Krafttraining im Alter: 9 Hochbetagte steigerten ihre Beinkraft um 174 Prozent
Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 05:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deDas tĂ€gliche Ziel von 10.000 Schritten gilt in vielen Gesundheitsempfehlungen als Standard fĂŒr ein aktives Leben. Aus orthopĂ€discher und traumatologischer Sicht reicht reines Gehen im Alter jedoch nicht aus.
Der Traumatologe Ăscar Ares weist darauf hin, dass Ausdauer- und Gehbelastungen allein den Erhalt von Muskulatur und Knochendichte nicht sicherstellen können. Um gesund zu altern, sei gezieltes Krafttraining unerlĂ€sslich. Ein Einstieg werde spĂ€testens ab dem 50. Lebensjahr empfohlen, es sei jedoch nie zu spĂ€t, damit zu beginnen.
Besondere Relevanz besitzt dieser Trainingsansatz laut Ares fĂŒr Frauen vor der Menopause. Hormonelle VerĂ€nderungen können in dieser Lebensphase zu einem verstĂ€rkten Abbau von Knochenmasse fĂŒhren und das Risiko fĂŒr Osteoporose sowie spĂ€tere KnochenbrĂŒche steigern.
Ares betont, dass Krafttraining dabei nicht zwingend die BewĂ€ltigung schwerer Gewichte erfordere. Die Belastung mĂŒsse vielmehr an das jeweilige Alter und die individuelle Kondition angepasst werden.
Muskelerhalt als Fundament fĂŒr MobilitĂ€t und SelbststĂ€ndigkeit
Der Verlust an Muskelmasse bedroht die SelbststĂ€ndigkeit im Alltag. Einer Umfrage des sĂŒdkoreanischen Ministeriums fĂŒr Gesundheit und Soziales aus dem Jahr 2023 zufolge möchten 87,2 Prozent der ĂŒber 65-JĂ€hrigen in ihrem eigenen Zuhause verbleiben.
Fachleute betonen, dass körperliche StabilitĂ€t hierfĂŒr die Voraussetzung ist. Dr. Vonda Wright nennt vier zentrale Strategien fĂŒr ein gesundes Wohnen im Alter: regelmĂ€Ăige Bewegung, gezielten Muskelaufbau, eine ausreichende Proteinzufuhr sowie die bewusste Ablehnung negativer Altersbilder.
Dass eine Steigerung der Muskelkraft selbst in hohem Alter möglich ist, belegt eine Studie in der Fachzeitschrift JAMA: Zehn gebrechliche Personen im Alter von rund 90 Jahren absolvierten ein zweimonatiges beaufsichtigtes Krafttraining. Die neun Absolventen verzeichneten ein Kraftplus in den Beinen von 174 Prozent und steigerten ihre Gehgeschwindigkeit um 48 Prozent.
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Neben der Muskelkraft spielt die ErnĂ€hrung eine wesentliche Rolle. Eine im Journal of the American Geriatrics Society veröffentlichte Untersuchung an 1.998 Personen im Alter von 70 bis 79 Jahren ĂŒber einen Beobachtungszeitraum von sechs Jahren ergab, dass eine Zufuhr von weniger als 0,7 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht tĂ€glich mit einem 1,86-fach höheren Risiko fĂŒr Geh- und Treppenprobleme einherging als eine Zufuhr von mindestens 1,0 Gramm.
Bei Werten zwischen 0,7 und unter 1,0 Gramm lag das Risiko 1,49-fach höher. Auch die innere Einstellung wirkt sich aus: Eine weitere Untersuchung an 598 Personen ab 70 Jahren ĂŒber bis zu elf Jahre zeigte, dass positive Altersbilder die Genesung nach gesundheitlichen RĂŒckschlĂ€gen begĂŒnstigen.
