Hilfsmittelversorgung: Bundesrat befasst sich am 20. November mit Ausschreibungen
Veröffentlicht am: 16.10.2026 um 17:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deBranchenvertreter drängen auf verlässliche Rahmenbedingungen, da wirtschaftliche Belastungen und Unternehmensaufgaben im Hörakustikerhandwerk zunehmend die Versorgungssicherheit beeinträchtigen.
Wie gravierend die Konsequenzen für Kundinnen und Kunden ausfallen können, zeigt die Insolvenz des Hamburger Hörgeräte-Akustikers AudioMee: Da der laufende Betrieb die Kosten nicht mehr auffangen konnte, wurde der Kundenservice vollständig eingestellt, während zugleich Leihgeräte zurückgefordert wurden. Der Einzelfall verdeutlicht den zunehmenden Spagat zwischen Kostendruck und verlässlicher Betreuung.
Debatte um Hilfsmittelausschreibungen in Deutschland
Zusätzliche Verunsicherung schafft ein Beschluss des Bundestags, der im Zuge der Reform der Notfallversorgung die Wiedereinführung von Ausschreibungen im Hilfsmittelbereich vorsieht. Diese Praxis war 2019 abgeschafft worden. Die Branche reagiert mit deutlicher Kritik.
Auf der Mitgliederversammlung der Bundesinnung der Hörakustiker KdöR, die am 15. Oktober 2026 während des 70. Internationalen Hörakustiker-Kongresses in Hannover stattfand, forderte Innungspräsident Eberhard Schmidt die Politik auf, einen wirtschaftlichen Kahlschlag bei kleinen und mittelständischen Betrieben zu verhindern.
Ausschreibungen gingen zulasten der Versorgungsqualität und träfen letztlich die Patienten. Schmidt beklagte zudem einen wachsenden administrativen Aufwand ohne praktischen Mehrwert. Auf der Versammlung thematisierte zudem Dr. Christian Welzbacher vom Heinz-Piest-Institut der Leibniz Universität Hannover Strategien zur Auszubildenden-Akquise und Perspektiven im Handwerk.
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Auch andere Verbände positionieren sich gegen die Neuregelung. Der Bundesverband Medizintechnologie bezeichnete den Parlamentsbeschluss als schweren Rückschlag für die Hilfsmittelversorgung und regte eine Intervention des Bundesrats an.
Verbandsexpertin Juliane Pohl verwies darauf, dass Union und SPD die Hilfsmittel-Ausschreibungen 2019 wegen massiver Qualitätseinschränkungen beendet hatten; deren Rückkehr wiederhole diese Fehler.
Ein breites Bündnis aus Patientenvertretungen, Leistungserbringern und Herstellern lehnt die Ausschreibungen ab. Mit Blick auf das für 2026 angekündigte Hilfsmittelmodernisierungs- und Bürokratieabbaugesetz mahnt die Organisation verlässliche Instrumente zur Qualitätssicherung an.
Der Spitzenverband Wir versorgen Deutschland kritisierte ebenfalls die Wiedereinführung über Änderungsanträge und warnte vor einem Preisdruck zulasten wohnortnaher Versorgungsstrukturen. Der Verband kündigte eine bundesweite Plakataktion an, während die Generalsekretäre Kirsten Abel und Dr. Henning Schweer betonten, die politische Auseinandersetzung fortzusetzen.
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Der Industrieverband SPECTARIS gab zu bedenken, dass Ausschreibungsverfahren lediglich Produkte erwerben, jedoch keine Versorgungsleistung gewährleisten. Regionale Sanitätshäuser und Homecare-Anbieter leisten für die Jahre 2027 und 2028 bereits einen dreiprozentigen Abschlag.
Den veranschlagten Einsparungen von 75 Millionen Euro stehen nach Brancheneinschätzung beträchtliche Aufwendungen für Vergabeverfahren, Anbieterwechsel und erneute Einweisungen gegenüber. Die Befassung des Bundesrats mit dem Gesetz ist für den 20. November vorgesehen.
Versorgungsdefizite und Marktreformen im internationalen Vergleich
Welche Risiken ein veränderter Marktzugang mit sich bringen kann, zeigen auch Entwicklungen in den USA. Forscher der University of California, San Francisco verwiesen in einem Fachbeitrag darauf, dass vier Jahre nach der Zulassung rezeptfreier OTC-Hörgeräte für leichten bis mittleren Hörverlust durch die Behörde FDA weiterhin Defizite bestehen.
Laut einer zitierten Erhebung ließ sich lediglich rund ein Viertel der auf Amazon angebotenen OTC-Hörgeräte als FDA-zugelassen verifizieren. Ein Fünftel der Betroffenen erhielt keinerlei professionelle Unterstützung, während nur 51 Prozent das volle Spektrum aus Evaluation, Auswahl und Anpassung in Anspruch nahmen.
Preislich liegt die rezeptfreie Variante im Schnitt bei rund 500 US-Dollar gegenüber etwa 3.400 US-Dollar für verschreibungspflichtige Geräte; 70 Prozent der Erstkäufer griffen zu OTC-Geräten, da die traditionelle Medicare-Versicherung diese Kosten nicht abdeckt.
Eine Querschnittsstudie in JAMA Otolaryngology–Head & Neck Surgery bestätigt zudem, dass erhebliche Lücken bei der gesetzlich vorgeschriebenen Hörgeräteversorgung fortbestehen, wovon insbesondere ältere Erwachsene und finanziell schwächere Bevölkerungsgruppen betroffen sind.
Nach Einschätzung der Studienautoren könnten gezielte Reformen, etwa eine Ausweitung von Medicaid-Leistungen und entsprechende Vorgaben für private Krankenversicherungen, den Zugang zur Versorgung nachhaltig verbessern.
