Demenzrisiko, Sehschwäche

Demenzrisiko: Sehschwäche erhöht es laut Studie um bis zu 57 Prozent

Veröffentlicht am: 15.10.2026 um 18:36 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Internationale Studien zeigen höhere Erkrankungsraten bei Frauen und in Ländern mit niedrigerem Einkommen; Sehvermögen und Gefäßrisiken sind ebenfalls relevant.
Ein minimalistischer, lichtdurchfluteter Raum mit sanften Schattenwürfen auf einer leeren Wand, der Ruhe und Zeitlichkeit vermittelt. Illustration mit AI erstellt.

Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen widmen sich verstärkt den geschlechtsspezifischen Unterschieden, dem Einfluss sensorischer Einschränkungen wie verminderter Sehkraft sowie der Dringlichkeit systematischer Präventionsmaßnahmen in alternden Gesellschaften. Weltweite Erhebungen verdeutlichen dabei sowohl epidemiologische Ungleichheiten als auch konkrete Hebel für den Erhalt der kognitiven Gesundheit.

Deutliche Unterschiede nach Geschlecht und Einkommen

Eine am 12. Oktober 2026 in JAMA Neurology veröffentlichte internationale Untersuchung des COSMIC-Konsortiums und des Center for Healthy Brain Ageing (CHeBA) der University of New South Wales (UNSW) zeichnet ein präzises Bild der weltweiten Krankheitslast.

Unter der Erstautorin Ashleigh Vella wurden gepoolte Einzeldaten von 38.418 Personen aus 22 Altersstudien in 18 Ländern auf sechs Kontinenten ausgewertet. Über einen Beobachtungszeitraum von 287.632 Personenjahren entwickelten 3.001 Teilnehmende eine Demenz. Die alters- und geschlechtsstandardisierte Rate betrug 9,7 pro 1.000 Personenjahre (Bereich 7,89–11,97).

Dabei traten deutliche Diskrepanzen zutage: Frauen wiesen mit 10,6 pro 1.000 Personenjahre (Bereich 8,61–13,11) eine höhere Inzidenz auf als Männer mit 8,6 (Bereich 6,94–10,72).

In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen lag der Wert bei 13,6 (Bereich 9,67–19,24) gegenüber 8,3 (Bereich 6,57–10,54) in Hocheinkommensländern, wobei sich die statistischen Bereiche überlappen.

Weltweit leben derzeit über 57 Millionen Menschen mit einer Demenz; bis zum Jahr 2050 wird ein Anstieg auf rund 150 Millionen prognostiziert. Bei gleichbleibenden Inzidenzraten erwarten die Forschenden bis 2050 einen jährlichen Zuwachs von 24,7 Millionen Neuerkrankungen – mehr als eine Verdopplung gegenüber 11,4 Millionen im Jahr 2023. Der Co-Direktor des CHeBA, Professor Perminder Sachdev, bezeichnete die Raten in einkommensschwächeren Regionen angesichts der raschen Alterung und geringerer Ressourcen für Prävention, Diagnose und Pflege als besorgniserregend.

Die Ursachen seien noch nicht abschließend bestimmt, basierten aber vermutlich auf einem Zusammenspiel aus gesundheitlichen, sozialen, wirtschaftlichen und Umweltfaktoren. Laut ABRAz entfallen rund 60 Prozent der Demenzfälle auf die Alzheimer-Krankheit, während allgemeine Schätzungen von 60 bis 70 Prozent ausgehen. Zudem erbringen Frauen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation rund 70 Prozent der weltweiten Pflegezeit für Demenzerkrankte.

Auf nationaler Ebene zeigt der Österreichische Demenzbericht 2025 der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) eine ähnliche Verteilung: Rund 170.000 Menschen leben in Österreich mit einer demenziellen Erkrankung, zwei Drittel davon Frauen. Bis 2050 könnte diese Zahl laut Alzheimer Europe auf etwa 290.000 steigen.

Risikoprofile und vaskuläre Schwellenwerte

Die biologischen und klinischen Mechanismen hinter den geschlechtsspezifischen Unterschieden wurden auch im Dementia Risk Prediction Project beleuchtet. In einer 2026 in Neurology Open Access erschienenen Arbeit auf Basis von 43.973 demenzfreien Erwachsenen lag das 10-Jahres-Demenzrisiko in der Validierungsstichprobe bei Frauen bei 7,3 Prozent und bei Männern bei 6,2 Prozent.

