft für Frühjahr 2027 zu transnationalen Care-Regimen – Beiträge können bis 30. August 2026 eingereicht werden.
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Kritische Stimmen: Überhöhung der Care-Debatte
Doch nicht alle sind begeistert von der aktuellen Diskussion. In einem Essay in der SĂĽddeutschen Zeitung warnte Philipp Bovermann Mitte Juli davor, dass der Care-Diskurs bestehende Strukturen eher verfestige als reformiere. Sein Beleg: die angekĂĽndigten KĂĽrzungen beim Elterngeld. Sie zeigten, wie wenig politischer RĂĽckhalt fĂĽr eine echte Umverteilung der Reproduktionsarbeit bestehe.
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