Deutschland, Einzelhandel

Sparsame Kunden, viele Sorgen: Einzelhandel in der Krise

Veröffentlicht: 14.07.2026 um 13:28 Uhr, dpa.de

ZurĂŒckhaltende Verbraucher und der Erfolg asiatischer Plattformen setzen dem Einzelhandel zu. Die Stimmung in der Branche hat sich weiter verschlechtert – eine Trendwende ist nicht in Sicht.

  • Viele Menschen zieht es zum Einkaufen nicht mehr so oft in die InnenstĂ€dte. - Bild: Daniel Vogl/dpa
    Viele Menschen zieht es zum Einkaufen nicht mehr so oft in die InnenstÀdte. - Bild: Daniel Vogl/dpa
  • Die chinesische Plattform Temu ist bei vielen Verbrauchern in Deutschland beliebt. - Bild: Hannes P Albert/dpa
    Die chinesische Plattform Temu ist bei vielen Verbrauchern in Deutschland beliebt. - Bild: Hannes P Albert/dpa
Viele Menschen zieht es zum Einkaufen nicht mehr so oft in die InnenstÀdte. - Bild: Daniel Vogl/dpa Die chinesische Plattform Temu ist bei vielen Verbrauchern in Deutschland beliebt. - Bild: Hannes P Albert/dpa

Die Kunden halten ihr Geld zusammen. FĂŒr den deutschen Einzelhandel ist das derzeit das grĂ¶ĂŸte Problem. 79 Prozent der HĂ€ndler nennen die KaufzurĂŒckhaltung als drĂ€ngendste Herausforderung, wie eine Umfrage des Handelsverbands Deutschland (HDE) unter 600 Unternehmen zeigt. Die Sparquote sei hoch, weil die Kunden nicht an die Zukunft glaubten, sagt HDE-PrĂ€sident Alexander von Preen. 

Trotz eines leichten AufwĂ€rtstrends ist die Konsumstimmung weiterhin stark getrĂŒbt, wie aktuelle Befragungen des HDE und des NĂŒrnberg Instituts fĂŒr Marktentscheidungen (NIM) zeigen. Die Verbraucherstimmung liege auf dem Stand des zweiten Corona-Lockdowns, sagt von Preen. «Die Situation ist noch dramatischer als sie es im eher bescheidenen Vorjahr bereits war.»

Zwei Dinge könnten die Kauflaune aus Sicht des Handelsverbands deutlich heben: ein Ende der internationalen Krisen, wie etwa im Iran, und steuerliche Entlastungen – also mehr Netto vom Brutto. 

Inflationsschock hallt nach

Die grĂ¶ĂŸte Sorge der Menschen hierzulande ist laut einer Studie der Unternehmensberatung Roland Berger die wirtschaftliche Lage. Im internationalen Vergleich fĂ€llt die EinschĂ€tzung in Deutschland demnach besonders kritisch aus. 51 Prozent bewerten die Situation negativ, nur 18 Prozent positiv. 

Ein Hauptgrund: die gestiegenen Preise. Die Inflation hat sich zuletzt zwar deutlich abgeschwĂ€cht, doch die Folgen der Teuerungswelle der Vorjahre sind im Alltag noch spĂŒrbar, vor allem beim Lebensmitteleinkauf. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind die Nahrungsmittelpreise seit 2020 im Schnitt um 37 Prozent gestiegen. 

Laut einer Analyse des Instituts fĂŒr Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung wurden die Kaufkraftverluste durch höheren Mindestlohn sowie Tarif- und Rentenerhöhungen inzwischen ausgeglichen. Dennoch fĂŒhle sich eine Mehrheit der Menschen immer noch schlechter aufgestellt als vor fĂŒnf Jahren. Viele schrĂ€nkten sich deshalb beim Konsum ein. 

Deutliches Wachstum nur im Onlinehandel erwartet

Die Krise trifft nicht alle gleich. Die UmsĂ€tze im stationĂ€ren Handel stagnieren laut HDE-Prognose 2026, der Onlinehandel legt hingegen deutlich zu. Real, also bereinigt um Preissteigerungen, wird ein Plus von 3,5 Prozent erwartet. Auf das Netz entfĂ€llt bereits etwa ein Siebtel der Erlöse im deutschen Einzelhandel – Tendenz steigend.