Zudem profitiert der Bewegungsapparat direkt von aktiver Belastung. Ein Cochrane-Review ĂŒber 44 klinische Studien bei Kniearthrose dokumentierte, dass trainierende Personen auf einer 100-Punkte-Skala 12 Punkte weniger Knieschmerzen und eine um 10 Punkte bessere Gelenkfunktion aufwiesen.
Sturzprophylaxe durch Balance und gezielte KrÀftigung
StĂŒrze gelten bei Erwachsenen ab 65 Jahren als fĂŒhrende Ursache fĂŒr Verletzungen und verletzungsbedingte TodesfĂ€lle. Eine am 10. August 2026 im Fachjournal JAMA Network Open publizierte Studie an 13.423 selbststĂ€ndig lebenden Erwachsenen ab 65 Jahren untersuchte den Einfluss verschiedener Fitnessparameter ĂŒber eine siebenjĂ€hrige Nachbeobachtung mit 1.631 registrierten TodesfĂ€llen.
Personen mit den höchsten Werten in einem kombinierten Score aus Ausdauer, Kraft, Balance und AgilitĂ€t wiesen ein um 61 Prozent geringeres Sterberisiko auf als Teilnehmer mit den niedrigsten Werten. Dabei zeigten Balance und AgilitĂ€t, gemessen ĂŒber den Einbeinstand bis 30 Sekunden und den 8-FuĂ-Up-and-Go-Test, den stĂ€rksten Zusammenhang mit der Langlebigkeit, gefolgt von der Beinkraft. Allgemeine Beweglichkeit war hingegen nicht mit der Lebensdauer verbunden.
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Zur Wirksamkeit niedrigschwelliger Programme lieferte die eSTEPS-Studie, ebenfalls veröffentlicht in JAMA Network Open am 16. Oktober 2026, klinische Daten. An der Untersuchung nahmen 11.945 Erwachsene ab 65 Jahren aus 22 US-amerikanischen PrimÀrversorgungspraxen teil.
Die Intervention umfasste personalisierte HeimĂŒbungen fĂŒr Gleichgewicht und Beinkraft im Umfang von etwa zehn Minuten pro Einheit. Nach 12 bis 23 Monaten lag die Rate dokumentierter StĂŒrze bei 19,3 gegenĂŒber 21,2 pro 100 Patientenjahre in der Kontrollgruppe, was einer relativen Reduktion von 9 Prozent entsprach (Rate Ratio 0,91; 95%-Konfidenzintervall 0,88â0,95).
Sturzverletzungen verringerten sich von 16,7 auf 15,7 pro 100 Patientenjahre. Eine signifikante Senkung der GesamtmortalitĂ€t zeigte sich nicht; zudem erhielten lediglich 22,1 Prozent der Interventionspatienten formelle Ăbungsverordnungen.
Leitlinien und Empfehlungen fĂŒr den Alltag
Nationale und internationale Institutionen empfehlen daher eine strukturierte Kombination aus Kraft- und Koordinationstraining. Das National Institute on Aging rĂ€t dazu, alle groĂen Muskelgruppen an mindestens zwei Tagen pro Woche zu beanspruchen.
Ăhnliche MaĂstĂ€be setzt das deutsche Bundesgesundheitsministerium: Neben 150 bis 300 Minuten moderater oder 75 bis 150 Minuten intensiver Ausdauerbewegung pro Woche sollten Ă€ltere Erwachsene an mindestens zwei Tagen krĂ€ftigende Ăbungen und an mindestens drei Tagen Ăbungen zur Gleichgewichtsförderung einplanen.
Experten empfehlen, mit einfachen Ăbungen wie dem Aufstehen und Hinsetzen vom Stuhl, Wadenheben, leichter Rumpfstabilisierung oder dem Gehen auf der Stelle zu beginnen. Vor Trainingsbeginn sei insbesondere bei Vorerkrankungen eine Ă€rztliche AbklĂ€rung sowie eine fachkundige Einweisung durch Physiotherapeuten oder Trainer ratsam, um Fehlbelastungen zu vermeiden und IntensitĂ€ten schrittweise zu steigern.
