SAP-Betriebsrat: Machtwechsel in der Chefetage
01.05.2026 - 17:04:17 | boerse-global.de**
Die deutsche Arbeitswelt erlebt einen tiefgreifenden Umbruch. Am heutigen Tag der Arbeit, an dem Hunderttausende BeschĂ€ftigte fĂŒr ihre Rechte auf die StraĂe gingen, zeichnet sich ein neues Bild der Mitbestimmung ab. In den Chefetagen der BetriebsrĂ€te groĂer Technologie- und Autokonzerne setzen sich zunehmend KrĂ€fte durch, die den klassischen Gewerkschaften kritisch gegenĂŒberstehen.
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IG Metall verliert an Einfluss
Die wohl spektakulĂ€rste VerĂ€nderung vollzog sich am gestrigen Donnerstag bei SAP in Walldorf. Nathalie Boulay wurde zur neuen Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrats gewĂ€hlt. Sie löst Eberhard Schick von der IG Metall ab. Boulay gilt als gewerkschaftskritisch. Schick selbst fĂŒhrte die Niederlage auf eine wachsende Skepsis der Belegschaft gegenĂŒber traditionellen Gewerkschaftsstrukturen zurĂŒck.
Der Trend setzt sich fort: Bereits zuvor hatte die IG Metall bei Tesla in GrĂŒnheide keine Mehrheit erzielt. Dort siegte die unabhĂ€ngige Liste âGiga United" unter FĂŒhrung der Betriebsratsvorsitzenden Michaela Schmitz.
Zersplitterung bei VW
Auch innerhalb etablierter Gremien rumort es. Beim Volkswagen-Betriebsrat in Wolfsburg kam es gestern zur offenen Spaltung. FĂŒnf der zehn gewĂ€hlten Vertreter der Oppositionsliste um Frank Patta erklĂ€rten ihren Austritt. Sie wollen eine eigene Fraktion bilden. Die BegrĂŒndung: Es fehle an einer gemeinsamen Basis fĂŒr die Arbeit. Der Bruch kommt nur wenige Wochen nach den Betriebsratswahlen im MĂ€rz, die der Opposition zunĂ€chst RĂŒckenwind gegeben hatten.
Nicht ĂŒberall jedoch gibt es Konflikte. In Iserlohn grĂŒndeten BeschĂ€ftigte von Scheu-Dental mit UnterstĂŒtzung der IG Metall einen Betriebsrat. Mehr als 100 der 200 Wahlberechtigten beteiligten sich an der Wahl des Wahlvorstands â obwohl das Unternehmen den Initiator zuvor freigestellt hatte. Die Gewerkschaft wertet dies als EinschĂŒchterungsversuch. Bei den Stadtwerken Dinslaken wurde Heiko Feldkamp gestern als Betriebsratsvorsitzender bestĂ€tigt.
Stellenabbau: BetriebsrÀte schalten sich ein
Die Dringlichkeit aktiver Mitbestimmung zeigt sich in einer Welle angekĂŒndigter Stellenstreichungen. Der Betriebsrat von Rolls-Royce Power Systems warnte vor dem Abbau von bis zu 3000 Stellen. Otto will in Hamburg rund 460 Vollzeitstellen streichen, Unicredit plant den Abbau von bis zu 400 IT-Stellen in Deutschland. Bei Stellantis lĂ€uft der Personalabbau in der Entwicklung bei Opel in RĂŒsselsheim, und ZF setzt sein laufendes Sparprogramm fort.
FĂŒr den Konflikt um die geplante SchlieĂung des Zalando-Standorts Erfurt mit 2700 BeschĂ€ftigten wurde gestern ein Rettungsverfahren eingeleitet. Das Arbeitsgericht Erfurt setzte eine Einigungsstelle unter Vorsitz von Josef Molkenbur ein. Der Betriebsrat signalisierte weiterhin Verhandlungsbereitschaft.
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Auch bei BSH (Bosch) gibt es Bewegung. Der Betriebsrat legte gestern ein Rettungskonzept fĂŒr das Werk in Bretten vor. Es sieht den Ausbau der Dunstabzugshauben-Produktion vor und sichert die Fertigung von Herden bis mindestens 2030 zu. Das Management prĂŒft den Vorschlag, eine Entscheidung wird bis Mitte Mai erwartet. Anders sieht es im Werk Nauen aus: Dort ist die SchlieĂung der Waschmaschinen-Produktion bis Juni 2027 bereits beschlossen, ein Sozialplan steht.
