Demenzrisiko: 50 Prozent des kognitiven Abbaus gelten als vermeidbar
Veröffentlicht am: 18.10.2026 um 21:13 Uhr | Redaktion boerse-global.deVerlegte SchlĂŒssel, ein plötzlich entfallener Name oder der kurze Moment der Ratlosigkeit beim Betreten eines Zimmers sorgen bei vielen Menschen fĂŒr Verunsicherung.
Fachleute betonen jedoch, dass solche PhĂ€nomene meist auf MĂŒdigkeit und einen Mangel an Aufmerksamkeit zurĂŒckzufĂŒhren sind und nicht zwingend auf eine Demenzerkrankung hinweisen. Dennoch bleibt eine prĂ€zise fachliche Abgrenzung wichtig, um ernstere neurodegenerative Entwicklungen frĂŒhzeitig zu erkennen.
Konzentrationsprobleme statt GedÀchtnisverlust
Dr. Celal ?alçini, Neurologe am NP?STANBUL-Krankenhaus der ĂskĂŒdar-UniversitĂ€t, erklĂ€rt, dass PhĂ€nomene wie die alltĂ€gliche Vergesslichkeit oft durch ĂbermĂŒdung oder fehlenden Fokus entstehen. Chronischer Stress und Schlafmangel beeintrĂ€chtigen ĂŒber das Hormon Cortisol den Hippocampus sowie die GedĂ€chtnisverarbeitung. Zudem verhindere unzureichender Schlaf die nĂ€chtliche GedĂ€chtnisreinigung.
Bei sogenanntem Gehirnnebel kehre eine vergessene Information meist zurĂŒck, sobald ein Hinweis gegeben werde. Bei einer Alzheimer-Erkrankung sei diese Information dagegen gelöscht. Dies spreche eher fĂŒr eine temporĂ€re kognitive Ăberlastung als fĂŒr eine Demenz, stelle aber keinen sicheren diagnostischen Test dar.
Eine einzelne VerhaltensauffĂ€lligkeit belegt laut ?alçini noch keine Demenzerkrankung. Ungewöhnliche Ablageorte, wie etwa ein BĂŒgeleisen im KĂŒhlschrank, sollten bei wiederholtem Auftreten jedoch neurologisch abgeklĂ€rt werden.
Auch Dr. Tommy Wood von der UniversitÀt Washington hebt hervor, dass Informationen bei Stress und Schlafmangel zwar gespeichert werden, der Abruf jedoch erschwert sei. Bei neurodegenerativen Erkrankungen hingegen werde die Information gar nicht erst kodiert. MUDr. Jakub Trizuljak von GHC Genetics bestÀtigt, dass alltÀgliches Vergessen hÀufig darauf beruht, dass Informationen durch Hektik oder Multitasking gar nicht im GedÀchtnis abgelegt werden.
Reversible Ursachen und Lebensstilfaktoren
GedÀchtnisprobleme sind nicht automatisch gleichbedeutend mit Demenz. Dr. Tommy Wood verweist darauf, dass behandelbare Faktoren wie ein Mangel an Vitamin B12 und Vitamin B1, eine Hypothyreose, Nebenwirkungen von Medikamenten sowie Depressionen und AngstzustÀnde Àhnliche Symptome hervorrufen können.
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Forschungsergebnissen zufolge seien ĂŒber die HĂ€lfte beziehungsweise 50 % der FĂ€lle kognitiven Abbaus durch Ănderungen des Lebensstils vermeidbar. Als Risikofaktoren nennt Wood unter anderem Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen sowie Hör- und Sehverlust.
In Bezug auf genetische Faktoren erlĂ€utert Jakub Trizuljak, dass die Variante ?4 des Gens APOE zwar das Risiko fĂŒr Alzheimer erhöht, die Erkrankung jedoch nicht zwangslĂ€ufig auslöst; viele TrĂ€ger dieser Variante erkranken nie.
Warnzeichen und diagnostische Kriterien
Eine medizinische AbklĂ€rung wird unumgĂ€nglich, wenn BeeintrĂ€chtigungen den Alltag dominieren. Nach Angaben von Celal ?alçini zĂ€hlen dazu das vollstĂ€ndige Vergessen kĂŒrzlich gefĂŒhrter GesprĂ€che, das stĂ€ndige Wiederholen derselben Fragen, das Verirren an vertrauten Orten und die UnfĂ€higkeit, alltĂ€gliche Aufgaben wie Rechnungsbegleichungen, Kochen oder Körperpflege selbststĂ€ndig zu bewĂ€ltigen.
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Lukas Kunz, Neurowissenschaftler am UniversitÀtsklinikum Bonn, rÀt zu einer Àrztlichen Untersuchung, wenn Vergesslichkeit neu auftritt, zunimmt oder Absprachen vergessen werden. Treten plötzlich ausgeprÀgte VerwirrtheitszustÀnde auf, sei eine sofortige AbklÀrung notwendig.
Zur StÀrkung der GedÀchtnisleistung empfiehlt Kunz aktives Abrufen, verteiltes Lernen sowie Schlaf, Bewegung und soziale Kontakte, wenngleich dies keinen garantierten Schutz vor Demenz biete.
Auch die Forscher Charan Ranganath von der UC Davis und Andrew Budson von der Boston University betonen, dass das Nicht-Erinnern von Routinen normal sei, wĂ€hrend das Vergessen von Begegnungen oder eines erst vor einer Stunde gefĂŒhrten GesprĂ€chs als klares Warnsignal gilt.
