23 Millionen Deutsche leiden unter chronischen Schmerzen – System überfordert
07.05.2026 - 20:01:28 | boerse-global.de
Rund 23 Millionen Menschen sind betroffen, vier Millionen davon schwer. Medizinerverbände und Forschungseinrichtungen schlagen Alarm – und fordern einen grundlegenden Wandel in der Behandlung.
Neue Qualitätsstandards für die Hausarztpraxis
Ein zentraler Baustein der Verbesserung kommt aus der ambulanten Versorgung. Der AOK-Bundesverband und das Göttinger aQua-Institut haben den neuen QISA-Praxisleitfaden (Themenband C5) vorgestellt. Er richtet sich speziell an Hausärzte und definiert 13 Qualitätsindikatoren für die Behandlung chronischer Schmerzen ohne Krebserkrankung.
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„Unser Ziel ist es, schmerzbedingte Einschränkungen durch evidenzbasierte Behandlungskonzepte zu reduzieren“, sagt Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands. Die Indikatoren entstanden im Rahmen des RELIEF-Projekts, das vom Bundesforschungsministerium gefördert wird und bis 2027 läuft. Die Universität Heidelberg leitet das Vorhaben, das die Lücke zwischen klinischen Leitlinien und der täglichen Praxis schließen soll.
Der Deutscher Ärztetag hatte bereits im Mai 2025 festgestellt, dass die bestehende Infrastruktur nicht ausreicht, um den Bedarf der Bevölkerung zu decken. Die Qualität und Quantität der Schmerzversorgung sei nicht gesichert.
Operationen auf dem Prüfstand – Neue Wege in der Pharmakologie
Eine finnische Langzeitstudie, veröffentlicht im New England Journal of Medicine, stellt gängige Operationspraktiken infrage. Die Fidelity-Studie zeigt: Die partielle Meniskusresektion – ein häufiger Knieeingriff – bietet bei degenerativen Schmerzen keinen Vorteil gegenüber nicht-operativen Methoden. Nach zehn Jahren berichteten operierte Patienten sogar über mehr Beschwerden und einen schnelleren Gelenkverschleiß. Die Autoren sprechen von einem medizinischen Wendepunkt: Operationen sollten akuten Verletzungen vorbehalten bleiben.
Im pharmakologischen Bereich eröffnen sich neue Perspektiven. Das französische Unternehmen 4Moving Biotech testet GLP-1-Analoga – ursprünglich als Abnehm-Medikamente bekannt – gegen Kniearthrose. Nach einer Finanzierungsrunde über zwölf Millionen Euro im Februar 2026 treibt die Firma eine Phase-2a-Studie voran. Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat bereits grünes Licht gegeben. Ein Markteintritt vor 2030 gilt als möglich.
Klinische Analysen aus dem Januar 2026 (Fachblatt RMD Open) belegen zudem: Biologika wie Upadacitinib und Adalimumab können selbst dann signifikante Schmerzlinderung bei Rheuma-Patienten bewirken, wenn sichtbare Entzündungen bereits abgeklungen sind.
Long Covid und ME/CFS: 64 Milliarden Euro volkswirtschaftlicher Schaden
Am heutigen Donnerstag hat die Delegiertenkonferenz des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) Alarm geschlagen. Sie fordert dringende Maßnahmen zur Schließung der Versorgungslücken bei postinfektiösen Erkrankungen – darunter Long Covid, Post-Vac-Syndrom und ME/CFS.
Die Zahlen sind erschreckend: Rund 1,4 Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen. Die volkswirtschaftlichen Kosten beliefen sich 2025 auf etwa 64,4 Milliarden Euro – das entspricht 1,44 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
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Der BDP kritisiert die massive Kluft zwischen Forschungsergebnissen und der Versorgungsrealität. Besonders dramatisch ist die Lage bei den schätzungsweise 650.000 ME/CFS-Patienten in Deutschland. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Verband der Diabetes-Beratungs- und Schulungsberufe (VDBD) haben einen Fünf-Punkte-Plan vorgelegt. Er setzt auf ein ganzheitliches Krankheitsverständnis, individuell angepasste Aktivitätsniveaus („Pacing“) und vereinfachte Therapiepläne.