Das Internet hat die Konsumgewohnheiten grundlegend verĂ€ndert. Die VorzĂŒge sind vielfĂ€ltig: Online können Verbraucher sieben Tage rund um die Uhr einkaufen. Die Ware kommt schnell, teilweise schon am nĂ€chsten Tag, die Auswahl ist groß, Produkte kosten hĂ€ufig weniger und Preisvergleiche sind einfacher. Viele Menschen sparen sich auch mangels Zeit den Weg in die Innenstadt und die ParkgebĂŒhren. Was nicht gefĂ€llt, kann meist kostenlos zurĂŒckgeschickt werden. In etlichen Warengruppen – wie Bekleidung oder Elektronik – ist der Onlinekauf schon Standard.

Neben dem Branchenriesen Amazon spielen asiatische Plattformen eine wachsende Rolle. Auf Anbieter wie Temu, Shein und AliExpress entfielen im zweiten Quartal 5,3 Prozent der OnlinehandelsumsĂ€tze hierzulande – ein Rekordwert, wie der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland berichtet. Zwischen April und Juni steigerten die Portale ihre UmsĂ€tze im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als 20 Prozent auf gut 1,1 Milliarden Euro. Beliebt sind sie vor allem wegen ihrer niedrigen Preise.

Verbraucher kaufen trotz Bedenken

Der Preis ist Umfragen zufolge derzeit fĂŒr viele das wichtigste Kaufkriterium, SchnĂ€ppchen und Rabatte sind besonders begehrt. Viele bestellen trotz Bedenken bei der ProduktqualitĂ€t bei Temu und Shein, wie eine Studie des Marktforschungsunternehmens Appinio zeigt. Der extreme Preisreiz hebele Sorgen systematisch aus, heißt es. 

Das Forschungsinstitut IW Consult hat im Auftrag des HDE untersucht, wie stark Temu und Shein dem Einzelhandel zusetzen. Der Branche entgehen demnach jÀhrlich UmsÀtze in Höhe von 2,5 Milliarden Euro. Laut HDE entfÀllt etwa ein Drittel des Onlinewachstums 2026 auf Temu und Shein.

Vom hohen Preisbewusstsein profitieren auch Discounter. Anbieter wie Action oder Woolworth ĂŒbernehmen nach Angaben des Handelsforschungsinstituts IFH Köln in vielen Warengruppen zunehmend die Rolle des Fachhandels. Handelsexperte Kai Hudetz sieht einen «Verlust der Mitte». Das Preiseinstiegssegment sowie Premium- und Luxusangebote gewĂ€nnen an Bedeutung, mittlere Preislagen gerieten unter Druck.

Stimmung im Einzelhandel wird immer schlechter

Laut HDE-Umfrage geben 63 Prozent der HĂ€ndler an, ihre GeschĂ€ftslage habe sich im ersten Halbjahr verschlechtert. Vor einem Jahr waren es 51 Prozent. Zwei Drittel erwarten 2026 niedrigere UmsĂ€tze als im Vorjahr, lediglich 18 Prozent höhere. Jeder sechste EinzelhĂ€ndler fĂŒrchtet laut Ifo-Institut inzwischen um die Existenz, so viele wie nie zuvor. 

Die Zahl der Insolvenzen erreichte 2025 nach Angaben des Kreditversicherers Allianz Trade den höchsten Stand seit zehn Jahren. 2026 blieb das Niveau hoch, schwĂ€chte sich aber leicht ab. Der DekohĂ€ndler Depot und die Baumarktkette Hellweg stellten kĂŒrzlich InsolvenzantrĂ€ge. Zehntausende GeschĂ€fte schlossen bereits in den vergangenen Jahren, nicht nur insolvenzbedingt. Der HDE erwartet, dass die Zahl 2026 auf unter 300.000 sinkt. Ende 2015 waren es noch etwa 372.000. 

Knapp 80 Prozent der HĂ€ndler berichten laut HDE-Umfrage, dass ihre Kundenfrequenz in den vergangenen zwei Jahren gesunken ist. Um das stationĂ€re GeschĂ€ft zu beleben, fordert HDE-PrĂ€sident von Preen eine Lockerung der Regeln zu Sonntagsöffnungen. UnterstĂŒtzung kommt von der Deutschen Industrie- und Handelskammer. PrĂ€sident Peter Adrian spricht sich fĂŒr eine GrundgesetzĂ€nderung aus, um die Rechtslage fĂŒr verkaufsoffene Sonntage dauerhaft zu klĂ€ren.

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