Steuervergünstigungen 2026: Studie beziffert sie auf 76,5 Milliarden Euro
Veröffentlicht am: 08.10.2026 um 16:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die staatlichen Steuervergünstigungen in Deutschland fallen deutlich umfangreicher aus als im offiziellen Subventionsbericht der Bundesregierung ausgewiesen.
Zu diesem Ergebnis kommt die in Berlin vorgestellte Studie „Länderbericht zu Steuervergünstigungen“, die von Michael Thöne von der Universität zu Köln und Christian von Haldenwang vom German Institute of Development and Sustainability (IDOS) erarbeitet wurde.
Den Berechnungen auf Basis des Haushaltsentwurfs 2027 zufolge belaufen sich die Steuervergünstigungen für das Jahr 2026 auf 76,5 Milliarden Euro, nach 74,3 Milliarden Euro im Jahr 2025. Damit übertrifft das erfasste Volumen den Ausweis der Bundesregierung, die im Subventionsbericht lediglich 18,4 Milliarden Euro für den Bund anführt, um etwa das Vierfache.
Umsatzsteuerbefreiungen und Erbschaftsprivilegien als größte Posten
Die Untersuchung erfasst insgesamt 107 bezifferte Steuervergünstigungen sowie 52 weitere subventionsähnliche Tatbestände. Die Differenz zu den offiziellen Regierungsangaben rührt vor allem von nicht vollständig erfassten indirekten Vergünstigungen und sektoralen Sonderregelungen her, darunter Ausnahmen bei der Umsatzsteuer sowie Entlastungen bei Energiekosten.
Als finanziell gewichtigster Einzelposten schlägt die Umsatzsteuerbefreiung für medizinische Behandlungen zu Buche, die gesamtstaatlich Mindereinnahmen von 25,6 Milliarden Euro verursacht; auf den Bund entfallen davon 13,5 Milliarden Euro.
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Die Steuerprivilegien bei der Übertragung von Betriebsvermögen an Firmenerben beziffern die Autoren auf 8,8 Milliarden Euro. Ein weiterer bedeutender Betrag entsteht durch die steuerliche Anrechnung der Kirchensteuer mit 4,4 Milliarden Euro. Die reinen Finanzhilfen des Bundes beziffert der Subventionsbericht parallel dazu auf 77,8 Milliarden Euro.
Defizite bei Evaluierung und zeitlicher Befristung
Wie aus der IDOS/CEP-Buchveröffentlichung von Thöne und von Haldenwang hervorgeht, entsprechen die Steuervergünstigungen im Jahr 2026 einem Anteil von 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).
Die Angaben des Bundes bewegen sich seit einem Jahrzehnt unterhalb der Marke von 2,0 Prozent des BIP, während der globale Durchschnitt bei 4,0 Prozent liegt. Im Global Tax Expenditures Transparency Index erreicht Deutschland zwar Rang 6 von 116 Staaten, die Autoren weisen jedoch auf erhebliche Kontrolllücken im Detail hin.
So zeigt der 30. Subventionsbericht aus dem September 2025, dass in Anhang 2 von 107 Steuervergünstigungen lediglich 72 mit einer konkreten Schätzung der Mindereinnahmen versehen sind. Bei den 52 subventionsähnlichen Tatbeständen in Anhang 3 liegt nur für 18 eine entsprechende Bezifferung vor.
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Zudem wurden 50 der 107 Steuervergünstigungen – entsprechend 34 Prozent der quantifizierten Mindereinnahmen – bisher noch nie evaluiert. Unter Einbeziehung von Anhang 3 steigt der Anteil nicht evaluierter Regelungen auf 66 Prozent. Lediglich 17 der 107 Vergünstigungen sind zeitlich befristet, und nur für zwei existiert eine degressive Ausgestaltung.
Kritik an Umweltwirkungen und neuen Entlastungsmaßnahmen
Ein besonderes Augenmerk der Untersuchung gilt den ökologischen Effekten staatlicher Begünstigungen. Zwar belaufen sich die umweltbezogenen Steuervergünstigungen für 2026 auf 5,8 Milliarden Euro an Mindereinnahmen, doch stehen dem erhebliche Fehlanreize gegenüber: Das Umweltbundesamt (UBA) bezifferte umweltschädliche Steuervergünstigungen für 2018 auf 48,4 Milliarden Euro.
Laut einer Erhebung der Bertelsmann-Stiftung für 2024 machten klimaschädliche Vergünstigungen 47,3 Milliarden Euro aus, von denen 18,2 Milliarden Euro als teilweise schädlich eingestuft wurden.
Vor diesem Hintergrund mahnte Thöne mehr Transparenz an und kritisierte zugleich die geringe Effizienz kurzfristiger Eingriffe. Exemplarisch nannte der Ökonom den neuen Tankrabatt über eine Absenkung der Energiesteuer auf Benzin und Diesel, der falsche Signale setze und die steuerpolitische Zielgenauigkeit weiter schwäche.
