Krankschreibung: Kabinett schafft Telefon-AU ab – 30 Mio. Praxisbesuche drohen
06.07.2026 - 01:21:41 | boerse-global.de
Das Kabinett hat ein umfangreiches Reformpaket verabschiedet, das die Krankschreibung per Telefon abschafft und den Weg für Künstliche Intelligenz in Praxen ebnet.
Ende der Telefon-Krankschreibung sorgt für Streit
Eine der umstrittensten Neuerungen des Pakets, das Anfang Juli 2026 vom Koalitionsausschuss finalisiert wurde, ist die Abschaffung der sogenannten „Telefon-AU". Künftig müssen Arbeitnehmer ab dem ersten Krankheitstag eine ärztliche Bescheinigung vorlegen. Auch anonyme Video-Sprechstunden zur Ausstellung von Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen werden eingeschränkt.
Der Deutsche Hausärzteverband übt scharfe Kritik an den Plänen und spricht von Symbolpolitik. Der Verband rechnet mit bis zu 30 Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen pro Jahr – eine enorme Belastung für das ohnehin angespannte System.
Die Krankenkasse DAK widerspricht der Annahme, die Reform senke den Krankenstand. Telefonische Krankschreibungen machten zuletzt nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller Bescheinigungen aus. Die Kassenführung warnt vor überfüllten Praxen und schlägt stattdessen ein Modell nach skandinavischem Vorbild vor: die Möglichkeit einer stufenweisen Krankschreibung.
Der AOK-Vorstand pflichtet bei: Die Abschaffung werde den Krankenstand kaum senken. Dieser lag 2023 bei 5,5 Prozent und kostete die Wirtschaft über 60 Milliarden Euro.
KI soll Ärzte entlasten
Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach sprach sich am 4. Juli 2026 in Würzburg für einen schnellen Einsatz Künstlicher Intelligenz in Kliniken und Praxen aus. KI könne bereits heute Frühwarnzeichen auf Röntgenbildern, CT-Scans und in Pathologieproben erkennen.
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Die digitale Strategie der Regierung sieht vor, die elektronische Patientenakte (ePA) zu einem KI-gestützten „Gesundheitscockpit" auszubauen. Das System soll bei der Therapieplanung helfen, Diagnosen unterstützen und Bürokratie reduzieren. Gerlach betonte jedoch: Die letzte medizinische Verantwortung müsse beim Menschen bleiben. Datenschutz und ethische Fragen würden parallel geklärt.
Apotheken werden zu Anlaufstellen für Videosprechstunden
Seit dem 1. Juli 2026 bieten Apotheken assistierte telemedizinische Leistungen an. Kassenpatienten können dort Videosprechstunden und erste ärztliche Einschätzungen erhalten. Zudem dürfen Apotheker nun Impfungen gegen Tetanus, Diphtherie und FSME verabreichen.
Die Koalition führt außerdem eine Termingarantie für Facharztbesuche im hausärztlichen System ein. Chronisch kranke Patienten zwischen 18 und 74 Jahren profitieren von einer neuen Halbjahrespauschale – sie müssen nicht mehr vierteljährlich zum Arzt, um ihre Versorgung aufrechtzuerhalten.
Arbeitsmarkt: Befristungen werden verlängert
Die Gesundheitsreform ist Teil eines größeren Wirtschaftspakets, das auch den Arbeitsmarkt betrifft. Die maximale Dauer befristeter Arbeitsverträge ohne Sachgrund steigt von 24 auf 48 Monate. Bis Ende 2030 sind bis zu sechs Verlängerungen möglich.
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Ab dem 1. Januar 2027 gelten neue Regeln für Spitzenverdiener: Wer ein Jahreseinkommen von rund 177.450 Euro oder mehr erzielt, kann künftig Abfindungen statt des klassischen Kündigungsschutzes wählen.
Der Bund plant zudem, die Zuschüsse zur Krankenversicherung 2027 um 1,4 Milliarden Euro zu erhöhen, um die Beitragssätze zu stabilisieren. Ab 2028 sinkt der Beitragssatz für mitversicherte Lebenspartner von 3,5 auf 2,5 Prozent.
