Tarifbindung: Nur 49% der Beschäftigten geschützt – Merz plant Reform
12.06.2026 - 02:01:55 | boerse-global.de
Das Treffen im Kanzleramt dauerte mehrere Stunden.
Neben Bundeskanzler Friedrich Merz und Vizekanzler Lars Klingbeil saßen Spitzenvertreter von Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften am Tisch. Konkrete Beschlüsse gab es nicht. Die Atmosphäre war nach Teilnehmerangaben konstruktiv.
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Die Beteiligten vereinbarten, den Dialog fortzusetzen. Der nächste Meilenstein: der Koalitionsausschuss am 1. Juli. Dort sollen die Eckpunkte für ein Gesetzespaket stehen. Ziel ist der Beschluss noch vor der Sommerpause Mitte Juli.
Merz wirbt für Reformkurs
Einen Tag später hielt Kanzler Merz eine Regierungserklärung. Sein Appell: Veränderungen mit Einschränkungen akzeptieren – oder Potenziale des Standorts verschenken. Die geplanten Maßnahmen betreffen neben dem Arbeitsmarkt auch die Sozialversicherungen, die Einkommensteuer und den Bürokratieabbau.
Besonders umstritten: die Arbeitszeit. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger fordert mehr Flexibilität, etwa eine Aufweichung des Acht-Stunden-Tages. DGB-Chefin Yasmin Fahimi warnt vor einer Schwächung der Arbeitnehmerrechte.
Tarifbindung auf Tiefstand
Eine aktuelle Studie des WSI zeigt den Druck auf die Tarifbindung. Nur noch 49 Prozent der Beschäftigten arbeiten in Unternehmen mit Tarifvertrag. Damit liegt Deutschland weit unter dem EU-Zielwert von 80 Prozent.
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Die EU-Mindestlohn-Richtlinie schreibt bei einer Quote unter 80 Prozent einen nationalen Aktionsplan vor. Deutschland gehört zu den sechs EU-Staaten, die diesen Plan bislang nicht vorgelegt haben. Die Frist lief bereits Ende 2025 ab.
Entgelttransparenz: Umsetzung verschoben
Auch bei der EU-Entgelttransparenzrichtlinie gibt es Verzögerungen. Die Umsetzung in nationales Recht, ursprünglich bis zum 7. Juni 2026 geplant, wurde auf 2027 verschoben. Fachanwälte raten Unternehmen dennoch, sich jetzt anzupassen.
Bestimmte Auskunftsansprüche und Transparenzpflichten in Bewerbungsverfahren lassen sich bereits unionsrechtskonform auslegen. Empfehlung: In Vorstellungsgesprächen künftig nicht mehr nach dem aktuellen Gehalt fragen.
Sozialsysteme unter Druck
Die Reformnotwendigkeit zeigt sich besonders bei den Sozialkassen. Allein die Rentenkasse benötigt 2026 einen Bundeszuschuss von rund 120 Milliarden Euro. Der Gesamthaushalt liegt bei 524 Milliarden Euro.
Eine Rentenkommission soll bis Ende Juni Vorschläge zur langfristigen Finanzierung vorlegen. Die Positionen sind klar: Arbeitgeber fordern eine Anpassung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung. Die Gewerkschaften setzen auf alternative Modelle wie eine arbeitgeberfinanzierte Betriebsrente oder die Einführung einer Vermögensteuer.