Die Analyse ergab unterschiedliche Prädiktoren: Während das Apolipoprotein E (APOE) bei Frauen stärker ins Gewicht fiel, war es bei Männern ein vorangegangener Schlaganfall. Zudem zeigte sich bei Frauen bereits ab einem systolischen Blutdruck von rund 130 mm Hg ein erhöhtes Risiko, während dieser Schwellenwert bei Männern bei etwa 150 mm Hg lag.

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Die Bedeutung vaskulärer Faktoren bestätigt auch die ARIC-Studie (veröffentlicht am 5. August 2026 in Neurology). Die Auswertung von 12.400 Personen über einen medianen Beobachtungszeitraum von 26,3 Jahren ergab, dass Menschen ohne die drei Risikofaktoren Bluthochdruck, Diabetes mellitus und Rauchen zwischen dem 55. und 95. Lebensjahr im Schnitt 30,1 Jahre demenzfrei blieben – rund 12,6 Jahre länger als jene, die alle drei Faktoren aufwiesen (17,5 Jahre).

Eine weitere Arbeit unter Erstautor Raed A. Joundi zeigte 2026 in Neurology, dass nach einer transitorischen ischämischen Attacke (TIA) innerhalb von durchschnittlich sieben Jahren jeder fÜnfte Betroffene eine Demenz entwickelte.

Hinsichtlich hormoneller und metabolischer Aspekte analysierte eine am 13. Oktober 2026 im Journal of the Endocrine Society publizierte Übersichtsarbeit das Syndrom des polyzystischen Ovars (PMOS, ehemals PCOS).

Erstautorin Mina Amiri verwies auf uneinheitliche Datenlagen zwischen Kohorten- und Biobank-Studien, die sich vor allem durch methodische Differenzen sowie Stoffwechselfaktoren wie Adipositas und Insulinresistenz erklären ließen; routinemäßige Demenz-Früherkennungen allein aufgrund einer PMOS-Diagnose seien demnach nicht angezeigt.

Sinnesbeeinträchtigungen und gezielte Prävention

Zunehmend rückt auch die sensorische Gesundheit in den Fokus der Demenzforschung. Eine 2026 im Fachjournal Alzheimer's & Dementia: Diagnosis, Assessment & Disease Monitoring veröffentlichte Längsschnittstudie an 15.576 älteren Menschen in Hongkong zeigte, dass eine moderate Sehbeeinträchtigung mit einem um 42 Prozent und eine schwere Sehbeeinträchtigung mit einem um 57 Prozent erhöhten Demenzrisiko einherging.

Schwere Einschränkungen verkürzten die demenzfreie Lebenszeit im Schnitt um 2,1 Jahre. Laut der Lancet-Kommission von 2024 zählt unbehandelter Sehverlust zu den 14 modifizierbaren Risikofaktoren, auf die weltweit etwa zwei Prozent aller Demenzfälle entfallen.

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Eine südkoreanische Studie an 18.710 Erwachsenen (veröffentlicht 2026 im British Journal of Ophthalmology) zeigte parallel, dass 83 Prozent der nach ISGEO-Kriterien festgestellten Glaukom-Erkrankungen undiagnostiziert waren.

Fachleute wie Professor Emrah Düzel betonen, dass fast die Hälfte aller Demenzfälle durch beeinflussbare Faktoren mitbestimmt wird. Neben Lebensstilinterventionen wie Bewegung, Ernährung und Blutdruckkontrolle schreitet auch die medizinische Früherkennung voran: An der Medizinischen Universität Wien untersucht die Alzheimer-Check-Studie derzeit den Blutbiomarker P-Tau 217 kombiniert mit Tablet-Tests, während neue Antikörpertherapien wie Lecanemab und Donanemab das Fortschreiten früher Krankheitsstadien um rund 30 Prozent verlangsamen können.

An der University of Michigan School of Public Health koordiniert Lindsay Kobayashi zudem ein durch das National Institute on Aging gefördertes Forschungsprojekt mit 3,2 Millionen US-Dollar, das anhand von Daten aus 20 Ländern die wirksamsten Präventionsstrategien ermitteln soll.

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