Chronische Schmerzen: Schlafstörungen betreffen bis zu 80 Prozent der Patienten
Veröffentlicht am: 01.11.2026 um 11:00 Uhr | Redaktion boerse-global.deAktuelle Fachberichte und Studien untersuchen eingehend, wie eng das menschliche Schmerzerleben mit psychologischen Faktoren verknüpft ist. Bei der Entstehung und Aufrechterhaltung chronischer Schmerzen spielen seelische Belastungen eine zentrale Rolle, weshalb multimodale Ansätze und verhaltenstherapeutische Strategien für die Alltagsbewältigung von Betroffenen zunehmend in den Mittelpunkt rücken.
Die Wandlung vom Symptom zum eigenständigen Krankheitsbild
Hält ein Schmerz länger als drei Monate an, gilt er laut Ulrike Kaiser vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein als chronisch. In solchen Fällen verändert sich der Charakter des Leidens grundlegend: Wie Christiane Hermann von der Universität Gießen darlegt, ist bei chronischem Schmerz der Schmerz selbst zur eigentlichen Krankheit geworden.
Dabei wirken psychologische Mechanismen oft als Verstärker. Dauerhafter Stress führt zu einer gesteigerten Schmerzwahrnehmung. Ebenso können Depressionen das Schmerzempfinden verstärken, während negative, katastrophisierende Gedanken gezielt Beschwerden wie Rückenschmerzen intensivieren.
Wechselwirkung zwischen Schlafstörungen und Schmerzempfindlichkeit
Ein wesentlicher Faktor im Kreislauf chronischer Beschwerden ist der Schlaf. Nach Angaben der Deutschen Schmerzgesellschaft leiden bis zu 80 Prozent der Patienten mit chronischen Schmerzen an Schlafstörungen, was sich mit allgemeinen Umfragen deckt, die diesen Anteil auf rund drei Viertel beziffern.
Anke Diezemann-Prössdorf vom Deutschen Schmerz-Zentrum Mainz erklärt hierzu, dass Schlafmangel die körpereigene Schmerzhemmung beeinträchtigt und die Schmerzempfindlichkeit weiter anhebt. Langzeitstudien mit mehr als 60.000 Probanden belegen zudem, dass ein verschlechterter Schlaf das Risiko für spätere Schmerzerkrankungen messbar steigert.
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Als Methode der ersten Wahl bei chronischer Insomnie gilt die kognitive Verhaltenstherapie, die auch bei chronischen Schmerzsyndromen eingesetzt wird. Fachleute empfehlen begleitend Maßnahmen wie Stimuluskontrolle, Schlafrestriktion, feste Aufstehzeiten, körperliche Bewegung, ein ruhiges Abendritual sowie den Verzicht auf übermäßigen Konsum von Alkohol und Koffein.
Neurobiologische Muster und multimodale Behandlungsansätze
Wie tief chronische Beschwerden im Gehirn verankert sind, verdeutlichte eine am 5. Oktober 2026 im Fachjournal British Journal of Anaesthesia publizierte Untersuchung der University of California San Diego.
Bei 114 Patienten mit chronischen Lendenwirbelsäulenschmerzen zeigte sich, dass bewegungsinduzierter Schmerz die Aktivität im sogenannten Ruhezustandsnetzwerk (Default Mode Network) steigerte, während ein akuter Hitzereiz die Aktivität dämpfte. Studienleiter Fadel Zeidan wies darauf hin, dass eine bloße Fixierung auf reine Symptombefreiung nicht die eigentliche Quelle chronischer Schmerzen treffe.
Zur Bewältigung im Alltag gelten das Ersetzen negativer Denkmuster, Achtsamkeit, Entspannung, Bewegung und eine fundierte Schmerzpsychotherapie als wirksam. Ergänzend dazu zeigte eine Metaanalyse in BMC Psychology mit 787 Schmerzpatienten, dass 20 Minuten Musikhören Schmerzintensität und depressive Symptome mindern können. Auch für Massagen weist eine Analyse von 67 Studien moderate Verbesserungen der Schmerzstärke nach.
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Relevanz in der pädiatrischen Versorgung
Die Problematik betrifft nicht nur Erwachsene. In Deutschland leiden mehr als 500.000 Kinder und Jugendliche unter chronischen Schmerzen. Für ihre Forschung in diesem Bereich erhielt die Psychologin Amelie Schmidt vom Deutschen Kinderschmerzzentrum Datteln auf dem Deutschen Schmerzkongress in Mannheim den mit 7.000 Euro dotierten Förderpreis für Schmerzforschung der Deutschen Schmerzgesellschaft.
Ihre Untersuchung zur Begleitung über eine Feedback-Anwendung unterstreicht den hohen Stellenwert einer kontinuierlichen therapeutischen Unterstützung bei der Reduktion von Angst und Depressivität bei jungen Patienten.
