Bewegung als Therapie: Forscher fordern individuelle Trainingsrezepte für Patienten
Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 13:53 Uhr | Redaktion boerse-global.deKörperliche Aktivität wird in der medizinischen Praxis häufig als allgemeine Empfehlung für einen gesunden Lebensstil thematisiert. Wissenschaftler plädieren nun dafür, dieses Paradigma grundlegend zu ändern: Carl Zhou und Nicholas Fabiano von der University of Ottawa sowie Stanley Wong von der University of Toronto fordern in einem begutachteten Diskussionsbeitrag in der Fachzeitschrift Brain Health, Bewegung künftig als strukturierte und individuell angepasste medizinische Behandlung zu verschreiben.
Strukturierte Verordnung über die Muskel-Gehirn-Achse
Eine solche ärztliche Verordnung sollte nach Ansicht der Autoren präzise Parameter festlegen. Dazu zählen Art, Frequenz, Intensität und Dauer der Einheiten sowie konkrete Angaben zu Sicherheitsaspekten und zur Nachsorge. Dabei müsse die Schwelle für Betroffene nicht zwingend hoch liegen: Ein Einstieg in die Bewegung sei bereits mit einem fünfminütigen Spaziergang realisierbar.
Als zentralen physiologischen Wirkungsmechanismus beschreiben Zhou, Fabiano und Wong die sogenannte Muskel-Gehirn-Achse. Bei körperlicher Aktivität setzen die Muskeln Myokine frei. Diese Botenstoffe nehmen Einfluss auf Stoffwechselpfade, Entzündungsprozesse sowie neuroendokrine Vorgänge und fördern das Nervenzellwachstum.
Spezifische medikamentöse Alternativen, sogenannte Exercise-Mimetika, betrachten die Forscher dabei lediglich als unterstützende Maßnahme (Adjuvans) und nicht als Ersatz für physische Aktivität.
Belastbare Daten für Kognition und psychische Erkrankungen
Die Forderung nach einer gezielten therapeutischen Nutzung stützt sich auf klinische Vorarbeiten. Eine randomisierte Studie unter der Leitung von Erickson aus dem Jahr 2011 zeigte, dass aerobes Training bei älteren Erwachsenen das Volumen des anterioren Hippocampus vergrößern und Gedächtnisleistungen verbessern kann.
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Eine Netzwerk-Metaanalyse aus dem Jahr 2024 belegte zudem, dass Modalitäten wie Gehen, Joggen, Yoga und Krafttraining Symptome einer Depression reduzieren, wobei höhere Intensitäten mit größeren Effekten einhergingen.
Hinsichtlich der Dosierung zeichnen sich gesundheitliche Vorteile bereits ab etwa 75 Minuten moderater Aktivität pro Woche ab – dies entspricht rund der Hälfte des Umfangs, den die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt. Die Richtlinie der WHO für Erwachsene sieht wöchentlich 150 bis 300 Minuten moderate oder 75 bis 150 Minuten intensive Aerobik vor, ergänzt durch Krafttraining an mindestens zwei Tagen.
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Für Krankheitsbilder wie Schizophrenie und andere schwere psychische Leiden vermuten Zhou, Fabiano und Wong ein Potenzial, da Bewegung gleichzeitig auf psychiatrische Symptome, kognitive Fähigkeiten und die körperliche Gesundheit einwirken könne.
Allerdings merken die Forscher an, dass die Evidenzbasis hierfür derzeit begrenzt sei und auf kleineren Studien basiere. Zudem warnen sie davor, Bewegung rein formal zu verordnen, ohne den tatsächlichen Zugang zu solchen Programmen zu gewährleisten, da dies bestehende Ungleichheiten vergrößern könne.
Differenzierte Einordnung weiterer Forschungsinstitutionen
Andere wissenschaftliche Stellen teilen die grundsätzliche Einschätzung des therapeutischen Potenzials, betonen jedoch methodische Grenzen. Die Organisation Alzheimer's Research UK weist darauf hin, dass die Datenlage zum Demenzrisiko überwiegend auf Beobachtungsstudien beruhe und körperliche Aktivität daher keinen garantierten Schutz vor neurodegenerativen Erkrankungen darstelle.
Ein wissenschaftlicher Übersichtsartikel der Hungarian University of Sports Science in der Fachzeitschrift Annual Review of Medicine ordnet Sport ebenfalls als adjuvante Therapie bei psychischen Erkrankungen ein. Eine robuste Evidenz liege vor allem für aerobes Training bei Depressionen vor, während auch die Daten zu Angstzuständen und posttraumatischen Belastungsstörungen zunehmen.
Dass Bewegung im klinischen Alltag dennoch nur begrenzt als Therapie genutzt werde, liege an erheblichen individuellen Unterschieden beim Ansprechen, der Notwendigkeit einer dauerhaften Durchführung sowie Uneinigkeit über die exakten therapeutischen Mechanismen. Zukünftige Untersuchungen müssten diese personenspezifischen Unterschiede systematisch analysieren.