Die Interdisziplinäre Multimodale Schmerztherapie (IMST) – ein zentrales Behandlungsangebot – wird bundesweit nur in etwa 370 Klinikiken angeboten. Die Wartelisten sind lang.
Neue Erkenntnisse aus der EntzĂĽndungsforschung
Die Wissenschaft entschlüsselt zunehmend die biologischen Mechanismen chronischer Entzündungen. Eine am 6. Mai in Science Advances veröffentlichte Studie an Mäusen zeigt eine wechselseitige Interaktion zwischen blutbildenden Stammzellen und Treg-Zellen, die die Blutbildung bei chronischer Entzündung schützt. Forscher des Karolinska-Instituts identifizierten zeitgleich in Immunity mindestens drei separate Entzündungsprogramme im Dickdarm – ein möglicher Ansatzpunkt für Therapien bei Colitis ulcerosa und Morbus Crohn.
Eine Studie der Karl Landsteiner Universität (Fachblatt Journal of Clinical Medicine, 2026) warnt vor mikrobiellen Kontaminationen in Brustimplantaten. Bei 631 untersuchten Proben lag die Komplikationsrate bei entzündetem Gewebe bei 65,5 Prozent – gegenüber 21,3 Prozent ohne Entzündung.
Auch die Ernährung spielt eine Schlüsselrolle. Eine Metaanalyse der University of Warwick belegt: Pflanzliche Kost senkt den C-reaktiven Proteinspiegel (CRP) – einen zentralen Entzündungsmarker – um durchschnittlich 1,13 mg/L. Besonders wirksam ist die Kombination mit regelmäßiger Bewegung.
System in der Krise: Weniger Ärzte, mehr Patienten
Der demografische Wandel verschärft die Lage. In Österreich zeigt der Rheumatologie-Report II: Etwa ein Viertel der Bevölkerung leidet an rheumatischen Erkrankungen, doch die Zahl der Fachärzte sinkt. 2025 waren nur 32 Kassenrheumatologen verfügbar – 45 Prozent aller Rheumatologen sind über 55 Jahre alt.
In Deutschland sind die wirtschaftlichen Folgen enorm. Die 64,4 Milliarden Euro jährlicher Kosten durch postinfektiöse Syndrome umfassen sowohl direkte medizinische Ausgaben als auch indirekte Kosten wie Produktivitätsausfälle. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat zwar Off-Label-Anwendungen wie Metformin zur Long-Covid-Prophylaxe bei übergewichtigen Patienten zugelassen. Doch für Krankheiten wie ME/CFS fehlen weiterhin zugelassene Therapien.
Ausblick: Was sich bis 2030 ändern muss
Mehrere Langzeitprojekte könnten die Schmerzversorgung grundlegend verändern. Das RELIEF-Projekt entwickelt bis 2027 Indikatoren für die Hausarztpraxis. Die Forschungsgruppe „nature4HEALTH“ in Jena untersucht bis Dezember 2026 natürliche Wirkstoffkombinationen gegen chronische Entzündungen – gefördert mit knapp einer Million Euro.
Während pharmazeutische Innovationen wie GLP-1-Analoga gegen Arthrose frühestens 2030 auf den Markt kommen könnten, liegt der Fokus derzeit auf besserer Patientenkommunikation und Früherkennung. Initiativen wie der „Ampeltest“ für opiatbedingte Verstopfung und regionale Patientenfören – etwa am 7. Mai am Universitätsklinikum Jena – sollen die tägliche Symptombewältigung verbessern. Bis zu echten therapeutischen Durchbrüchen bleibt der Leidensdruck für Millionen Patienten hoch.
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