Gerichte stÀrken Arbeitnehmerrechte
Mehrere Urteile des Bundesarbeitsgerichts (BAG) haben die rechtliche Position der BeschĂ€ftigten zuletzt gestĂ€rkt. Ein Urteil aus dem SpĂ€tsommer 2025 stellt klar: TeilzeitbeschĂ€ftigte dĂŒrfen bei ĂberstundenzuschlĂ€gen nicht schlechter behandelt werden als VollzeitkrĂ€fte. Starre Schwellenwerte fĂŒr ĂberstundenvergĂŒtungen sind unwirksam â sie mĂŒssen anteilig an die Arbeitszeit angepasst werden.
Ein weiteres BAG-Urteil vom September 2025 betrifft internationale Konzernstrukturen. Demnach kann der Einsatz auslĂ€ndischer FĂŒhrungskrĂ€fte in deutschen Betrieben der Zustimmung des Betriebsrats unterliegen â sofern diese in die lokale Organisation eingegliedert sind und den Weisungen des deutschen Arbeitgebers unterstehen.
Einkommenskluft wÀchst
Die juristischen Entwicklungen fallen in eine Zeit wachsender Ungleichheit. Eine heute von Oxfam veröffentlichte Studie zeigt: Die VorstandsgehĂ€lter in 25 der 40 DAX-Unternehmen sind seit 2019 um 56 Prozent gestiegen â auf durchschnittlich rund sieben Millionen Euro. Die inflationsbereinigten Löhne der BeschĂ€ftigten liegen dagegen noch immer unter dem Vorkrisenniveau.
Die Zahlen untermauern die Kernbotschaft der heutigen Mai-Kundgebungen des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Unter dem Motto âErst unsere Jobs, dann eure Profite" gingen Zehntausende auf die StraĂe.
Arbeitsmarkt kĂŒhlt sich ab
Der Druck auf die Arbeitnehmervertretungen wĂ€chst vor dem Hintergrund eines abkĂŒhlenden Arbeitsmarktes. Die Bundesagentur fĂŒr Arbeit meldete gestern fĂŒr April 3,008 Millionen Arbeitslose. Das sind saisonbereinigt 13.000 weniger als im Vormonat, aber 77.000 mehr als im April 2025. Die Arbeitslosenquote blieb bei 6,4 Prozent.
DGB-Chefin Yasmin Fahimi sprach heute auf der zentralen Kundgebung in NĂŒrnberg. Sie erteilte möglichen KĂŒrzungen bei Sozialleistungen, Rente und Gesundheit eine klare Absage. Fahimi lehnte die Abschaffung des Acht-Stunden-Tages ab und forderte eine Vermögenssteuer sowie einen höheren Spitzensteuersatz. Verdi-Chef Frank Werneke warnte parallel vor einem âAngriff auf den Sozialstaat".
Neue Wege der Mitbestimmung
Die Vielfalt der Organisationsmodelle wĂ€chst. Der Carsharing-Anbieter Teilauto in Leipzig stellte heute offiziell von einer GmbH auf eine Genossenschaft um. Es ist die erste Umwandlung dieser Art fĂŒr ein Carsharing-Unternehmen in Deutschland. Ziel ist es, das Unternehmen vor rein kapitalgetriebenen Interessen zu schĂŒtzen und die Mitgliederbeteiligung zu stĂ€rken.
Tarifkonflikte spitzen sich zu
Die kommenden Monate werden von schwierigen Tarifverhandlungen geprĂ€gt sein. Im Einzel- und Versandhandel in Rheinland-Pfalz begannen die GesprĂ€che fĂŒr rund 150.000 BeschĂ€ftigte am Dienstag. Auch die erste Runde fĂŒr den GroĂ- und AuĂenhandel in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern endete am Dienstag ohne Ergebnis. Die nĂ€chsten Treffen sind fĂŒr Ende Mai angesetzt.
Bei der Deutschen Telekom eskalierte der Konflikt bereits. Nach einer unbefriedigenden zweiten Verhandlungsrunde am vergangenen Montag beteiligten sich Tausende BeschÀftigte in der letzten Aprilwoche an Warnstreiks. Die Gewerkschaft fordert 6,6 Prozent mehr Lohn bei einer Laufzeit von zwölf Monaten.
Die groĂe Herausforderung bleibt die FlĂ€chendeckung. Bei einer Veranstaltung in Krefeld am gestrigen Donnerstag wiesen Gewerkschaftsvertreter darauf hin, dass nur rund sieben Prozent aller Unternehmen ĂŒberhaupt einen Betriebsrat haben. Ob das deutsche Modell der Mitbestimmung im Zeitalter der digitalen Transformation bestehen kann, wird sich daran entscheiden, ob es gelingt, auch in neuen Unternehmensstrukturen FuĂ zu fassen.
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